Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz
Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz
Ehemaliges Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau
Ehemaliges Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau

16.12.2017

Vor 75 Jahren: Völkermord-Erlass an Sinti und Roma Es gab nicht nur die Schoah

Sinti und Roma galten bei den Nazis ebenfalls als "minderwertig" - doch dass auch "Zigeuner" Opfer eines Völkermords waren, wurde lange nicht anerkannt. Vor 75 Jahren ordnete Himmler ihre Vernichtung an.

Es gab nicht nur die Schoah, sondern auch den Porajmos - den Völkermord an den Sinti und Roma. "Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.42 sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen", teilte das Reichskriminalpolizeiamt im Januar 1943 mit. "Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.".

Dieser Hinweis ist die einzige Quelle für den "Auschwitz-Erlass", den SS-Chef Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942, also vor 75 Jahren, verkündete. Er sollte Hunderttausenden von Sinti und Roma den Tod bringen. Mit dieser historischen Erinnerung tat sich die Bundesrepublik fast noch schwerer als mit dem Völkermord an den Juden. Erst 1982, 37 Jahre nach Kriegsende, sollte Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) diesen Völkermord offiziell anerkennen.

Schon lange vorher diskriminiert

Auch der "Endlösung" an den Sinti und Roma ging eine lange Geschichte der Entrechtung voraus. Schon in der Weimarer Republik wurde eine Erfassung aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma vorangetrieben. Das bereits 1933 von den Nazis erlassene "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" ermöglichte auch Zwangssterilisierungen von "Zigeunern". Die "Nürnberger Rassengesetze" von 1935 schlossen Sinti und Roma genau wie Juden aus der "Volksgemeinschaft" aus. Mitte 1935 begann die Stadt Köln damit, Sinti und Roma in bewachten Lagern zu konzentrieren. Dieses Modell wurde in anderen Großstädten kopiert. 1938 wurde die "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" eingerichtet.

Der Zweite Weltkrieg öffnete dann alle Schleusen für die "Endlösung". Noch im September 1939 beschlossen die Behörden, die Juden sowie die restlichen «30.000 Zigeuner» aus dem Reich in das besetzte Polen zu deportieren. Im Mai 1940 erfolgten dann die ersten Massendeportationen nach Osten, wo die Verschleppten in Lager und Ghettos gesperrt und zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden.

"Totale Liquidierung"

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 wurden hinter der Front Sinti und Roma von Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, der SS sowie von Einsatzkommandos der Wehrmacht systematisch erschossen. Auch in eroberten Gebieten und bei den Bundesgenossen in Rumänien, Serbien oder Kroatien wurden Zehntausende Sinti und Roma ermordet.

Am 16. Dezember 1942 ordnete Himmler dann die "totale Liquidierung der Zigeuner" in Auschwitz an. Dort richtete die SS das sogenannte Zigeunerlager ein. Bis zu 800 Menschen wurden in einer Baracke zusammengepfercht. Die an der "Rampe" ankommenden Häftlinge wurden selektiert. "Nichtarbeitsfähige» wurden in die Gaskammern gebracht. Den «arbeitsfähigen» Häftlingen drohte Vernichtung durch Arbeit.

Am 23. März 1943 begannen die ersten Massenvernichtungsaktionen in den Gaskammern. Manche durchlitten noch schlimmere Qualen: Der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele missbrauchte auch Sinti und Roma für seine medizinische Versuche. Am 2. August 1944 wurde das «Zigeunerlager» wegen der herannahenden Front aufgelöst. 3.000 Sinti und Roma wurden in andere KZ deportiert. Die verbliebenen 2.900, zumeist Kinder, Frauen und Alte, wurden in der Nacht zum 3. August in den Gaskammern ermordet.

Bis zu einer halben Million Sinti und Roma ermordet

Es wird geschätzt, dass in Europa zwischen 220.000 und 500.000 Sinti und Roma dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. Von den rund 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden über 25.000 ermordet. Die Aufarbeitung des Völkermords ließ lange auf sich warten. Entschädigungsanträge von Sinti und Roma wurden weithin abgelehnt mit dem Argument, es habe sich nicht um rassistische Verfolgung gehandelt. 1956 stellte der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil fest, dass eine rassische Verfolgung erst ab März 1943 anzunehmen sei.

Etwa 70.000 Sinti und Roma gibt es heute in Deutschland. 1995 wurden sie als nationale Minderheit anerkannt. Seit 2012 erinnert das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in der Nähe des Berliner Reichstags an den Völkermord.

Christoph Arens
(KNA)

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