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14.03.2021

"Gier. Was uns bewegt“ lautet eine neue Ausstellung in Stuttgart Die vielen Gesichter der Gier

Im Haus der Geschichte in Stuttgart werden 31 Geschichten zum Thema Gier aus drei Jahrhunderten mit 300 Ausstellungsstücken gezeigt. Welche Formen es gibt, beschreibt Direktorin Prof. Paula Lutum-Lenger im Interview.

DOMRADIO: Wenn man Gier hört, dann denkt man: Oh wie schlecht. So einfach ist das aber nicht, oder?

Prof. Dr. Paula Lutum-Lenger (Direktorin am Haus der Geschichte): Naja, sie gilt als Todsünde. Sie steht für Maßlosigkeit. Aber ohne Gier gibt es auch keinen Fortschritt und auch kein Wachstum. Sie ist auch Treibstoff.

DOMRADIO: Sie zeigen ja die Ambivalenz von Gier. Zum Beispiel am Chemiker Fritz Haber. Der hat in guter Absicht den Kunstdünger entwickelt, dann aber aus Habgier Giftgas, das im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde. Da merkt man, da kippt dann irgendwas.

Lutum-Lenger: Ja. Haber war ein sehr ehrgeiziger Wissenschaft und setzte sein Wissen ohne Skrupel ein. 1909 gelang dem Chemiker aus Karlsruhe, aus Stickstoff und Wasserstoff Ammoniak herzustellen und so die Produktion von Kunstdünger zu revolutionieren. Um 1915 drang er darauf, es als Giftgas im Krieg einzusetzen. Da haben wir die Ambivalenz, was aus Wissbegierde und aus Neugierde auch werden kann.

DOMRADIO: Bei Bankern und Finanzjongleuren ist das ähnlich?

Lutum-Lenger: Im Geschäftsleben ist das Streben nach Gewinn etwas Positives. Doch wenn dieses Streben nicht aus Freude am guten Wirtschaften passiert, sondern aus Gier nach mehr Geld, dann geht es natürlich ans Eingemachte. Dann schadet es anderen. Wir haben ja in den letzten Jahren viele Finanzskandale erlebt, etwa den Cum-Ex-Betrug mit Kapitalertragssteuer. Solche Wirtschaftsskandale kennen wir bereits aus dem Kaiserreich. Also auch um diese Dimension von Gier geht es, die ja dann durchaus kriminell ist.

DOMRADIO: Es gibt auch Gier im Privaten. Sie nennen als Beispiel Sneakers, also Turnschuhe. Was haben die mit Gier zu tun? Die sehen doch eigentlich ganz harmlos aus.

Lutum-Lenger: Der Sammler selber sagt es: 153 Paar Schuhe, das ist eine Menge. 153 Paar Schuhe sagen zunächst einmal etwas über die Sammelleidenschaft eines sportbegeisterten Mannes. Und diese Schuhe, jedes Paar Schuhe, hat eine besondere Geschichte. Das sagt etwas über die Empathie dieses Sammlers, der sich selber aber auch als gierig bezeichnet. Er sagt: Diese Gier des Sammlers und Jägers gehört unbedingt dazu, um ein ganz besonderes Modell zu haben. Damit die Sammlung komplett ist.

DOMRADIO: Im Sport gilt Gier oft als Garant für den Sieg. Das wird von Psychocoaches sogar gepredigt: Ihr müsst gierig seid, ihr müsst den Erfolg wollen im Sport. Wann kippt denn da die Gier?

Lutum-Lenger: Fußballtrainer Jürgen Klopp sagt, dieser Wille zum Sieg sei sehr positiv, seine Mannschaft müsse gierig sein. Das stimmt. Andererseits sind da die Dopingspritzen, die für Leistungssteigerung um jeden Preis sorgen. Und die viele auch einsetzen.

DOMRADIO: Hat sich der Begriff auch geändert im Laufe der Zeit?

Lutum-Lenger: Wenn das Ungezügelte und Unersättliche dazukommt und vor allem wenn es zu Lasten anderer geht, dann ist das etwas, was es zu allen Zeiten gab.

DOMRADIO: Waren Sie bei der  Ausstellungsvorbereitung auch gierig? Sie haben sich auf 31 Geschichten beschränkt. Das muss bitter gewesen sein, denn da sind Sie doch wahrscheinlich von Material erschlagen worden, oder?

Lutum-Lenger: Ja, das ist bei jeder Ausstellung so: Man muss am Ende auswählen. Für uns war es aber auch wichtig, ein großes Spektrum aufzumachen. Also drei Jahrhunderte in den Blick zu nehmen und Beispiele aus dem 19. Jahrhundert zu zeigen, aber auch Beispiele von heute. Um auch zu sehen: Jeder und jede kennt dieses Gefühl, gierig zu sein oder etwas unbedingt haben zu wollen. Das ist ein Einstieg zum Verständnis von historischen Themen wie Arisierung und Kolonialisierung.

DOMRADIO: Die Gier ist die erste von drei Ausstellungen. Die nächste Ausstellung handelt vom Hass. Wo liegt da die Verbindung?

Lutum-Lenger: Es sind drei wichtigen Emotionen, die einfach für die Gesellschaft bedeutend sind: Gier, Hass und auch etwas vermeintlich Versöhnliches: Liebe. Wir bringen jetzt bereits beim Thema der Arisierung einen Ausblick auf den antisemitischen Hass, etwa beim Raub jüdischen Eigentums. Denn diese Raubgier der Deutschen im nationalsozialistischen Unrechtsstaat, die Raffgier bei der Aufteilung jüdischen Eigentums, die war völlig unverhohlen. Und das findet seine Fortsetzung im Antisemitismus und den Deportationen.

Das Gespräch führte Heike Sicconi.

(DR)

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