Kritik: Trendwende in deutscher Erinnerungskultur
Kritik: Trendwende in deutscher Erinnerungskultur

17.04.2018

Warnung vor einer Trendwende in deutscher Erinnerungskultur "Widerstand wird umfunktioniert"

Eine Trendwende in der deutschen Erinnerungskultur befürchten der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, und der israelische Historiker Moshe Zimmermann. Beispiele seien die AfD, aber auch der Umgang mit Hakenkreuz-Glocken.

Deutschland habe sich lange Zeit intensiv mit seiner NS-Vergangenheit auseinander gesetzt, schreiben Stein und Zimmermann in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Dienstag). Doch spätestens, seit der AfD-Politiker Björn Höcke "eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert habe, kämen Zweifel auf, ob sich das Pendel nicht langsam in die Gegenrichtung bewege.

Als Beispiele für einen neuen Zeitgeist nennen die beiden Autoren nicht nur, dass die AfD im Bundestag sitzt. Auch der Umgang mit Hakenkreuz-Glocken, die Diskussion um den NS-Erntefestschauplatz Bückeberg bei Hameln oder das Nein des Stadtrats von Bergen zur Förderung einer Begegnungsstätte am ehemaligen KZ Bergen-Belsen deuteten an, dass die Erinnerungskultur zunehmend in Frage gestellt werde.

"Schützenhilfe für Rechtspopulisten"

Stein und Zimmermann zitieren auch Äußerungen der AfD-Politiker Alexander Gauland, Beatrix von Storch und Alice Weidel, in denen das Gedenken an Nazi-Opfer instrumentalisiert werde. So werde durch den Satz "Sophie Scholl würde AfD wählen" der Widerstand gegen den Nationalsozialismus umfunktioniert und als Schützenhilfe für Rechtspopulisten missbraucht.

Stein und Zimmermann warnten, offene Gesellschaften, die antiliberalen nationalistischen Trends gegenüber nachgiebig geworden seien, seien keine Seltenheit mehr. Erinnerungsarbeit sei ein nicht endender Prozess; der Missbrauch der kollektiven Erinnerung müsse bekämpft werden.

(KNA)