KZ-Gedenkstätte Ravensbrück
KZ-Gedenkstätte Ravensbrück
Insa Eschebach (2.v.l), und Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück bei der Gedenkveranstaltung zum 74. Jahrestag der Befreiung
Insa Eschebach (2.v.l), und Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück bei der Gedenkveranstaltung zum 74. Jahrestag der Befreiung

12.09.2019

KZ-Gedenkstätte Ravensbrück vor 60 Jahren gegründet "AfD-Wahlkampagne erinnert strukturell ans Dritte Reich"

1939 ließ die SS in Ravensbrück rund 90 Kilometer vom Berliner Stadtzentrum entfernt das größte deutsche Frauen-Konzentrationslager errichten. Die Leiterin der Gedenkstätte spricht unter anderem über deren Gründung vor 60 Jahren.

KNA: Frau Eschebach, das ehemalige Frauen-KZ Ravensbrück wurde am 12. September 1959 als eine von drei KZ-Gedenkstätten der DDR eröffnet. Wenn Sie zurückschauen: Was hat sich seitdem verändert?

Insa Eschebach (Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück): Zur Zeit der DDR waren die Besuche organisierter und strukturierter. Die Nationale Volksarmee führte Vereidigungen durch, es kamen Pioniergruppen und Schulklassen zu den Jahrestagen der Befreiung. Vertreter der sowjetischen Armee, die große Bereiche des ehemaligen KZ-Geländes nutzte, sorgten für militärisches Gepränge. Heutzutage sind die jährlichen Gedenkveranstaltungen vollständig entmilitarisiert. In der DDR dienten die Gedenkstätten Ravensbrück, Buchenwald und Sachsenhausen hauptsächlich dazu, den Sieg über den Faschismus hervorzuheben, verbunden mit der Botschaft, in der DDR sei die Hoffnung der Häftlinge auf eine bessere Zukunft Wirklichkeit geworden.

KNA: Was passierte nach 1989?

Eschebach: Da in der DDR grundsätzlich nur die kommunistischen Häftlinge im Vordergrund gestanden hatten, die als Antifaschisten gefeiert und als Kollektiv geehrt wurden, war es für uns nach dem Fall der Mauer wichtig, an die anderen Häftlinge zu erinnern - etwa an jene, die aus rassistischen Gründen verfolgt wurden wie die jüdischen Frauen und die Sinti und Roma oder auch an jene Frauen, die wegen Liebesbeziehungen mit Ausländern inhaftiert waren. Auch baulich hat sich viel getan: Das große, bis 1994 von der sowjetischen Armee besetzte Häftlingslager, ist heute Teil der Gedenkstätte, und wir konnten eine Reihe der historischen Gebäude sanieren.

KNA: Das KZ Ravensbrück war größtenteils ein Frauenlager, rund 120.000 Frauen waren hier interniert. Inwiefern machte das einen Unterschied zu den Lagern, in denen hauptsächlich Männer untergebracht waren?

Eschebach: Die Nationalsozialisten hatten extrem klare Vorstellungen davon, wie Frauen und wie Männer zu sein hatten. Und das schlug sich auch in der Verfolgungspraxis nieder. Alles, was nicht zum "gesunden deutschen Volkskörper" gehörte, sollte letztlich ausgemerzt werden.

Insofern waren auch die Frauen in Ravensbrück aus unterschiedlichen Gründen dort - weil sie im Widerstand tätig waren, weil sie als "asozial" oder "kriminell" stigmatisiert wurden, verbotene Radiosendungen gehört oder als "Engelmacherinnen" (Anmerk. d. Red.: So wird umgangssprachlich eine Person bezeichnet, die illegal Schwangerschaftsabbrüche vornimmt) ihr Geld verdient hatten. Interessant ist auch, dass sich die Frauen in Ravensbrück untereinander sozialer verhielten als dies in Männerlagern der Fall war.

KNA: Inwiefern?

Eschebach: Viele verhielten sich fürsorglich zu Mithäftlingen, sofern sie derselben nationalen Herkunft waren. Häufig bildeten sich regelrechte "Familien" heraus, in denen etwa jüngere auch für die älteren Frauen sorgten und umgekehrt. Manche Frauen wurden zu "Lagermüttern", indem sie eines der Waisenkinder im Lager "adoptierten". Diese soziale Kompetenz zeigt sich noch in den Sammlungen der Gedenkstätten: Die Frauen bastelten Geburtstagskarten, Schmuck und Geschenke füreinander, etwa Miniaturen aus Zahnbürstenstielen. Männliche Häftlinge stellten auch Dinge her, aber eher Pfeifenköpfe oder Zigarettenspitzen.

KNA: Sie haben jährlich rund 100.000 Besucher, darunter viele Jugendliche und Schulklassen. Wie vermitteln Sie ihnen die Thematik?

Eschebach: Das ist nicht einfach, weil das Bildungsniveau insgesamt sinkt und teilweise nicht viel Basiswissen vorhanden ist. Manche Schüler kennen nicht einmal den Unterschied zwischen der DDR und der NS-Zeit. Frontalunterricht mit einer Drei-Stunden-Führung durch die Gedenkstätte ist deshalb keine Lösung. Wir versuchen stattdessen, die Schüler als Mitwirkende zu gewinnen, indem sie etwa über ein bestimmtes Thema einen kleinen Film drehen. Indem sie selber tätig werden, verankert sich das Gelernte besser.

KNA: Sollte die Fahrt zu einer Gedenkstätte für alle Schüler verpflichtend sein?

Eschebach: Nein, Freiwilligkeit ist eine wichtige Voraussetzung, wenn man etwas lernen will. Aber wir hoffen, dass etwa der Berliner Senat eine Möglichkeit findet, Fahrten für Berliner Schüler zu subventionieren. Das ist momentan leider nicht der Fall.

KNA: Der Direktor der Brandenburgischen Gedenkstätten, Axel Drecoll, hat kürzlich im Interview gesagt, es gebe gegen die Einrichtungen zunehmend Anfeindungen von rechts. Teilen Sie diese Einschätzung?

Eschebach: Für unsere Gedenkstätte trifft das nicht zu, wir sind da - erfreulicherweise - eigentümlich beschützt. Vielleicht weil Ravensbrück sich nicht in Großstadtnähe befindet wie die Gedenkstätte Sachsenhausen am Stadtrand von Berlin. Vielleicht gibt es auch eine gewisse Scheu, etwa Graffiti anzubringen, weil dies hier ein Frauenlager war. Grundsätzlich ist es aber leider richtig, dass unser Umfeld in Brandenburg zunehmend in eine rechte Richtung tendiert. Die Wahlkampagne der AfD erinnert strukturell ans Dritte Reich: Es wird dazu aufgerufen, Menschengruppen auszugrenzen. Dem müssen wir entgegentreten.

KNA: Kürzlich hat eine neue Firma in den KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück den Wachschutz übernommen - weil das bisherige Wachschutzunternehmen Mitarbeiter eines im rechtsextremen Milieu verankerten Subunternehmens eingesetzt hatte...

Eschebach: Das ist richtig, betraf aber nur einen Mitarbeiter in Sachsenhausen. Grundsätzlich haben wir ganz wunderbare Kollegen im Wachdienst, die jetzt auch von der neuen Firma übernommen werden konnten.

KNA: Sie haben auch ein neues Programm für Flüchtlinge aufgelegt.

Eschebach: Ja, es heißt "Refugees explaining Ravensbrück" - Flüchtlinge erklären Ravensbrück. Dabei geht es darum, Flüchtlinge nicht frontal in deutscher Geschichte zu unterrichten, sondern sie Anknüpfungspunkte zum eigenen Lebensweg suchen zu lassen.

KNA: Welche speziellen Ausstellungen sind im Hinblick auf den Jahrestag geplant?

Eschebach: Wir haben eine Wanderausstellung über christliche Häftlinge konzipiert, die sehr gut angenommen und gerade etwa im Dom zu Schwerin gezeigt wird. Außerdem eröffnen wir am kommenden Jahrestag der Befreiung eine Schau über "Frauen im Widerstand", also über eine Reihe deutscher politischer Häftlinge im KZ Ravensbrück.

Neue Forschungen haben ergeben, dass dies eine sehr heterogene Gruppe war. Es gab natürlich die Frauen, die Mitglieder bei der KPD oder der SPD waren. Aber es gab auch Anarchistinnen und den unorganisierten Widerstand, Frauen also, die eher spontan Widerstand leisteten.

Unsere Gedenkstätte ist ein Kosmos mit unendlich vielen Themen.

Das Interview führte Nina Schmedding.

(KNA)

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