Herbststimmung bei St. Peter im Schwarzwald
Zeit für Besinnung: Fastenzeit

13.02.2018

Über den Abschied von liebgewonnenen Gefährten Sechs Tonnen Erinnerung

Die Fastenzeit naht - die einen nutzen die Wochen zum inneren Entschlacken und zur Besinnung, andere zum Frühjahrsputz oder zum Loslassen überflüssiger Dinge. Gerade bei Büchern ist das aber leichter gesagt als getan.

Sechs Tonnen Bücher waren zu bewegen, ein Umzug stand an. Wohin mit einer Bibliothek, die von einem kleinen Haus am Rhein auf dem Lande in eine noch kleinere Stadtwohnung an der Spree verlagert werden muss? Sechs Tonnen Bücher sind sechs Tonnen Erinnerung.

Hinter dem Erwerb oder Erhalt eines jeden Bandes steckt eine Geschichte. Gar nicht zu sprechen von all den Geschichten, den Abenteuern, den Figuren, die noch darauf warten, entdeckt, erforscht und erlesen zu werden. Eine Bibliothek ist ein Zukunftsprojekt. Auch wenn die Bücher aus dem 18. Jahrhundert sind oder im 16. Jahrhundert spielen. Hinter ihrem Rücken, den sie uns Seit an Seit im Regal aneinandergereiht zeigen, eröffnen sich ungeheure Weltenräume, die mit unserem Erinnerungsraum korrespondieren.

Von Altem trennen

Aber es nützt alles nichts. Bücher sind auch Ballast von erheblichem Gewicht, wenn sie in Kisten gepackt von A nach B transportiert werden. Dann steht die Leichtigkeit des Lesens in keinem Verhältnis mehr zu Gewicht und Volumen der Kartons. Ganz abgesehen vom Raum, den diese Kartons einnehmen, wenn sie in der neuen Bleibe jede Möglichkeit versperren, in Regale einsortiert zu werden.

Also heißt es, sich von einem Teil von ihnen zu trennen. Den alten Gefährten den Laufpass zu geben und zu wissen, dass sie woanders Aufnahme finden, ist heute, im digitalen Zeitalter nicht mehr selbstverständlich, in dem auf einem E-Book-Reader mehrere 100 Romane Platz haben. Mit altem Papier ist keiner mehr geduldig. Der Fall der antiquarisch einst hochpreisig gehandelten Werke ins Bodenlose, der Verfall einer althergebrachten Lesekultur schreitet voran. Längst werden die Lagerkosten der Antiquariate durch den Verkauf der Bücher nicht mehr gedeckt, die Läden verschwinden wie eine Pflanzenart, die plötzlich mit dem Klima nicht mehr zurechtkommt.

Kommt der Minimalismus mit dem Alter?

Wie nicht in Bitternis verfallen, wenn dieses Immer-mehr auf Immer-Weniger reduziert werden muss, und das nicht nur umzugs- sondern auch altersbedingt. Altern bedeutet minimieren, reduzieren, mit den noch verbleibenden Ressourcen, den Kräften ökonomisch hauszuhalten. Die Augen lassen nach, das Klettern auf die Bibliotheksleiter wird zum riskanten oder bereits unüberwindbaren Hindernis.

Mit dem Alter einher geht nicht unbedingt die Weisheit, sich von dem Ballast zu befreien. Es überwiegt bei uns, anders als im asiatischen Raum, das Bild, am Ende seines Lebens jene reiche Ernte einzufahren, für die man sich das ganze junge Leben krumm gemacht hat. In unserer Überflussgesellschaft hat das Unbehagen am Zuviel mittlerweile einen eigenen Buchbranchenzweig hervorgebracht, die de Lebensratgeber nach dem Motto: "Verschlanke dein Leben, ordne Deine Gegenstände, verabschiede Dich von dem Ballast, der Dich umgibt". Sie tragen inzwischen allein durch ihr massenhaftes Auftreten zum Wohlstandsmüll bei.

 "Besitzen, als besäße man nicht"

Das amerikanische Time-Magazine zählt die Autorin Marie Kondo durch ihr Buch "Magic cleaning" zu einer der einhundert einflussreichsten Menschen der Welt. Ihre These: Mit dem Ballast in der Wohnung verschwinde auch der Ballast in den Köpfen und von der Seele. Es bedarf dafür eines Trennungsrituals. Alle Dinge, die man loswerden möchte, soll man in die Mitte eines Raumes legen, um sie herumgehen und jedes Stück einzeln befragen.

Auch der Philosoph und Theologe Thomas Gutknecht, seit 1991 Leiter der philosophischen Praxis Logos-Institut in Lichtenstein, Reutlingen und Stuttgart mit Schwerpunkten in der "philosophischen Seelsorge", plädiert für Reduktion. Sie könne sehr sinnvoll sein, vor allem dann, wenn sie einen frei mache. Seine favorisierte Haltung: Besitzen, als besäße man nicht. In unserer materialistischen Zeit haben die materiellen Güter einen großen Stellenwert eingenommen. Das könnte auch damit zu tun haben, dass es so etwas wie eine innere Leere gibt, eine Unfähigkeit zur Muße, die kompensiert werden muss.

Gegen diese Leere, die Unfähigkeit zur Muße half einst das Lesen von Büchern. Sechs Tonnen Befreiung der Seele und Entfesselung des Geistes? Ein Paradox, das sich nicht auflösen lässt.

Andres Öhler
(KNA)

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