Solidaritätsabend für Flüchtlinge in Köln
Solidaritätsabend für Flüchtlinge in Köln
Rupert Neudeck
Rupert Neudeck
Martin Bröckelmann-Simon, Misereor-Geschäftsführer
Martin Bröckelmann-Simon, Misereor-Geschäftsführer

20.06.2015

Rupert Neudeck über Solidaritätsabend "Das war schon immer mein Traum"

Noch immer hallen die 23.000 Glockenschläge des Kölner Solidaritätsabends nach. Rupert Neudeck, Gründer der Hilsorganisation Cap Anamur, und Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer von Misereor, schildern im domradio-Interview ihre Eindrücke.

domradio.de: Wie haben Sie diesen Abend erlebt?

Rupert Neudeck (Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur): Das war mein Traum, so etwas mal zu erleben, dass man mit der Kirche zusammen, mit den Christen, mit den Bürgern der Stadt Köln so etwas überlegt und vorangeht. Nicht wartet, bis die Politik was macht und die Institutionen was machen. Das ist an diesem Abend sehr gut geglückt.

Martin Bröckelmann-Simon (Geschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor): Ich fand es sehr bewegend und beeindruckend, wie viele Menschen dem Abend gefolgt sind, trotz des so schlechten Wetters. Welch großer Strauß an Sichtweisen auch auf die Flüchtlingsproblematik deutlich geworden ist und die unterschiedlichen Ansätze, die aber alle um die gleiche Frage kreisten: Wie kann man den Menschen in Not helfen und die Tore weit machen?

domradio.de: Was bleibt von diesem Abend? Was erhoffen Sie sich?

Neudeck: Also das Schiff „Phoenix“ von Moas auf Malta wird bleiben, denn wir werden jetzt erst anfangen, dafür zu sammeln. Ich werde es in drei Tagen besuchen, ich werde mit dem Kapitän, mit der Mannschaft und mit dem Besitzer sprechen. Ich werde mir das Schiff ansehen auch aufgrund meiner Erfahrung mit Cap Anamur. Ich werde sehen, ob da was fehlt. Zum Beispiel in der Ambulanz kann es sein, dass da zwei Ärzte oder zwei Krankenschwestern fehlen. Davon werde ich berichten wenn ich zurück bin und dann werden wir weitermachen. Das heißt, dieser Abend war ein Beginn, dass in der Diözese und dem Bundesland Nordrhein-Westfalen und vielleicht darüber hinaus in Deutschland mehr passiert, damit dieses elende Gerangel um Flüchtlingszahlen und die Aufnahme von mehr Menschen ein Ende hat.

domradio.de: Herr Bröckelmann-Simon, wir haben heute Abend einige Zeugnisse gehört von Flüchtlingen, die hierher gekommen sind. Sie haben uns von ihrer schweren Reise erzählt. Wenn man in den Nachrichten die Zahlen hört: Es sind Hunderte gerettet, es sind Hunderte gestorben  - das wirkt alles sehr abstrakt. Kann man das Thema durch solche Abende den Menschen näher bringen?

Bröckelmann-Simon: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass viele auf dem Platz bewegt waren durch diese Zeugnisse. Durch die Geschichten, die erzählt worden sind, aber auch durch dieses starke Symbol der Kirche. Das Läuten der Totenglocken, da sind ganz viele nachdenklich geworden. Ich wünsche mir, dass dieser Klang der Glocken nicht einfach so verhallt. Dass es hängen bleibt, auch in der Politik gehört wird, weil die Toten auf dem Mittelmeer letztendlich eine Folge von politischen Regelungen sind. Sie sind nicht das Opfer des Meeres, sondern einer unmenschlichen Politik. Sie sterben deswegen, weil die Tore geschlossen sind. Wir wissen alle, dass der Krieg in Syrien jetzt schon im fünften Jahr ist und ein Licht ist nicht am Horizont zu sehen. Wir müssen damit rechnen, dass die Situation andauert, ebenso in anderen Krisengebieten. Und deswegen brauchen wir einen völlig anderen Umgang mit dem Phänomen von Flucht und Migration. Und wir müssen auch die Angst davor verlieren.

domradio.de: Sie beide waren bei einer Gesprächsrunde dabei unter anderem mit Sylvia Löhrmann, der stellvertretenden nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin. Haben Sie Hoffnung, dass da mehr hängen bleibt in der Politik und mehr passiert in den kommenden Monaten?

Neudeck: Ja, wir haben ja etwas gemacht, das noch nie gemacht worden ist. Wir haben ein spirituelles Ereignis erlebt. Das hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten ganz selten erlebt. Ich bin stolz darauf, dass wir endlich so etwas hinbekommen haben. Politische Aktionen unter Christen müssen damit beginnen, dass wir uns zusammentun und miteinander beten und singen, Musik haben, Freude haben, Informationen austauschen., dass man dieses alles zusammenbinden kann. Es ist zum ersten Mal in unserer rheinischen Welt gelungen, so etwas durchzuführen. Ich freue mich sehr darüber.

domradio.de: Anfang des Jahres, als die Pegida-Demonstration durch Köln ging, wurde das Licht am Kölner Dom ausgeschaltet. Das war ein Zeichen, das um die Welt ging: Der dunkle Kölner Dom. An diesem Abend waren es die Glockenschläge des "dicken Pitter". Wird das auch ein Zeichen sein, an das man sich in Zukunft noch erinnern wird?

Bröckelmann-Simon: Auf jeden Fall und ich würde mir wünschen, dass es weitere Bistümer in Deutschland gibt, die sich einer solchen Aktion anschließen. Ich freue mich über Münster und Osnabrück, dass sie mitgemacht haben und ich bin sicher, dass ein solches starkes Signal, das von der Kirche ausgeht, auch Politik verändert. Politik fällt nicht vom Himmel. Sie geschieht, weil Bürgerinnen und Bürger auch ihren Willen deutlich machen. Wenn das auf diese Weise geschieht und auch noch von Anderen verstärkt wird, dann wird sich hoffentlich etwas verändern.

domradio.de: Wie soll es jetzt weitergehen? Was wünschen Sie sich?

Bröckelmann-Simon: Ich würde mir wünschen, dass es endlich eine einheitliche europäische Flüchtlingspolitik gibt und eine klare Regelung und Eröffnung von Wegen legaler Zuwanderung, bei denen Menschen schon in den Herkunftsländern Orientierung und Hilfe bekommen können. Auch dahingehend, dass sie den Weg verändern und in ihrer Region, in ihrem Land bleiben. Ich glaube, wir brauchen einen völlig anderen Umgang mit Migration.

Neudeck: Ich wünsche mir, dass meine Regierung in Nordrhein-Westfalen, dass die Ministerpräsidentin, die in der Lage ist, aufgrund der Landesverfassung zehntausend Menschen einfach mit Schiff oder Flugzeug hierherzubringen von den nordafrikanischen Küsten, dass sie das macht. Ich suche seit Wochen nach einem Ministerpräsidenten, der die Erfahrung von Ministerpräsident Ernst Albrecht wiederholt, der 1978 einfach 1000 Vietnamesen aus dem südchinesischen Meer mit dem Flugzeug nach Hannover-Langenhagen geholt hat.

Das Interview führte Matthias Friebe

(dr)

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