Den Nachlass sortieren
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10.11.2019

Buchautorin über ihre Erfahrungen beim Nachlass-Sortieren "Sich selbst noch einmal neu kennenlernen"

Ein Jahr lang hat sie damit zugebracht, den Haushalt ihrer verstorbenen Eltern aufzulösen. Über ihre Erlebnisse hat die Journalistin Susanne Mayer ein Buch geschrieben, mit der Erkenntnis: es ist mehr als eine Aufräumaktion im Elternhaus.

KNA: Frau Mayer, was hat Sie bewogen, über Ihre Erfahrungen ein Buch zu schreiben?

Susanne Mayer (Journalistin): Der erste Impuls war journalistisch - ich stand in unserem Haus in diesem schönen Vorort von Bonn. Alle Menschen waren weg, alle Dinge aber waren noch da. Und es waren so absurd viele Dinge: Möbel und Teppiche und alte Decken, Berge von Tellern und Schüsseln, verrostete Pfannen, neue Pfannen, Kristall und Fotos. Die Ski, die mein Vater aus dem Krieg mitgebracht hatte, die Dose mit der Salbe gegen Brustentzündung aus dem November 1952 - mein Geburtsmonat.

Wie immer, wenn etwas ungewöhnlich erscheint, denkt man doch als Journalistin sofort: Dem muss ich auf den Grund gehen, das möchte ich verstehen, was hier los ist, also darüber muss man doch schreiben! Und ich verstand sehr schnell, dass das, was einerseits intim erschien, zugleich auch sehr viel über die Zeit erzählen würde; über das, was wir waren, in der neuen Bundesrepublik Deutschland, in der kleinen Hauptstadt Bonn.

KNA: Sie haben sich bewusst den vielen Dingen im Hausstand Ihrer verstorbenen Eltern gestellt. Sie gehörten der Kriegsgeneration an, die "das große Zuwenig erlebt haben". Wie nah ging es Ihnen, noch einmal in ihre Welt einzutauchen?

Mayer: Es hat mich mit einer großen Zärtlichkeit für sie erfüllt. Ich sah, wie sie gekämpft haben, wie sie alles dran gesetzt haben, zwischen sich und die erlittene Welt des Mangels einen Wall aufzubauen: von dicken Hauswänden, darin die Dinge des Wohlstands, ja Sicherheit schaffen, nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder. Das gerät heute ja leicht aus dem Blick, wie sich eine Familie um das Überleben der Familie sorgt. Heute delegieren das viele an die Sozialsysteme; andere haben gar keine Kinder mehr, um deren Zukunft sie sich sorgen müssen.

KNA: Wäre es nicht einfacher gewesen, nach einer groben Sichtung eine Entrümpelungsfirma zu beauftragen? Nicht jeder kann sich wie Sie fast ein ganzes Jahr Zeit nehmen für diese Herausforderung ...

Mayer: Na, das sehe ich anders. Die Leute haben heute doch sehr viel Zeit. Zum Daddeln und Instagram Gucken, zum Twittern und für Fitness - damit verbringen die meisten jeden Tag viele Stunden. Es wird gereist und um die Welt gejettet; in der Mittelklasse sind mehrere Urlaube im Jahr Standard. Ich finde, da kann man sich durchaus einmal im Leben fürsorglich um die Dinge der Familie kümmern, oder?

KNA: Was entgeht einem, wenn man das - beispielsweise an ein Entsorgungsunternehmen - abgibt?

Mayer: Man verpasst die Gelegenheit, die Eltern, die Familie, auch sich selber noch einmal neu kennenzulernen. Auch Menschen, mit denen man viele Jahre zusammengelebt hat, haben Seiten, die man dabei vielleicht nicht bemerkt hatte. Und wir, als Kinder dieser Eltern, werden durch sie geprägt. Das Empfinden, was wir von uns selber haben, wird überprüft; es ist nicht zuletzt ein sehr aufregender Prozess der Selbsterfahrung.

KNA: Was hat die große Aufräumaktion in Ihrem Elternhaus mit Ihnen gemacht?

Mayer: Vielleicht verstehe ich heute besser, warum bestimmte Themen sich in unserer Familie und in meinem Leben breitgemacht haben - etwa die ständige Betonung der Gesundheit, die immer gegenwärtige Furcht, gleich könnte alles zusammenkrachen, das völlige Entzücken über eine neue Anschaffung, ein Kleid oder einen Teppich. Vieles, was ich auch in mir spüre, hat sich meiner Eltern bemächtigt in den furchtbaren Kriegsjahren, in denen sie jung waren. Und sie haben es weitergegeben, an uns, die wir direkt nach diesem Krieg geboren wurden. Wenn wir mit dem Bus nach Bonn fuhren, sah man noch die Einschläge des Kriegs an den Fassaden.

Ich spüre heute noch schärfer auch eine Distanz, die immer zwischen den Kindern und den Eltern und auch zwischen den Eltern lag - so eine Art dumpfes, schmerzliches Schweigen, ein Nichtsagen. Es macht mich traurig zu sehen, dass sie als junge Menschen, selbst inmitten des Krieges, irgendwie glücklicher schienen als in der Nachkriegszeit, in der sie, versehrt durch schlimme Erfahrungen, so ungeheuer angestrengt versuchten, die Dinge wieder zusammenzuhalten.

KNA: Erwachsene Kinder, die den Hausstand ihrer Eltern auflösen, haben mitunter das Gefühl, gleichsam deren Leben zu entsorgen. Wie kann man dieses Gefühl vermeiden?

Mayer: Es ist ihr Leben, aber natürlich auch das Leben, das wir mit ihnen führten. Das zu entsorgen, sich zu verabschieden, ist traurig. Aber, wie jeder Aufbruch ist es auch ein Schritt in eine neue Freiheit. Das muss man sich klar machen.

KNA: Nach welchen Kriterien haben Sie entschieden, was Sie behalten möchten und was gehen soll?

Mayer: Oh, es gibt viele Kriterien: Was schön ist, was einen erfreut. Was man gut brauchen kann. Was wertvolle Erinnerungen enthält. Was ein Leben dokumentiert, das vorbei ist, und erhalten werden sollte für die Kinder und Kindeskinder, damit sie sich selber ein Bild davon machen können, woher sie kommen. Ich habe kleine Kisten angelegt, für verschiedene Themen und Personen, quasi als kleine Familien-Dokumentation. In ihnen finden sich etwa die Zeugnisse und Briefe meiner Mutter und auch Bilder von ihr.

KNA: Haben Sie auch überraschende Funde, positive oder negative Entdeckungen gemacht?

Mayer: Es war überraschend, dass meine Mutter ihr ganzes Leben lang eine große Liebe für Gedichte hegte. Sie hat Gedichte notiert, in Büchern, in selbstgemachten Büchern, auf kleinen Papierschnipseln, auf Strumpfkarten, auf alten Briefumschlägen - davon wusste ich nichts, und es macht mich auch traurig. Wir hätten es doch teilen können, ich habe Literatur studiert. Aber das wollte sie wohl nicht.

Es hat mich sehr verstört, Dokumente zu finden, die etwa zu beweisen scheinen, dass mein Vater als Soldat beteiligt war an der Planung für die Blockade von St. Petersburg, durch die eine Million Menschen verhungerten, es war das größte Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Ich habe mich daran erinnert, wie wir in den 68er Jahren immer darüber sprachen, dass doch die meisten der Älteren sicher Mitläufer waren. Jetzt habe ich verstanden, dass das unsere Hoffnung war, dass die Eltern doch bitte nur Mitläufer gewesen sein sollten.

KNA: Gab es etwas, das Sie bei Ihrem Projekt gelernt haben, auch über die Dinge Ihres Lebens?

Mayer: Die Dinge sind uns treu, wenn wir sie nur lassen. Sie laden sich auf mit den Geschichten der Vergangenheit, guten und schlechten. Sie geben so vielleicht Zeugnis, wo wir etwas vergessen wollen. Sie können Konstanten sein, in unserem Leben, selbst wenn sie an schwierige Dinge erinnern. Sie zeigen uns, wer wir waren.

Susanne Mayer: "Die Dinge unseres Lebens. Und was sie über uns erzählen", Berlin Verlag, Berlin/München 2019, 293 Seiten, 20 Euro.

Angelika Prauß
(KNA)

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