Ein rostiges Messer dient oft als Werkzeug für Beschneidungen
Ein rostiges Messer dient oft als Werkzeug für Beschneidungen

06.02.2020

Genitalverstümmelung gibt es auch heute noch "Sich als Einzelperson zu wehren, ist extrem schwierig"

Täglich werden weltweit 8.000 Frauengenitalien verstümmelt. Viele Opfer überleben das nicht, andere leiden ein Leben lang darunter. Menschenrechtlich unvorstellbar. Doch Expertin Barbara Schirmel warnt vor verfrühter Verurteilung.

DOMRADIO.DE: Versuchen wir mal, dieses Thema zu verstehen. Für Eltern, die bei ihren Töchtern diese Eingriffe vornehmen lassen, ist das ein Ausdruck von Fürsorge und Liebe. Können Sie das erklären?

Barbara Schirmel (Katholisches Hilfswerk Misereor): Wir würden aus Menschenrechts-Gesichtspunkten sagen, dass es eine Praxis ist, die existiert, um die weibliche Sexualität zu kontrollieren. Aber sie wird mit ganz anderen Begründungen erklärt. Zum einen wollen Mütter, Tanten oder Großmütter, dass ihre Töchter einen Mann finden. Und das hat mit der Sorge zu tun, dass sie sie versorgt wissen wollen.

In vielen Kulturen Afrikas ist die Beschneidung positiv besetzt. Das heißt, man wird eine "richtige" Frau, man wird "rein" und man wird "heiratsfähig". Männer wissen oft gar nicht, was eigentlich dahinter steht. Es ist ein Tabuthema, das wirklich überwiegend unter den Frauen praktiziert wird. Männer sind da außen vor. Die Männer wissen natürlich um den Tatbestand an sich. Zum Teil bestehen sie auch darauf, dass sie eine beschnittene Frau heiraten möchten, weil diese Frau hohe Anerkennung und Respekt bekommt.

Schauen wir mal in unsere eigenen Kultur. Tatsächlich hat man in Europa oder auch in den USA psychische Erkrankungen von Frauen oft mit dem weiblichen Genital in Verbindung gebracht. Zum Beispiel wurde hier die Klitoris beschnitten, wenn eine Frau psychisch auffällig war oder masturbiert hat. Diese Praxis hat es vereinzelt tatsächlich bis Anfang der 1950er Jahre noch in den USA gegeben. Selbst in unserer Geschichte ist die Sexualität und das Genital der Frau besetzt und unterliegt einem gewissen Mythos.

DOMRADIO.DE: Es gibt aber inzwischen Initiativen, die dafür sorgen, dass Männer überhaupt erfahren, was genau mit ihren Frauen und Mädchen geschieht. Ihnen werden beispielsweise Filme gezeigt. Dabei wird gezeigt, was bei Genitalverstümmelungen eigentlich passiert. Welche Aufklärungskampagnen kann man denn ansonsten durchführen, um jungen Menschen in unserem Lande zu erklären, dass das kein böser Wille der Eltern ist?

Schirmel: Es ist im Prinzip eine gesellschaftliche Norm in diesen Kulturen. Bei uns gibt es auch gesellschaftliche Normen. Die sind nur anders ausgeprägt. Bei uns gibt es etwa Medien, die ein Schönheitsideal vermitteln, weshalb Mädchen Diäten machen oder sich piercen lassen. Was dabei immer gleich ist: Das Individuum möchte gerne dazugehören. Das heißt, sich gegen so eine Beschneidung als Einzelpersonen zu wehren, ist extrem schwierig, weil man dann sehr schnell ausgeschlossen wird oder den familiären und gemeinschaftlichen Rückhalt verliert.

DOMRADIO.DE: Sie gehen an Schulen und versuchen, Jugendlichen zu erklären, warum diese Mädchen sich nicht  gegen die Verstümmelung wehren. Was für Diskussionen sind Ihnen da begegnet? Was kommt da auf?

Schirmel: Die Jugendlichen sind oft betroffen. Viele finden es auch schwierig, darüber zu sprechen. Das Thema ist an sich schon unvorstellbar, dazu kommt, dass Jugendliche in der Pubertät nicht gerne über Sexualität sprechen. Aber ich habe immer sehr nachdenkliche Gesichter gesehen, wenn ich genau diesen Punkt angesprochen habe und auch gefragt habe: Was tut ihr denn, um dazuzugehören? Da kamen auch Punkte auf wie Kleidung, Alkohol und andere Dinge, die auch nicht gerade gesundheitsfördernd sind.

DOMRADIO.DE: Es gibt jahrzehntelange Bemühungen von Organisationen wie Misereor, damit die Praxis der Beschneidung auch in den afrikanischen Ländern fallengelassen wird. Gibt es Erfolge?

Schirmel: Wichtig ist, dass man auf mehreren Ebenen ansetzt. Zum einen ist natürlich eine Gesetzgebung wichtig, die aber in den meisten afrikanischen Staaten tatsächlich besteht. Dann muss es eine Strafverfolgung derer, die diese Praxis weiter nutzen und anwenden, geben. Und natürlich müssen Eltern, religiöse Führer und auch die Mädchen selber aufgeklärt werden. Dabei ist es wichtig, dass Räume geschaffen werden, in denen sich die Frauen wohlfühlen, Vertrauen haben, damit man solche Themen überhaupt ansprechen kann.

Es wird auch mit Priestern und Gemeinden zusammengearbeitet. Einzelne Priester sind zum Beispiel dazu übergegangen, bei der Taufe auch ein Versprechen der Unversehrtheit abzunehmen. Bedeutet: Den Eltern zu sagen: "Eure Tochter soll so bleiben, wie Gott sie geschaffen hat." Damit hat man auch einige sehr gute Erfolge erzielt.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die Kirche kann auch ein bisschen einwirken. Genitalverstümmelung ist bei uns in Deutschland verboten. Ist das auch ein Erfolg von Lobbyarbeit?

Schirmel: Es gibt in Deutschland ein Netzwerk, dem verschiedene deutsche und auch afrikanische lokale Organisationen angeschlossen sind. Gerade durch die Lobbyarbeit von Integra - so heißt das Netzwerk - konnte erreicht werden, dass es einen eigenen Strafparagrafen gibt. Genitalverstümmelung ist damit ein eigener Straftatbestand und fäll nicht mehr unter leichte Körperverletzung.

Das andere, das auch erreicht werden konnte, ist, dass Krankenkassen jetzt einen eigenen Abrechnungs-Schlüssel für Rückbildungs-Operationen eingeführt haben. Früher galt das als Schönheitsoperation. Das heißt, wenn Frauen aus afrikanischen Ländern sich hier operieren lassen wollten, weil sie auch Beschwerden haben, dann galt das als Schönheits-OP und musste über Spendenmittel finanziert werden. Jetzt geht das auch über eine Krankenkasse.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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