Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan
Abschluss des Anti-Missbrauchsgipfels im Vatikan
Reinhard Kardinal Marx
Reinhard Kardinal Marx
Der Wiener Kardinal Schönborn
Christoph Kardinal Schönborn
Bischof Stephan Ackermann würdigt...
Bischof Stephan Ackermann
Jugendbischof Stefan Oster
Jugendbischof Stefan Oster
ZdK-Präsident Thomas Sternberg
ZdK-Präsident Thomas Sternberg
... der Sprecher der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, haben sich getroffen
Matthias Katsch
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD)
Annette Schavan
Annette Schavan
 Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung
Johannes-Wilhelm Rörig

24.02.2019

Reaktionen auf Anti-Missbrauchsgipfel Lob und Kritik

Die ersten Reaktionen auf den Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan schwanken zwischen Lob und Enttäuschung. Einig sind sich so gut wie alle darin, dass den Worten möglichst bald konkrete Taten folgen müssten.

Die mit Spannung erwartete Papstrede zum Abschluss des viertägigen Anti-Missbrauchsgipfels hat ein geteiltes Echo hervorgerufen. Franziskus rief darin zum kompromisslosen Kampf gegen Missbrauch auf, nannte aber noch keine konkreten Schritte. In einer Erklärung des Vatikan kurz danach wurden allerdings erste Maßnahmen angekündigt.

Erstens soll es in Kürze einen Papst-Erlass "zum Schutz von Minderjährigen und schutzbefohlenen Personen" geben. Zweitens will die Glaubenskongregation eine Art Leitfaden veröffentlichen, der Schritt für Schritt auflistet, wie Bischöfe mit Missbrauchsfällen umzugehen haben und wie Prävention auszusehen hat. Drittens wolle der Papst eine Art "Task Force" schaffen, besetzt mit Experten verschiedener Disziplinen. Diese sollen jenen Bischofskonferenzen und Bistümern helfen, die sich schwer tun beim Umgang mit Missbrauch.

Zum Abschluss des Treffens mit Kirchenoberen aus aller Welt hatte Franziskus unter anderem gesagt: "Kein Missbrauch darf jemals mehr vertuscht werden, wie dies in der Vergangenheit üblich war." Die Kirche werde keine Mühen scheuen, "alles zu tun, was notwendig ist, um jeden Missbrauchstäter der Justiz zu übergeben". Es dürfe nicht mehr um die Verteidigung der Institution Kirche gehen, sondern um die Opfer. Und auch wenn es in der gesamten Gesellschaft Missbrauch gebe, sei das Übel in der Kirche "schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht".

Marx: "Unser Auftrag als Bischöfe, dass es nie wieder geschieht"

Reinhard Kardinal Marx verteidigte den Gipfel gegen Kritik: Der Papst habe klar Punkte vorgegeben, hinter die jetzt keiner mehr zurück könne. Man könne keinen "rasch zusammengestellten Maßnahmenkatalog" erwarten, aber es habe eine Fülle wichtiger Vorschläge gegeben. Die Bischöfe seien jetzt in der Pflicht, diese umzusetzen.

Konkret nannte Marx die Umsetzung von Leitlinien, "dafür sorgen, dass kein einzelner Fall übersehen wird, dass die Opfer ihre Stimme haben". Ebenso wichtig sei achtsame Personal- und Priesterkandidatenauswahl, um mögliche Täter von vorneherein auszuschließen. "Dass das nicht mehr und nie wieder geschieht, ist unser Auftrag als Bischöfe", so der Münchner Erzbischof. Dann könne die Kirche auch mithelfen, wie sexueller Missbrauch von Kindern "überhaupt aus der Gesellschaft, wie der Papst gesagt hat, 'ausgemerzt' werden kann".

Die deutsche Kirche sah Marx in ihrer Arbeit bestätigt. Er räumte jedoch ein, es gebe immer die Gefahr, "große Worte zu machen, Predigten zu halten, auch gute Wünsche zu äußern; aber im konsequenten Umsetzen hapert es oft". Daher dürfe die Kirche nun nicht nachlassen. Es liege in der Verantwortung der Bischofskonferenzen und auch der Bischöfe, "jedem Fall nachzugehen und keinerlei Verharmlosung, Vertuschung oder Relativierung dieses Verbrechens Raum zu geben", sagte Marx. Dass am Ende des Gipfeltreffens keine gemeinsame Erklärung der Bischöfe stand, sei möglicherweise dem Zeitmangel geschuldet, da dafür eine Abstimmung nötig gewesen wäre. "Man kann von dieser Tagung nicht erwarten, dass am Ende Beschlüsse da sind", so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Auch sein Vorschlag, dass "Päpstliche Geheimnis" bei Missbrauchsfällen aufzuheben und kirchliche Verwaltungsgerichte zu schaffen, sei positiv aufgenommen worden.

Schönborn: Anti-Missbrauchsgipfel brachte "Qualitätssprung"

"Ich habe noch nie eine so offene, direkte, ehrliche, unverschlüsselte Begegnung erlebt wie in diesen vier Tagen", resümierte der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, Christoph Kardinal Schönborn, am Sonntag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er habe "Synodalität erlebt", alles konnte gesagt werden, so der Erzbischof zum Abschluss des internationalen Treffens. "Das starke Erlebnis war die große Einmütigkeit. Es gab keine Parteien, wie man das bei anderen Themen schon erlebt hat."

Schönborn erwartet nach eigenen Worten konkrete Vorschläge zur Einhaltung der jetzt schon weltkirchlich verbindlichen Standards im Kampf gegen Missbrauch: "Es geht auch darum, uns auf nationaler Ebene zu helfen und uns gegenseitig auf die Finger zu schauen. Wir haben das in Österreich versucht und praktizieren das auch." Dazu werde es "sicher in den nächsten Tagen von Rom konkrete Vorschläge geben", so Schönborn.

Ackermann: Vatikan-Gipfel endete "ein bisschen vage"

Aus Sicht des Trierer Bischofs Stephan Ackermann ist der Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan im Ergebnis "doch ein bisschen vage" geblieben nach vielen starken und offenen Worten während des Treffens. Er habe sich zum Abschluss "eine Art to-do-Liste" erhofft, einen konkreteren Fahrplan für die nächsten Schritte, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz am Sonntagabend in der ARD-Talkshow "Anne Will".

Insgesamt aber, so Ackermann weiter, seien bei dem viertägigen Treffen viele wichtige Themen klar und offen angesprochen worden. Papst Franziskus sei es vor allem darum gegangen, die Bischöfe aus aller Welt auf denselben Stand zu bringen, was das Bewusstsein für den Umgang mit Missbrauch angehe. Und das sei sicher gelungen.

Oster für deutsche Kirchengerichte gegen Missbrauch

Der Passauer katholische Bischof Stefan Oster hat konkrete Vorschläge für einen anderen Umgang mit dem Thema in Deutschland gemacht. Er fordert unter anderem eine eigene kirchliche Gerichtsbarkeit für Missbrauchsfälle, "damit die Verfahren für Priester nicht immer langwierig und zum Teil ergebnislos über Rom laufen müssen". Darüber hinaus sei eine "intensive Kooperation mit staatlichen und anderen unabhängigen kompetenten Stellen" notwendig.

Zugleich verteidigte Oster die Abschlussrede von Papst Franziskus gegen die zum Teil heftige Kritik: "Ich war sehr gespannt, was der Papst sagen würde, und bin dankbar für seine Klarheit." Insgesamt müsse es vor allem darum gehen, "weltkirchlich ein Bewusstsein dafür herzustellen, welche dramatischen Folgen Missbrauch für Betroffene hat und dass wir als Kirche alles uns Mögliche tun müssen, um das zukünftig zu verhindern." Alle kirchlichen Bemühungen müssten zuerst den Opfern gelten "und nicht zuerst dem Schutz der Institution".

ZdK-Präsident: Kann Enttäuschung nicht verstehen

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat das Bischofstreffen zu sexuellem Missbrauch in Rom gegen Kritik verteidigt. "Die tiefe Enttäuschung kann ich nicht so ganz verstehen", sagte er am Montag im Deutschlandfunk. "Es war kein Konzil, es war kein beschlussfassendes Gremium." Es habe sich um einen Kongress gehandelt. Nun müsse man sehen, "was jetzt an konkreten Dingen noch kommt, wie diese Task Force aussehen wird und die anderen Punkte, die angekündigt sind."

Um langen Atem warb der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Kritik an mangelhaften Resultaten der Konferenz nannte er in Teilen überzogen: "Es war kein Konzil, es war kein beschlussfassendes Gremium." Zum ersten Mal sei jedoch auf Ebene der Weltkirche das Thema "gründlich behandelt" worden: "Nun kann sich keiner mehr herausreden." Jetzt sei entscheidend, welche Reformen vor Ort umgesetzt würden. Verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, gestalte sich so oder so schwierig: "Das ist nicht mal eben mit einer einzigen Sache gemacht und das geht auch nicht innerhalb von Wochen."

Zu der Kritik, wonach Betroffene sexuellen Missbrauchs bei der Konferenz im Vatikan außen vor geblieben seien, sagte Sternberg: "Die Opfer sind eingebunden worden. Es gab immer wieder Opfererklärungen auch in der Tagung."

"Wille zur Veränderung für uns nicht glaubwürdig"

Die im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zusammengeschlossenen Jugendverbände äußerten sich enttäuscht. Man habe "nur teilweise erkannt, dass die Probleme struktureller Art sind", so der BDKJ-Bundesvorsitzende Thomas Andonie: "Solange es keine unabhängigen Untersuchungen der Vertuschung, keine Übernahme von persönlicher Verantwortung und keine angemessenen Entschädigungszahlungen gibt, ist der häufig formulierte Wille zur Veränderung für uns nicht glaubwürdig."

Enttäuscht vom Gipfel und vor allem von der Abschlussrede des Papstes äußerte sich auch der Vorsitzende des Betroffenennetzwerks "Eckiger Tisch", Matthias Katsch: "Solche Erklärungen haben wir zuhauf gehört in den letzten Jahren - warum sollte ich dem glauben, solange keine Taten folgen. Da ist der Papst zu kurz gesprungen." Von den wichtigen und auch diskutierten Forderungen etwa nach Null Toleranz für die Täter oder nach strengeren rechtlichen und kirchenrechtlichen Regelungen sei am Ende "nichts Konkretes übrig geblieben".

Der Jesuit Klaus Mertes zeigte sich im Deutschlandfunk enttäuscht, "weil das wenige, was ich für möglich gehalten hätte, nicht erreicht worden ist". Dringend nötig sei unter anderem eine innerkirchliche, aber unabhängige und von Laien besetzte Verwaltungs- und Diszplinargerichtsbarkeit, die allerdings staatliche Gerichtsbarkeit nicht ersetzen dürfe, so Mertes, der 2010 in Deutschland die Aufdeckung des Missbrauchsskandals ins Rollen gebracht hatte.

Reaktion von Politikern

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) sagte: "Die Vatikan-Konferenz zum sexuellen Missbrauch kann nur ein Anfang gewesen sein." Sie erwarte von der Kirche, dass sie "verlässliche dauerhafte Strukturen" schaffe, um Missbrauch aufzudecken, aufzuklären und möglichst zu verhindern. Dies müsse "schnell und konkret" geschehen.

Ähnlich äußerte sich auch die frühere deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan, im Podcast des Journalisten Gabor Steingart. Es brauche eine "transparente Zusammenarbeit mit den weltlichen Gerichten". Schavan fügte hinzu, sie halte auch eine Diskussion um die verpflichtende Ehelosigkeit bei Priestern für wünschenswert. Das Zölibat sei eine mönchische Lebensform, die jetzt möglicherweise zu Ende gehe.

Aus Sicht des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, ist entscheidend, was in den nächsten Wochen konkret auf den Gipfel folgt. In Rom seien wichtige Dinge besprochen worden, aber ihm sei von Anfang an klar gewesen, dass innerhalb von vier Tagen keine Entscheidungen fallen könnten.

"Kleiner historischer Schritt"

Der Gipfel werde denjenigen in der Kirche Rückenwind geben, die auf Aufarbeitung, Transparenz und Prävention setzen, so Rörig. Niemand könne nun hinter die dort gesetzten Standards zurück: "Die Weltkirche hat damit endlich angefangen, ihre Schuld abzutragen." Rörig hob positiv hervor, dass die strukturellen Defizite in der katholischen Kirche klar benannt worden seien. Diese Debatte müsse Grundlage für weitere Diskussionen und konkrete Maßnahmen sein. Es sei schade, dass der Papst nicht schon einen Fahrplan mit den Bischöfen verabschiedet habe und dass keine verbindlichen Beschlüsse getroffen worden seien, so Rörig weiter.

Darüber hinaus nannte er die Begegnung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, mit Missbrauchsopfern "sehr respektvoll". Das Treffen, das nicht auf der Tagesordnung des Gipfels stand, habe an dem Ort stattgefunden, an dem sich die Betroffenen versammelt hätten. Das sei ein Zeichen der Wertschätzung seitens des Kardinals und vor allem für die katholische Kirche in Deutschland ein "kleiner historischer Schritt" gewesen.

(KNA, epd)

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