Abgas aus dem Auspuff eines Autos
Abgas aus dem Auspuff eines Autos
Prof. Franz-Josef Bormann
Prof. Franz-Josef Bormann

29.01.2018

Moraltheologe kritisiert Abgastests an Affen und Menschen scharf "Es gibt ein Kontrolldefizit"

Im Auftrag der Autoindustrie sollen Abgastests an Affen und sogar auch an Menschen stattgefunden haben. Was solche Tests ethisch von Medikamententests unterscheidet, erklärt der Moraltheologe Franz-Josef Bormann im Interview.

DOMRADIO.DE: Auch in der Medizin gibt es Medikamenten-Versuche mit Menschen: Die werden vorher aufgeklärt und willigen ein und dann schlucken sie Medikamente, die wahrscheinlich auch nicht gut sind für ihren Körper. Wenn auch im Fall der Abgastests die Probanden vorher aufgeklärt worden sind und sie freiwillig mitgemacht haben: Was ist dann aus Ihrer Sicht anders als bei Medikamenten-Tests?

Prof. Franz-Josef Bormann (Moraltheologe und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Zunächst einmal geht es ja von der Zielausrichtung um etwas ganz Unterschiedliches: Medikamente werden entwickelt, damit Leiden gelindert oder sogar Krankheiten geheilt werden. Bei den Abgastests geht es um die Frage einer gesundheitlichen Beeinträchtigung in Folge des Ausstoßes von Stickoxiden, die die Umwelt belasten. Natürlich braucht man auch bei Abgasen mit Blick auf Grenzwert-Festsetzungen eine Analyse, um die Wirkung von solchen Emissionen festzustellen. Da muss geforscht werden, das ist völlig legitim. Aber die Zielausrichtung der Tests ist eine andere. Und ich vermute, dass auch die Aufklärung eine andere gewesen ist.  

DOMRADIO.DE: Nicht nur nach allem, was sich die Autoindustrie im Zusammenhang mit den Diesel-Abgasen geleistet hat, haben diese Abgas-Versuche mit Menschen einen Beigeschmack, oder?

Bormann: Ja, es gibt hier einfach massive Interessenskonflikte und es gibt ein Kontrolldefizit. Das war schon bei der Schummelei mit den Abgasnormen ein Problem, dass die Kontrollen viel zu lax waren, dass die Automobilindustrie viel zu starken politischen Einfluss diesbezüglich auch gewonnen hat. Und hier zeigt sich das noch einmal in einer gesteigerten Form. Denn es kann natürlich nicht sein, dass ein von der Automobilindustrie selbst beauftragtes Forschungsinstitut eine so sensible Materie überhaupt in die Finger bekommt. Da sind Interessenskonflikte vorprogrammiert und da muss auf jeden Fall sichergestellt werden, das unabhängige Einrichtungen nach den üblichen Standards solche Gesundheitsbelastungen ermitteln. Ansonsten droht immer die Gefahr, dass auch diese Daten verfälscht, geschönt oder nur selektiv an die Öffentlichkeit weitergegeben werden.  

DOMRADIO.DE: Tier- und Menschenversuche sind in der Medizin weiter notwendig. Das sagen Mediziner und Forscher. Wie steht der Deutsche Ethikrat grundsätzlich dazu?

Bormann: Der Deutsche Ethikrat hat sich dazu bisher nicht grundsätzlich positioniert. Das ist sicherlich ein forschungsethisches Thema, mit dem man sich in der Zukunft weiter beschäftigen kann. Ich sehe aber hier keinen grundlegenden Konflikt. Denn, dass in der Medikamentenforschung solche Tier- und Human-Experimente in einer ganz bestimmten Schrittfolge unter ganz bestimmten Qualitätsstandards durchgeführt werden müssen, ist eigentlich in der wissenschaftlichen Community unstrittig. Es kommt dann nur darauf an, dass tatsächlich auch strenge Kontrollmechanismen natürlich durch Ethikkommissionen berücktigt werden, dass die üblichen Modalitäten hier auch strikt eingehalten werden. Man kann immer diskutieren, ob der Umfang etwa in bestimmten Bereichen der Tierexperimente tatsächlich erforderlich ist, aber nicht die Grundsatzfrage, ob es überhaupt eine Legitimität dafür geben kann.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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