Stacheldrahtzaun vor den Gebäuden des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau
Stacheldrahtzaun vor den Gebäuden des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

14.06.2017

Experte: Begegnungen mit Zeitzeugen sind unersetzbar "Nicht jeder Überlebende war in Auschwitz"

Seit 2001 nehmen polnische Überlebende des Zweiten Weltkriegs am Projekt "Zeitzeugen" vom Bistum Mainz teil. Die Katholische Nachrichten-Agentur hat mit Alois Bauer vom Bistum Mainz über eindrucksvolle Begegnungen gesprochen.

KNA: Herr Bauer, welche Erfahrungen in der Arbeit mit Zeitzeugen haben Sie besonders beeindruckt?

Alois Bauer (Leiter des Bistumsreferates Weltmission/Gerechtigkeit und Frieden, Mainz): Einerseits haben wir noch heute Zeitzeugen als Gäste, die schon 2001 dabei waren. Damals waren sowohl die Zeitzeugen als auch wir vom Organisationsteam und den Schulen sehr angespannt und unsicher. Das hat sich stark verändert: Über die Jahre haben sich vertrauensvolle Beziehungen entwickelt. Die Zeitzeugen sind entspannter geworden, weil sie wissen, dass ihnen die Zuhörenden mit großem Respekt begegnen. Die Jugendlichen erfahren meist von älteren Schülern, was auf sie zukommt; manche Lehrer halten dauerhaft Kontakt. Dieser generationenübergreifende Dialog, das allmähliche Vertraut-Werden miteinander hat mich besonders beeindruckt.

KNA: Warum ist die Arbeit mit Zeitzeugen so wichtig?

Bauer: Die Schulen geben uns unisono die Rückmeldung, dass das, was sie in diesen Begegnungen erleben, nicht durch einen Film oder ein Buch ersetzt werden kann. Dieser Mensch "aus Fleisch und Blut", der vor einem steht - diese Erfahrung bleibt für immer. Und die Mahnung der Zeitzeugen, Verantwortung zu übernehmen für Demokratie, Frieden und Freiheit, hat ein ganz anderes Gewicht, wenn sie mit solchem biografischen Background ausgesprochen wird.

KNA: Kann solch eine Begegnung nicht auch überwältigend sein?

Bauer: Wir erleben schon, dass Tränen fließen - auf beiden Seiten. Aber das macht nichts. Das zeigt, dass eine empathische Beziehung entstanden ist. Und wenn aus dieser Betroffenheit der Wunsch erwächst, sich dafür einzusetzen, dass heutiges Unrecht verhindert wird, dann haben die Zeitzeugen-Besuche ihr Ziel erreicht. Überwältigt werden auch die Zeitzeugen: Manche erzählen, dass Bilder, Geräusche und Gerüche der Verfolgungszeit sie bis in den Schlaf verfolgen.

KNA: Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang eine gute Vorbereitung?

Bauer: Wir halten eine gute Vor- und Nachbereitung für sehr wichtig. Schüler sollten wissen, was in Polen zwischen 1939 und 1945 passiert ist. Dazu gehört auch die Verwendung richtiger Begriffe: Ehemalige polnische, meist politische Häftlinge sind keine "Holocaust-Überlebenden", weil dieser Begriff für die Vernichtung der Juden, Sinti und Roma reserviert ist. Dahinter steckt keine Auf- oder Abwertung, sondern der Wunsch, mit der je eigenen Biografie auch verstanden zu werden. Wir vom Begleitteam verschicken vorab die Biografien der Zeitzeugen an die Schulen und erklären Fachbegriffe.

KNA: Es gibt immer wieder Vorstöße, den Besuch von Gedenkstätten für Schüler zur Pflicht zu machen. Was halten Sie davon?

Bauer: Ob es gut ist, das zur Pflicht zu machen, bezweifle ich. Das könnte auch Abwehr auslösen. Aber für viele Schulen in unserer Region gehört ein solcher Besuch inzwischen zur Vorbereitung der Zeitzeugen-Besuche. Nicht weit entfernt von Mainz liegt die "Gedenkstätte ehem. KZ Osthofen". Das war eines der frühen, "wilden" Konzentrationslager. Die Dauerausstellung zeigt auf, wie sich der Nationalsozialismus entfalten konnte, wie die Verfolgung von Andersdenkenden begonnen hat. Ein Besuch dort ist sicher sinnvoll.

KNA: Welche Rolle spielt das "nationale Gedenken" für die Überlebenden?

Bauer: Das vermag ich nicht wirklich einzuschätzen. Für manche Überlebende, die ich kenne, ist es wichtig. Seit die PiS-Regierung in Polen an der Macht ist, spüren wir als Begleitpersonen, dass das Thema unter den Zeitzeugen umstritten ist. Die meisten Überlebenden denken klar europäisch und nicht national. Sie geben den Jugendlichen mit: Ihr seid nicht verantwortlich für das, was damals geschehen ist. Ihr habt keine Schuld. Aber Ihr sollt lernen aus der Vergangenheit und müsst daher wissen, was geschehen ist. Denn Ihr seid verantwortlich für die Zukunft. Setzt euch ein für Frieden, Freiheit und Demokratie, für Völkerverständigung und Versöhnung. Wehrt allem, was dazu führt, das Menschen unterdrückt werden, widersprecht rechtspopulistischen Parolen.

KNA: Vor fast 70 Jahren wurde das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau eröffnet. "Leiden" andere Gedenkstätten unter der großen Aufmerksamkeit für Auschwitz?

Bauer: Das kann ich nicht umfassend beurteilen, aber ich erlebe, dass Auschwitz eigentlich allen ein Begriff ist. Hingegen reagieren viele Menschen erstaunt, wenn sie von Majdanek, Potulice oder dem Ghetto Litzmannstadt hören. "Auschwitz" ist zu einem Synonym für die Vernichtungspolitik der Nazis geworden. Vielleicht braucht es solche Vereinfachungen. Wichtig ist, differenzierend zu erklären, dass die meisten Juden nie in einem KZ waren, sondern in Ghettos. Und nicht jeder Überlebende war in Auschwitz. Ich glaube nicht, dass andere Gedenkstätten unter der Aufmerksamkeit für Auschwitz «leiden». Eher führt ein Besuch dort dazu, dass Menschen fragen, was war denn eigentlich vor meiner eigenen Haustür, was ging einem solch furchtbaren Ort wie Auschwitz voraus? Und dann besuchen sie hoffentlich Osthofen, Dachau, Buchenwald.

KNA: Die Zeit, in der die Überlebenden berichten können, ist begrenzt. Wie lassen sich ihre Zeugnisse bewahren?

Bauer: Das Maximilian-Kolbe-Werk, wir vom Bistum Mainz, aber auch andere Initiativen versuchen, so viel wie möglich zu dokumentieren. Wir filmen, zeichnen auf, fotografieren. Eigentlich bräuchten wir Profis, die sich ausschließlich darum kümmern, da wir das neben der Organisation und Moderation von Gesprächen kaum bewältigen können.  Momentan entsteht ein Film über eine Zeitzeugen-Begegnung, online dokumentieren wir Biografien. Zudem bauen wir gemeinsam mit Zeitzeugen Präsentationen auf, die wir auch weitergeben dürfen. So versuchen wir, möglichst viel zu bewahren - ohne dass das vollständig gelingen oder die persönlichen Begegnungen ersetzen kann.

Paula Konersmann
(KNA)

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