06.07.2021

Theologe beleuchtet ethische Fragen zur Corona-Impfung Strafen, Anreize, Impfpflicht?

Erst war der Impfstoff knapp, dann kamen Impfdrängelei und Impfneid, nun die Impfmüdigkeit. Wie steht es um die moralische Pflicht des Einzelnen, zur Impfung zu gehen? Alexander Merkl beleuchtet die ethischen Fragen zur Impfproblematik.

DOMRADIO.DE: Am Montag haben die Politiker beschlossen, dass es keine Strafen für Menschen geben soll, die nicht zur zweiten Impfung erscheinen und noch nicht mal ihren Termin absagen. Wie, denken Sie, ist das generell zu bewerten? Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, Menschen lassen diese Termine verstreichen und sagen noch nicht mal Bescheid?

Prof. Dr. Alexander Merkl (Juniorprofessor für Theologische Ethik am Institut für katholische Theologie der Universität Hildesheim): Grundsätzlich muss man das Problem dahinter erkennen, dass nämlich dadurch nur langsamer geimpft werden kann und gegebenenfalls sogar Impfstoff weggeworfen werden muss. Das ist eine unsolidarische Haltung. Für den theologischen Ethiker kommt man zu dem wenig überraschenden Schluss, dass das moralisch natürlich nicht wünschenswert und problematisch ist.

Wichtig scheint mir aber die Frage des "Warum?". Da scheint sich dann doch eine vielschichtige Motivlage aufzutun, die einen differenzierten Blick erfordert. Komme ich aus reiner Böswilligkeit, aufgrund von Bequemlichkeit, weil ich lieber in den Urlaub gefahren bin, nicht zu meinem Termin oder habe ich wirklich Probleme mit der technischen Stornierung oder Ähnliches? Hier würde ich differenzieren.

Und dann muss man sich als Ethiker immer auch die Frage stellen, was man dagegen tun soll. Das Problem ist, glaube ich, im medizinischen Kontext auch nicht gänzlich neu, dass Termine nicht eingehalten werden. Ich denke, es ist gut, dass man keine generellen Geldstrafen einführt. Man sollte vor allem bei Erinnerungspraktiken ansetzen, beispielsweise per SMS. Und auch bei der Aufklärung sollte man vielleicht noch einmal nachlegen: Warum ist diese zweite Impfung wichtig? Und welche Folgen hat es auch für andere, wenn ich einfach nicht erscheine.

DOMRADIO.DE: Man könnte sich vorstellen, dass der oder die eine oder andere in Sachen Corona-Impfungen vielleicht mehrere Eisen im Feuer hatte, vielleicht gar nicht mehr so genau wusste, bei wem man überall auf der Liste steht. Gründe haben die Menschen viele, aber die Sache ist natürlich die: Inwieweit muss das in die Köpfe der Menschen rein, dass es nicht nur um sie selbst geht?

Merkl: Ja, sehr. Ich meine, wenn wir etwas aus dieser Pandemie gelernt haben, dann ist es wahrscheinlich Solidarität: Biblisch gesprochen die Nächstenliebe, aber eben auch der Schutz für die Schwachen.

Warum soll ich mich impfen lassen? Natürlich einmal, um mich selbst zu schützen. Aber eben auch, um jene, wie man immer so schön gesagt hat, vulnerablen Gruppen zu schützen, um jene zu schützen, die sich aus gesundheitlichen Gründen auch nicht impfen lassen können. Da stehen wir in einer besonderen Pflicht, denke ich. Deswegen sollte das in die Köpfe rein, dass hier nicht nur ich selbst betroffen bin, sondern auch wir als Gesellschaft insgesamt, also auch andere Menschen.

DOMRADIO.DE: Wir bekommen alle bis spätestens September ein Impfangebot. Das hören wir vonseiten der Politik. Aber was ist mit den Kindern? Für die unter 12-Jährigen gibt es ja noch keine Impfempfehlung. Inwieweit sind denn dann alle auch für den Kinderschutz mitverantwortlich?

Merkl: Ende September, jetzt habe ich ja schon gehört Ende Juli. Also wir sind wirklich auf einem guten Weg. Das Angebot soll die Nachfrage sehr bald auch übertreffen. Die Kinder sind dabei, so empfinde ich es, ein sehr sensibles Thema. Wir haben diese fehlende Empfehlung der Ständigen Impfkommission für die 12- bis 17-Jährigen, was bei Eltern, denke ich, zurecht auch für einige Verunsicherung sorgt.

Wir müssen uns über die Rolle der Kinder mit Blick auf die Herdenimmunität noch klarer werden. Bei, ich glaube, etwas mehr als 12 Millionen Kindern in Deutschland ist das eine Größe, die wir nicht vernachlässigen können. Und dann gilt natürlich: Auch Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Virusvarianten. Deswegen würde ich diese Impfung für Kinder mit diesem Argument nicht ausschließen wollen.

Man sollte zudem auch sehen: Durch die asymptomatische Übertragung in die Familien durch Kinder, die vielleicht in der Schule, in der Kita mit dem Virus in Verbindung kommen, ergeben sich wieder neue Probleme. Ich denke, das sollte man alles im Blick behalten.

DOMRADIO.DE: Strafen gibt es jetzt also nicht, wenn jemand nicht die zweite Impfung wahrnimmt. Aber Impfanreize werden jetzt auch überlegt, also quasi kleine Geschenke oder aber auch die Aussetzung von Corona-Schutzmaßnahmen wie der Maskenpflicht. Ist das aus Ihrer Sicht eine gute Methode, um Menschen zu überzeugen?

Merkl: Man muss auch hier wieder differenzieren. Grundsätzlich kann das sinnvoll sein. Wir sehen es vielleicht in leicht übertriebener Art und Weise in den USA, wie es da gehandhabt wird, mit Lotterielosen oder Fotos mit Sportpokalen, wenn man sich impfen lässt. Wie gesagt, das kann sinnvoll sein.

Ich würde mir grundsätzlich vielleicht die Frage stellen, ob meine Entscheidung für oder gegen eine Impfung jetzt von einem Museumsticket abhängen soll oder nicht. Aber gerade wenn die Impfbereitschaft stagniert, ist es sinnvoll. Wichtig scheint mir dann aber eine Unterscheidung zu sein: Ist es der einmalige Kinogutschein für einen Besuch, dann ist es als Impfanreiz ok. Aber dann kann man nicht sagen: Nur wer geimpft ist, darf generell ins Kino gehen. Denn dann sind wir sehr schnell von einem Anreiz weg bei einer "Impfpflicht".

DOMRADIO.DE: Das ist genau das Stichwort. Impfpflicht durch die Hintertür sozusagen?

Merkl: Ich will jetzt nicht sagen, dass es so ist, aber wir sollten sensibel dafür bleiben, dass die Gefahr einer Impfpflicht besteht. Das gilt vielleicht weniger im staatlichen Raum als mehr noch bei privaten Anbietern, die die Möglichkeit haben, beispielsweise für eine Busfahrt oder Ähnliches festzulegen, dass nur geimpfte Personen mitdürfen. Dann entsteht selbstredend schon ein Zwang, für den man sensibel bleiben sollte und über den man nachdenken sollte. Es geht also immer um die Frage: Wie setze ich die Dinge um?

DOMRADIO.DE: Wenn Sie jetzt mal theologisch draufschauen? Gibt es vielleicht in der Bibel einen Impuls, einen Gedanken in Sachen moralische Pflicht, der uns weiterhelfen könnte?

Merkl: Konkret findet man, denke ich, zum Thema Impfen nichts. Aber ich bin auch kein Bibelwissenschaftler. Ich würde da auf prinzipieller Ebene ansetzen: Nächstenliebe, Impuls zur Solidarität, vielleicht auch goldene Regel. So wie ich mir erhoffe, dass andere mich schützen, so sollte doch auch ich das Nötigste tun, um andere zu schützen. Sehr biblisch und auch wichtig für unseren aktuellen Papst Franziskus ist immer der Schutz der Schwachen, der Schutz der Armen. Auf dieser prinzipiellen Ebene spricht auch sehr vieles dafür, sich impfen zu lassen.

DOMRADIO.DE: Was kann die Kirche generell tun, um die Menschen zu überzeugen, sich jetzt auch impfen zu lassen?

Merkl: Vor allem wir als Einzelne, die wir der Kirche nahestehen, können da mit gutem Beispiel vorangehen, wir können motivieren, können ermutigen. Wir hatten jetzt auch hier um die Ecke von Hildesheim eine Aktion in Hannover, dass knapp 200 Obdachlose kirchlich unterstützt geimpft wurden. Ich denke, über solche Projekte kann man auch viel leisten.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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