Kirche gegen Schlacht-Arbeiten am Feiertag

"Wir müssen ein Zeichen setzen"

Mehrere Schlachtbetriebe in Niedersachsen wollen ihre Arbeiter am 26. Dezember arbeiten lassen, um die Nachfrage des Handels zu bedienen.  Ein Unding, findet der katholische Pfarrer Michael Heyer, der mit Gleichgesinnten protestiert.

Schweinebäuche und Koteletts am Haken / © Carsten Rehder (dpa)
Schweinebäuche und Koteletts am Haken / © Carsten Rehder ( dpa )

DOMRADIO.DE: Es ist das doch gut verständlich: Drei arbeitsfreie Tage, die Menschen brauchen ihr Fleisch. Was also spricht dagegen, dass da am zweiten Weihnachtsfeiertag geschlachtet wird?

Michael Heyer (katholischer Pfarrer von Emstek): Ich denke, es ist gut verständlich, dass man als Verbraucher denkt, es müsste immer alles da sein. Was dagegen spricht, ist einfach die Perspektive der Arbeiter. Das sind überwiegend Werkvertragsarbeiter aus Rumänien und Polen. Für Hunderte Mitarbeiter fällt also Weihnachten aus.

DOMRADIO.DE: Spielen wir das mal durch. Wann müssen die Arbeiter da sein?

Heyer: Naja, die Schicht beginnt um sieben Uhr am Morgen. Aber da die Arbeiter aus Polen und Rumänien anreisen, müssen sie sich schon am ersten Weihnachtstag auf den Weg machen. Sie werden am ersten Weihnachtstag morgens von einem Bully abgeholt. Das heißt, sie schenken am Heiligabend also dem kleinen Sohn noch die Eisenbahn und müssen sich gleichzeitig schon verabschieden. "Papa ist morgen früh nicht mehr da." Das finden wir als Gemeinde vor Ort nicht in Ordnung.

DOMRADIO.DE: Aber es müssen ja viele Leute an Weihnachten arbeiten. Denken wir da an Ärzte, Krankenschwestern und Taxifahrer. Warum ist das eine andere Situation?

Heyer: Im Schlachtbetrieb geht's nicht um Leben und Tod. Da geht es um mehr oder weniger Profit. Die Firmen begründen das mit der Nachfrage beim Handel und den in diesem Jahr drei verkaufsgeschlossen Tagen zur Weihnachtszeit. Und die offizielle Begründung, warum jetzt das Gewerbeaufsichtsamt in Oldenburg die Genehmigung gegeben hat, ist die, dass es unverhältnismäßigen Schaden anrichtet, wenn sie nicht schlachten dürfen. Der Schaden besteht aber meiner Meinung nach einfach darin, dass sie diesen Wettbewerbsvorteil nicht haben. Viele andere Betriebe arbeiten nicht. Sie verzichten darauf und gönnen Ihren Mitarbeitern eben die ganze Weihnachtszeit. 

DOMRADIO.DE: Wenn man aber in die Begründung der Betriebe reinguckt, sieht das anders aus. Die bringen nicht nur den finanziellen Schaden an. Die sagen ausdrücklich, dass ihre Beschäftigten am zweiten Weihnachtstag arbeiten wollen.

Heyer: Sie haben auch zu wollen. Mit der Freiwilligkeit ist das nämlich so eine Sache bei den Werksvertragsarbeitern. Wenn Du mal nicht willst, ist es auch fraglich, inwiweweit Dein Vetrag verlängert wird. Das sind ja keine unbefristeten Arbeitsverträge. Natürlich verdienen sie auch bis zu 100 Prozent mehr an dem Feiertag - allerdings in der geringsten Lohngruppe. Das sind dann 18 Euro statt neun Euro die Stunde. Dafür würde kein Deutscher auf den Großteil des Weihnachtsfestes verzichten. Aber die Arbeiter aus Rumänien und Polen leben teilweise in solch prekären Verhältnissen, dass sie einfach auf jeden Cent angewiesen sind. Als guter, christlicher Chef oder Betriebsinhaber würde ich denen das Geld geben und zusätzlich frei geben. Aber das ist utopisch. 

DOMRADIO.DE: Sie gehen aber auch auf die Straße, um was dagegen zu unternehmen. Kommenden Sonntag gibt es eine Demonstration vor dem Schlachtbetrieb direkt bei Ihnen im Ort, in Emstek. Was erhoffen Sie sich davon? Denken Sie, Sie können an der Situation noch etwas ändern? 

Heyer: Ich war ganz überrascht, als ich herausgefunden habe, dass auch in den Jahren bisher immer gewisse Schichten gefahren wurden. Nur, in diesem Jahr ist es einfach so, dass an einem Tag 10.000 Schweine geschlachtet werden sollen, nur in dem einen Betrieb. Also, die Kapazitäten werden nochmal hochgefahren. Und wir sagen einfach: Wir müssen ein Zeichen setzen, dass gewisse Grenzen auch einzuhalten sind. An unserem Bündnis beteiligen sich Gewerkschaften und verschiedene Parteien. Leider ist die CDU nicht prominent vertreten. Die halten sich sehr bedeckt. Es ist einfach schade, dass wir als Kirche auf die Selbstverständlichkeit des Weihnachtsfestes aufmerksam machen müssen.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch. 


Quelle:
DR