Flüchtlinge warten in der Kälte
Flüchtlinge warten in der Kälte

14.10.2015

Caritas warnt vor dem Winter und fordert mehr Flüchtlingsschutz Angst vor dem Kältetod

Bereits Mitte Oktober ist der Winter da. Flüchtlingsunterkünfte und Landesämter waren darauf nicht vorbereitet und die Geflohenen haben keine Winterkleidung. Hilfsorganisationen wie die Caritas warnen bereits vor dem Schlimmsten.

Amin ist seit zehn Stunden auf den Beinen. Mitten in der Nacht ist er aufgestanden und steht nun seit zwei Uhr vor der Berliner Erstaufnahmestelle am Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Seine Nase und die Wangen sind rot, die Hände hat er tief in die Jackentaschen gegraben. "Es geht schon", sagt er, "es regnet heute ja nicht". Amin ist aus Syrien geflohen, war ein Jahr unterwegs und wartet nun mit Hunderten Flüchtlingen vor dem Lageso. Sie alle wollen einen Asylantrag stellen. Doch die Erstaufnahmestelle der Hauptstadt ist weiterhin durch den Ansturm überfordert.

Caritas: "Können nicht ausschließen, dass Menschen sterben"

Im Sommer hatte das Landesamt Probleme, die Flüchtlinge mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen - jetzt müssen die wartenden Menschen vor der Kälte geschützt werden. Das übernehmen bisher die Hilfsorganisationen vor Ort. Amin trägt eine dicke Jacke und Stiefel, die er von Ehrenamtlichen erhalten hat. Vor dem Lageso sind neben der Bürgerinitiative "Moabit hilft!" auch Caritas, Diakonie und Johanniter aktiv. "Unter den Wartenden sind Kleinkinder, die zitternd und blau angelaufen in der Kälte stehen. Wir können nicht mehr ausschließen, dass Menschen sterben", warnt die Berliner Caritasdirektorin Ulrike Kostka.

Viele frieren auch in ihrer Unterkunft. So leben nach Recherchen der "Welt" bundesweit Zehntausende Flüchtlinge in nicht winterfesten Zelten. In den Einrichtungen der Länder wohnten von rund 305.000 Flüchtlingen Anfang Oktober etwa 42.000 in Zelten oder "zeltähnlichen Unterkünften".

Vor großen Herausforderungen steht demnach Hessen. Dort leben nach Angaben des dortigen Integrationsministeriums rund 6.900 von 18.000 Schutzsuchenden in Zelten - im Verhältnis zur Gesamtzahl der Flüchtlinge ist dies der höchste Anteil im bundesweiten Vergleich, wie die Zeitung berichtet. In Rheinland-Pfalz etwa lebt nach Angaben des Integrationsministeriums rund ein Drittel der Flüchtlinge in Zelten.

Flüchtlinge bekommen warme Suppe

Amin hatte Glück - er wohnt in einem Haus für Flüchtlinge. Dort kann er sich abends aufwärmen und ein paar Stunden schlafen. Mitten in der Nacht stellt er sich dann wieder am Lageso an. Dort haben sich die Helfer inzwischen auch bei der Verpflegung auf die Kälte eingestellt: Statt sommerlichen Sandwiches mit Tomate-Mozzarella bekommen die Flüchtlinge täglich eine heiße Suppe oder einen Eintopf. Dennoch dringt die Caritas auf einen besseren Kälteschutz: Der Senat müsse das Verfahren so ändern, dass Flüchtlinge in ihren Unterkünften auf die Registrierung warten können.

Problem Impfschutz

Ein weiterhin ungelöstes Problem ist der Impfschutz. Zwar veröffentlichte die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts jüngst ein Konzept für ein Mindest-Impfangebot gegen Krankheiten wie Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Mumps, Röteln oder Windpocken. Doch derzeit drängt die Zeit vor allem mit Blick auf den Schutz vor möglichen Grippewellen.

Obwohl die Temperaturen stetig fallen, sind die Gesundheitsministerien mehrerer Länder, darunter Rheinland-Pfalz und Saarland, noch im Prüfstadium, wie sie vor allem Risikogruppen in Erstaufnahmeeinrichtungen impfen können, etwa Schwangere, ältere und chronisch kranke Flüchtlinge.

Warnung vor Grippewelle

Bereits Anfang September hatte die Gesellschaft für Virologie (GfV) vor einem hohen Influenza-Risiko in Flüchtlingsheimen gewarnt. Laut GfV-Präsident Thomas Mertens steht der Influenza-Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung. Der Ulmer Virologe betont, das Problem sei vor allem logistischer Natur. Wenn man im November mit dem Impfen anfangen wolle, hätten schon jetzt konkrete Pläne vorliegen müssen.

In Flüchtlingsunterkünften tätige Ärzte zeigen sich besorgt. "Schon bei einer normalen Grippeepidemie sind die Arztpraxen überlastet - da will ich mir nicht vorstellen, was passiert, wenn das hier ausbricht", warnt der im saarländischen Heusweiler niedergelassene Kinderarzt Thomas Albrecht. Mit mehreren Kollegen hat er eine Gesundheitsversorgung in der zentralen Landesaufnahmeeinrichtung Lebach aufgebaut. Die Arbeitsbedingungen seien jedoch nicht gut: Es fehle an ausreichenden Kühlungsmöglichkeiten für Medizin und an medizinischem Equipment.

 

Samuel Dekempe und Michael Merten
(KNA)

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