Leihmütter in Indien
Leihmütter in Indien
Neu im Ethikrat: Andreas Lob-Hüdepohl
Andreas Lob-Hüdepohl

29.08.2016

Theologe lobt Indiens Einschränkung der Leihmutterschaft "Kinder sind keine Zierde"

Bislang florierte in Indien das Geschäft mit der Leihmutterschaft. Das ist nun vorbei - wenigstens für Ausländerinnen. Als wichtiges Zeichen bezeichnet der Theologe Andreas Lob-Hüdepohl im Interview das Vorhaben - auch für die internationale Diskussion.

domradio.de: Was genau ist moralisch fragwürdig an der Leihmutterschaft?

Prof. Andreas Lob-Hüdepohl (Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Ich denke, da sind drei wichtige Bereiche zu nennen. Erstens sind das die Motive der Wunschmütter: Liegt tatsächlich eine Unfähigkeit zur Schwangerschaft vor oder ist es nur eine Unwilligkeit aus Gründen der Bequemlichkeit oder Karriereplanung?

Ein zweiter Punkt sind die Leihmütter selber: Handeln sie tatsächlich aus altruistischen Motiven? Stellt sich beispielsweise eine Schwester für ihre nicht-schwangerschaftsfähige Schwester zur Verfügung oder handelt die Leihmutter schlicht aus wirtschaftlicher Not und Abhängigkeit?

Das dritte moralisch Fragwürdige ist vor allem das Kindeswohl: Denn das Kind ist ja nicht einfach nur ein Objekt, sondern es geht um das Kind selber. Theoretisch sind fünf Elternteile nicht ausgeschlossen. Also die biologischen Eltern, die Samen und Eizelle gespendet haben, die Leihmutter und möglicherweise später - davon verschieden - die zwei unterschiedlichen sozialen Eltern.

domradio.de: Jetzt verbietet Indien die Leihmutterschaft für Ausländer. Was ist das für ein Zeichen?

Lob-Hüdepohl: Ein wichtiges. Es ist vielleicht nicht ein Zeichen, das das Problem der Leihmutterschaft insgesamt auch international löst, aber in Indien floriert insbesondere das Geschäft zwischen Frauen in prekärer Lebenslage und Ausländerinnen. Nach meinem Kenntnisstand macht diese Konstellation etwa 80 Prozent der Leihmutterschaftsfälle aus. Deshalb ist dieser Schritt jetzt ein wichtiges Zeichen, um diesen internationalen "Markt" auszutrocknen. Nun kann eine Ausländerin nicht mehr mit einem Kinderwunsch nach Indien fahren, sondern muss in die Ukraine oder die USA - das ist nach wie vor möglich. Aber hiermit wird ein wichtiges Signal auch für die internationale Diskussion gesetzt.

domradio.de: Es ist nur für Ausländer in Indien verboten. Das bedeutet, die wohlhabende indische Frau kann durchaus in ihrem Land rechtlich geschützt sich eine andere Frau als Leihmutter mieten?

Lob-Hüdepohl: Das ist offensichtlich so. Ich muss auch gestehen, dass die in Aussicht gestellte Regelung in Indien nicht vollumfänglich befriedigt. Wenn man grundsätzliche Bedenken gegenüber der Leihmutterschaft hegt, was ich tue, dann würde man sich natürlich noch ein weitgehenderes Verbot wünschen. Aber das ist derzeit noch nicht in Indien möglich.

domradio.de: Könnte dieses Gesetz eine Signalwirkung für andere Länder haben oder interessiert das die anderen Staaten nicht?

Lob-Hüdepohl: Ob das andere Länder interessiert, weiß ich nicht. Ich würde es hoffen. Denn es geht insbesondere auch um die Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Ich habe eben auf das Kindeswohl abgehoben, was im Kontext der Leihmutterschaft gerne vernachlässigt wird. Ich kann ja sogar die Wunscheltern und selbst die Leihmutter noch verstehen. Aber im Zentrum der Schwangerschaft muss das Kind und muss das Wohl des Kindes stehen.

Ich kann also nicht argumentieren, dass die Leihmutterschaft den Wunscheltern ihr Lebenskonzept nach Elternschaft ermöglicht. Es kann nicht sein, dass Kinder nur Vehikel und Zierde von Eltern werden. Insofern glaube ich, dass im Hinblick auf das Kindeswohl zunehmend die Diskussion gegen Leihmutterschaft auch international an Boden gewinnt. Deshalb hoffe ich, dass es irgendwann einmal zu einem weltweiten Verbot von Leihmutterschaften, insbesondere von kommerzialisierten Leihmutterschaften kommt.

Das bedeutet ja nicht, dass beispielsweise die Leihmutterschaft aus diesen engen, altruistischen Gründen ermöglicht wird - analog zu Transplantationen. Ich kann ja auch eine Lebendspende einem nahestehenden Menschen spenden, darf es nur nicht kommerzialisiert tun. So könnte es also auch weltweit zu einer Regelung von Leihmutterschaft kommen, die in ganz engen Grenzen die prekäre Lebenslage einer schwangerschaftswilligen Mutter kompensieren hilft.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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