Margot Käßmann
Margot Käßmann

28.01.2016

Käßmann: Religionsgemeinschaften bieten Flüchtlingen Zuflucht "Dem Fundamentalismus etwas entgegensetzen"

Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, sieht Religionsgemeinschaften als gesellschaftliches Korrektiv bei der Flüchtlingsintegration. Sie böten Flüchtlingen einen Raum, ihre Geschichte zu erzählen.

"Gerade religiös orientierte Menschen können dem Fundamentalismus etwas entgegensetzen", sagte Käßmann am Mittwochabend bei einem Podium des Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerks in Berlin. Sie könnten die Hasstiraden der Pegida-Anhänger entlarven und dem Islamismus den Respekt vor Menschen anderen Glaubens entgegensetzen, ergänzte die Theologin. Sie selbst lasse sich lieber "als Gutmensch beschimpfen, als ein Schlechtmensch zu werden".

Käßmann bedauerte, dass derzeit kaum eine Möglichkeit bestehe, über die friedenserhaltende Kraft von Religionen zu sprechen. Nach dem 11. September 2001 habe sich in der Gesellschaft das Bild verbreitet, dass "der Terrorist der Islamist" sei. Die meisten Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, seien indes selbst Opfer von Islamisten.

"Flüchtlinge nicht nur religiös definiert"

"Wir hätten uns schon längst darum kümmern können, was im Nahen und Mittleren Osten geschieht", mahnte Käßmann. "Wir hätten die Demokratiebewegungen stärken können." Deutschland habe sich "viel zu lange vorgemacht", dass man sich von den Krisen der Welt abschotten und damit nichts zu tun haben könne.

Der Islamwissenschaftler Milad Karimi warnte davor, Flüchtlinge nur religiös zu definieren. Wer vor einem militanten Islam fliehe, sei "religiös verwundet". Diese Menschen fragten sich vor allem, wie es einen Gott geben könne, der ihnen so etwas wie die eigene Flucht zumute.

Der jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik kritisierte Diskussionen über Fluchtursachen. So etwas empfinde er als "Ausflucht", so Brumlik. "Sogar wenn wir alle ab morgen hochökologisch lebten, die Heizung nicht mehr aufdrehten und Geld abführten für Demokratiebewegungen", werde es nicht gelingen, dass der Syrien-Krieg in den nächsten zwei bis drei Jahren zu Ende gehe.

(KNA)

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