Rudi Löffelsend
Rudi Löffelsend
Flüchtlingslager in Erbil, Nordirak
Flüchtlingslager in Erbil, Nordirak

17.09.2015

Caritas kritisiert Zustände in Flüchtlingslagern im Irak Wachsende Perspektivlosigkeit

Viele Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben im Nachbarland Irak in Flüchtlingslagern. Über die Lage vor Ort und wachsende Perspektivlosigkeit berichtet Rudi Löffelsend von der Caritas Flüchtlingshilfe in Essen im domradio.de-Interview.

domradio.de: Wie ist denn die Situation in den Flüchtlingslagern im Irak?

Rudi Löffelsend: Sie wird nicht besser, sie wird schlechter. Das liegt an vielen Faktoren. Der wichtigste ist, dass bislang immer über das UN-Flüchtlingshilfswerk monatliche Lebensmittelgutscheine im Wert von 30 Dollar pro Person verteilt wurden. Diese Gutscheine sind aber jetzt auf neun Dollar gekürzt worden. Dabei muss man berücksichtigen, dass die Preise für Lebensmittel auf einem Niveau wie bei uns in Deutschland liegen. Die Kürzung ist eine Folge davon, dass die Geberländer ihren Verpflichtungen gegenüber der UN nicht nachkommen. Für die Menschen bedeutet das vielmals eine Existenzfrage. Und der zweite Punkt liegt darin begründet, dass die Menschen nun schon teilweise seit vier bis fünf Jahren in Zeltlagern leben. Diese sind zwar im Vergleich zu manch anderem Zeltlager mit Strom und Wasser relativ gut ausgestattet, aber, wenn man mit einer Familie ständig auf 12-16 Quadratmetern Zeltfläche lebt, ist das auch nicht gerade prickelnd.

domradio.de: Verständlich, wenn sich die Menschen unter diesen Bedingungen auf den Weg nach Europa und Deutschland machen wollen. Welche Hoffnungen begleiten die Flüchtlinge auf ihrem Weg?

Rudi Löffelsend: Sie haben in erster Linie Hoffnung auf ein besseres Leben und eine Zukunft für ihre Kinder. Das ist das, was immer gesagt wird. Der größte Teil der Flüchtlinge hofft, Arbeit und eine neue Heimat zu finden. Die meisten haben es aufgegeben, daran zu glauben, dass man in den Irak oder nach Syrien in die alte Heimat zurückkann.

domradio.de: Sie sprechen ja auch mit irakischen Flüchtlingen, die in Deutschland angekommen sind. Decken sich denn da Hoffnung und Realität?

Rudi Löffelsend: Nein, nicht immer. Die Erwartungen und Hoffnungen sind anfangs schon sehr überzogen. Das relativiert sich aber nach und nach. Die größte Hürde ist immer die Sprache. Wer kein Deutsch kann, hat hier keine Chance, Fuß zu fassen. Deshalb haben wir auch ganz viele Kurse für diejenigen im Angebot, die keinen Anspruch auf staatliche Kurse haben. Da wird wenigstens die Grundlage gelegt, um im Alltag und im Umgang mit anderen halbwegs klar zu kommen. Wenn sie das hinkriegen, dann kann man sie auch leichter für Praktika in Betriebe vermitteln. Das haben wir in den letzten Wochen so festgestellt. Aus den Betrieben kommen dann meist sehr positive Rückmeldungen, was die Arbeitswilligkeit und den Kenntnisstand angeht.

domradio.de: In der derzeitigen politischen Diskussion - gerade in Osteuropa - wird über den Integrationswillen von Muslimen gesprochen. Wie kriegen Sie das mit?

Rudi Löffelsend: Es ist eine Frage, woher die Flüchtlinge kommen. Und damit meine ich, ob sie aus Großstädten oder vom Land kommen. Alle die, die aus größeren Städten kommen, haben auch meist einen relativ guten Bildungsstand und auch den Willen, sehr schnell wieder einen Beruf zu ergreifen und sich anzupassen. Da sehe ich kein Problem. Es ist vielmehr ein Problem bei den Leuten, die vom Land kommen und meist einen geringeren Bildungsstand haben. Man kann sagen: Je geringer der Bildungsstand ist, desto stärker ist der Glaube bei den Muslimen. Da wird es ein bisschen schwieriger werden. Ich glaube, da muss man auch mehr tun als bisher, um Leuten sehr früh klar zu machen, wo hier in Deutschland der Hammer hängt. Also, man muss verdeutlichen, welche Werte wir haben und dass wir eine Verfassung haben, die einzuhalten ist. Sonst könnte noch ein kleineres "Sub-Proletariat" entstehen.

domradio.de: Sie haben mit verschiedenen katholischen Bischöfen aus dem Irak besprochen. Insbesondere für Christen ist die Gefahr im Irak groß. Was sagen die Bischöfe Ihnen denn über die Situation vor Ort?

Rudi Löffelsend: Ich habe in dieser Woche noch die Gelegenheit gehabt, mit dem chaldäischen Erzbischof von Erbil zu sprechen, der auf einer Blitz-Visite in Essen war. Der sieht schon mit großer Sorge, dass eine verstärkte Abwanderung von Christen erfolgt. Das sind auch nicht nur Flüchtlinge, die aus Mossul oder der Ninive-Ebene nach Erbil gegangen sind, sondern auch Christen, die schon seit Generationen in Erbil leben und ganz gut dort gelebt haben. Selbst dort hält inzwischen eine Perspektivlosigkeit Einzug, so dass der Bischof schon in Sorge ist, wie es mit der von 1,5 Millionen auf rund 250.000 geschrumpften Anzahl von Christen weitergeht.

Das Interview führte Dr. Christian Schlegel

 

(dr)

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