24.10.2018

Große Medienresonanz zu Bischof Wilmers Äußerungen Bemerkenswerter Schritt

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals ist der neue Hildesheimer Bischof Wilmer einen bemerkenswerten Schritt gegangen. Er nennt Verantwortliche beim Namen. Ähnlich hat sich jetzt auch der Freiburger Erzbischof Burger geäußert.

Versagen im Umgang mit Missbrauchstätern und Vertuschung wirft Bischof Heiner Wilmer seinem Vorvorgänger, Bischof Josef Homeyer (1983-2004), und der damaligen Bistumsleitung vor. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger hat sich am Wochenende erneut für das Verhalten seiner "Vorgänger und der Verantwortlichen in der Bistumsleitung" im Umgang mit Missbrauch entschuldigt und Opfern ein Gespräch angeboten.

Im Zusammenhang mit der Causa Peter R. habe Homeyer "mit seiner Bistumsleitung nicht nur versagt, sondern sie haben fürchterliche Dinge zugedeckt, und das ist eine Katastrophe", wurde Wilmer vorige Woche im NDR deutlich. Mit der klaren Benennung eines Verantwortlichen ist er einer der ersten, der einer wichtigen Forderung von Opferverbänden nachkommt. Wie die Hildesheimer "KirchenZeitung" berichtete, bezog sich Wilmer auf ein Gespräch mit einem Bistumsmitarbeiter, der versichert habe, damals die Bistumsleitung über das Verhalten von R. informiert zu haben. Die Bistumsleitung habe dem Mitarbeiter demnach mit einer Abmahnung gedroht, falls er nicht schweige. 

Dunkelziffer dürfte weit höher liegen

Bischof Wilmer reagierte jetzt auch auf neue Berichte über den Fall R. Der Jesuit gilt als einer der Haupttäter im Missbrauchsskandal am Berliner Canisiuskolleg und war später bis 2003 u.a. als Pfarrer im Bistum Hildesheim tätig. Heute lebt R. in Berlin, wo sich das Kirchengericht des Erzbistums Berlin mit neuen Vorwürfen gegen ihn befasst. Es wollten sich weitere Betroffene äußern, heißt es. Der Hildesheimer Bischof hält es zudem für notwendig, Missbrauchsfälle in seinem Bistum mit Hilfe von außen aufklären zu lassen. 

Nur so sei es möglich, so Wilmer, "Betroffene zu finden, adäquat vorzugehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen". Es gehe nicht an, "dass Kirche hier nur eine Binnenkultur pflegt". Im Bistum Hildesheim gibt es ab den 1960er Jahren bis heute mindestens 153 Menschen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Die Durchsicht der Personalakten von 848 Priestern ergab, dass die Mehrzahl der Missbrauchstaten in den 1960er und 1970er Jahren begangen wurden. Bei den Opfern handelt es sich in 101 Fällen um männliche und in 16 Fällen um weibliche Betroffene. In 36 Fällen geht das Geschlecht der Opfer aus den Akten nicht hervor. Das Bistum hat seit 2011 an 41 Betroffene insgesamt 170.000 Euro Anerkennungszahlungen geleistet; im Einzelfall zwischen 1.000 und 10.000 Euro. 

"Konsequent und vor allem unabhängig aufarbeiten"

Bereits vor einem Jahr wurden dem Bistum in einer unabhängigen Studie schwerwiegende Versäumnisse im Umgang mit Missbrauchsfällen angelastet. Dabei ging es vor allem um Vorwürfe gegen Bischof Heinrich Maria Janssen (1957-1983) und Pfarrer R., dem elf Missbrauchstaten nachgewiesen wurden. In Janssens Amtszeit, heißt es in der Studie, sei die Gefährdung von Minderjährigen wissentlich in Kauf genommen worden. Selbst nach Bekanntwerden massenhaften Missbrauchs in katholischen Einrichtungen 2010 habe das Bistum – inzwischen unter Bischof Norbert Trelle – im Fall eines Serientäters nur zögerlich reagiert.

Unterdessen plädierte die frühere Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Christine Bergmann (SPD), für eine Missbrauchsstudie auch im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Die einzelnen Landeskirchen müssen konsequent und vor allem unabhängig aufarbeiten", forderte sie in der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt". Auch in der evangelischen Kirche seien Missbrauchstaten oft als Einzelfälle angesehen worden.

"Täter- und Institutionenschutz gingen auch bei den Protestanten vielfach vor Kinderschutz", so Bergmann. "Auch sie haben vertuscht und den Betroffenen vielfach keine Unterstützung angeboten." Täter wurden mitunter nur versetzt. Auch die evangelische Kirche müsse daher Unrecht anerkennen und Verantwortung übernehmen. Es sei zwar einiges passiert, es fehle aber eine konsequente Aufarbeitung. Als ein gutes Beispiel nannte Bergmann den Aufarbeitungsprozess der Nordkirche, der Basis für ein Präventionsgesetz gewesen sei. "Im November wird sich die Synode mit dem Thema sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext befassen, und die Kirchenkonferenz hat eine Reihe wichtiger Maßnahmen vorgeschlagen."

Medienresonanz

Den Missbrauchsskandal und vor allem die Äußerungen des Hildesheimer Bischofs Wilmer kommentieren viele. In ungewöhnlicher Form habe Hildesheims Bischof Heiner Wilmer die Vertuschungspraxis von Missbrauchsfällen im eigenen Bistum kritisiert, hieß es in der "Hannoverschen Allgemeinen". "Die FDP will die Missbrauchsaffäre und den Umgang der niedersächsischen Justiz mit dem Kirchenskandal zum Thema im Landtag machen." Justizministerin Barbara Havliza habe unlängst angekündigt, Einblick in Unterlagen der katholischen Kirche nehmen zu wollen, um die Missbrauchsvorwürfe auch juristisch zu klären. Jetzt erklärte ein Sprecher des Justizministeriums, es gebe keine Ermittlungen, weil sich bisher kein Anfangsverdacht ergeben habe. Ministerin Havliza will sich nun Mitte November mit den katholischen Bischöfen treffen.

Wilmer habe bereits in den ersten Tagen seiner Amtszeit deutliche Worte gefunden, hieß es in der "tageszeitung" (taz). Jetzt habe er "das Verhalten seines Vorvorgängers, des 2010 verstorbenen Bischofs Josef Homeyer, "eine Katastrophe" genannt". Das Vorgehen seines direkten Vorgängers, Bischof Norbert Trelle, kritisierte Wilmer indirekt. "Es wäre gut gewesen, den Sprecher der Missbrauchsopfer im Bistum, Matthias Katsch, früher in die Aufklärung einzubeziehen." Wilmer habe Katsch nun für November zum Gespräch eingeladen und wolle die Akten des Bistums zu den Missbrauchsfällen öffentlich zugänglich machen. "Ansprechbar zu sein, das hat sich dieser Bischof fest vorgenommen." Er sei "kein Mann der Fassade. (...) Demütig und zugleich herausfordernd ist sein Wahlspruch als Bischof: "Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Gehilfen"".

Aufarbeitung und Perspektivwechsel

Inzwischen sollten selbst die größten Ignoranten und Problemverweigerer wissen, schrieb die "Frankfurter Rundschau", "dass sexueller Missbrauch durch Priester dort den besten Nährboden findet, wo die Macht der Kirche und der Standesdünkel des Klerus besonders groß sind". In Deutschland versprachen die Bischöfe nach der Skandalwelle des Jahres 2010 konsequente Aufklärung der Vergangenheit, Aufarbeitung der Ursachen und einen Perspektivwechsel vom Institutionen- und Täterschutz hin zur Sorge um die Opfer. "Acht Jahre später moniert die im September veröffentlichte große Missbrauchsstudie hier immer noch eklatante Defizite und Widerstände. Zwar beklagen heute sogar Bischöfe einen verderblichen 'Klerikalismus' in der Kirche. Aber das war es dann auch schon. Schritte zu einem Mentalitätswandel, Ansätze für echte Strukturreformen? Bislang Fehlanzeige. Manche Reaktion aus den Bistümern klingt im Gegenteil verdächtig nach bekannten Abwehrreflexen."

Nach dem Missbrauchsskandal müsse die Kirchensteuer abgeschafft werden, plädierte die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". "Der Staat hat sich zum Büttel der Glaubensgemeinschaften gemacht, was in Zeiten einer Volkskirche in Gottesnamen noch durchgehen mag, jetzt aber, wo nur noch jeder Zweite Mitglied ist, zu einem weltanschaulich neutralen Staat nicht mehr passt. (...) Die Immunisierung der Amtskirche beruht auf der Sicherheit ihrer Agenten, ihre Finanzierung sei nachhaltig gesichert. Dreht man ihnen den Geldhahn zu, würde dies eine positive Erschütterung auslösen."

(KNA)

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