Theologe Lob-Hüdepohl gegen Suizidbeihilfe

Suizidwunsch "immer Ausdruck von Notsituation"

Der Berliner katholische Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl hat sich entschieden gegen Angebote der Beihilfe zum Suizid in kirchlichen Einrichtungen gewandt. Er übte scharfe Kritik an manchen evangelischen Vertretern.

Debatte um Suizidbeihilfe / © Friso Gentsch (dpa)
Debatte um Suizidbeihilfe / © Friso Gentsch ( dpa )

"An die Stelle von Sterbehilfeorganisationen treten und das Geschäft selber zu übernehmen, das verträgt sich nicht mit dem Anspruch einer kirchlichen Einrichtung, ein bergender Raum für alle zu sein - also gerade auch für die Schwächsten und Verunsicherten", betonte Lob-Hüdepohl am Freitag in Berlin in einem Interview der katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Er übte scharfe Kritik an entsprechenden Vorschlägen einiger Theologen und Vertreter aus der evangelischen Kirche. Diese hatten sich dafür ausgesprochen, künftig die Beihilfe zur Selbsttötung in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen zu ermöglichen. Sie sahen darin auch eine Konsequenz aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das im Februar 2020 das Verbot der geschäftsmäßigen Beihilfe zum Suizid aufgehoben hatte.

Anderer Ansatz in katholischen Einrichtungen

Lob-Hüdepohl wandte sich gegen ein individualistisches Verständnis von Freiheit und Selbstbestimmung, wie es auch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts präge. "Freiheit vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, sie ist immer eingebettet in die Beziehungskultur eines Menschen", betonte er. Der akute Suizidwunsch sei nach Forschungserkenntnissen nie ein völlig emotionsloses, distanziertes Urteil über das eigene Leben, sondern immer auch Ausdruck einer Notsituation. "In dieser Situation gilt es, Lebensperspektiven und keine Exit-Optionen anzubieten."

Lob-Hüdepohl wandte sich zugleich dagegen, Sterbewünsche zu tabuisieren. "Wir wissen aus der Palliativversorgung, wenn man sie behutsam anspricht, ist das oftmals der erste Schritt aus dem Dilemma. Die Situation kann sich entspannen; es baut sich Vertrauen auf." Deshalb gelte es gerade in katholischen Einrichtungen "frühzeitig sensibel wahrzunehmen, ob Menschen in eine solche scheinbare Aussichtslosigkeit abgleiten, um dann etwa anderes anbieten zu können: von der ärztlich palliativen Versorgung bis zur psychosozialen vor allem aber spirituellen und seelsorgerischen Begleitung: den Blick weiten helfen, Sichtachsen auf das Leben offenhalten."


Theologe Andreas Lob-Hüdepohl / © Julia Steinbrecht (KNA)
Theologe Andreas Lob-Hüdepohl / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
KNA
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