Filmszene aus "Spotlight"
Filmszene aus "Spotlight"
Regisseur Tom McCarthy (l.) und Josh Singer mit den Oscars für den besten Film und das beste Originaldrehbuch für "Spotlight"
Regisseur Tom McCarthy (l.) und Josh Singer mit den Oscars für den besten Film und das beste Originaldrehbuch für "Spotlight"

29.02.2016

"Spotlight" erhält Oscar für den besten Film Dem Missbrauch auf der Spur

Sexueller Missbrauch durch Priester, der auch noch vertuscht wird, nicht nur von Kirchenoberen. Der Film "Spotlight" beleuchtet dieses Skandalthema. Bewegend, brillant gespielt - und mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnet.

Kein Genre ist bei Kinogängern derzeit so beliebt wie Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Beschäftigung mit den Missbrauchsfällen durch katholische Priester und deren weitreichende Publizität bot sich unter solchen Voraussetzungen geradezu an.

Bester Film und beste Regie

Regisseur Tom McCarthy widmet sich dem Thema in "Spotlight" aber nicht aus Sensationsgier und Lust am Skandal, sondern eher wie ein Wissenschaftler. Wie jemand, der sich mit den allgemein zugänglichen Ermittlungen nicht zufriedengibt, weil er sich von den Vorgängen so aufgewühlt fühlt, dass er das ganze Ausmaß und die ganze Wahrheit offenlegen will. Für diese sensible Arbeit erhielt McCarthy am Montagmorgen deutscher Zeit den Oscar für das beste Originaldrehbuch - und sein Werk wurde als bester Film ausgezeichnet.

"Spotlight" erinnert an eines der großen Vorbilder in der Filmgeschichte, an Alan J. Pakulas "Die Unbestechlichen" aus dem Jahr 1976, in dem es um die Aufdeckung des Watergate-Skandals durch zwei Journalisten der "Washington Post" geht. Auch McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem. Und "Spotlight" ist wie "Die Unbestechlichen" ein seriöser Film, dem man allenfalls den Vorwurf machen könnte, dass er das tiefe und fortdauernde Leid der Opfer zu sehr am Rande behandelt.

Handlung kreist um investigative Arbeit einer Zeitungsredaktion

Ein Großteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des "Boston Globe" und kreist um die investigative Arbeit eines Teams der Zeitung, das für seine Berichte später mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass auch die Reporter des "Boston Globe" viele Jahre zuvor schon um die Vorgänge gewusst haben. Denn Mitverantwortung für die Vertuschung der Missbrauchsfälle trugen nicht nur die Täter selbst und Verantwortliche auf der Leitungsebene des Erzbistums Boston bis hin zu Kardinal Bernard F. Law.

Hier und da waren Einzelheiten in die Öffentlichkeit durchgesickert, aber alle, die Kenntnis davon hatten, praktizierten eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens um des größeren Ganzen willen. Auch in den Etagen des "Boston Globe" bedurfte es erst eines aus Miami gekommenen neuen Redaktionsleiters, der das alle Institutionen der Stadt durchdringende katholische Establishment mit nüchterner und zu publizistischer Aktivität mahnender Skepsis betrachtete. Auf diese Weise konnte ein kleines Journalistenteam mit dem scheinbar aussichtslosen Unterfangen beginnen, unter Verschluss gehaltene Akten und lange vernachlässigtes Beweismaterial ans Licht zu bringen.

Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten aufgedeckt

Der Film tut sich am meisten in jenen Passagen hervor, die die Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten aufdecken, denen das verhängnisvolle Schweigen der vorausgegangenen Jahre zu verdanken war. Auch die Reporter selbst stammen aus dem Umfeld der katholischsten Millionenstadt der USA. Und auch sie sind nicht frei von Skrupeln, aber sie sind überzeugt davon, dass sie eine Aufklärungsarbeit zu leisten haben, die wichtiger ist als Rücksicht auf ihre Erziehung und Herkunft.

McCarthy erzählt die Geschichte der mühsamen, schrittweisen Entwirrung eines Geflechts aus Abwiegelung und Vertuschung in überwiegend ruhigen, sachlichen und betont unspektakulären Szenen. Er tut das mit derselben Sensibilität, die schon seinen Film "Ein Sommer in New York - The Visitor" auszeichnete. Seine Darsteller hält er zu zurückhaltenden Gesten an. Das macht "Spotlight" glaubwürdig und rückt die detaillierte Rekonstruktion der immer noch hochsensiblen Vorgänge in die Nähe eines Dokumentarfilms.

Missbrauchsopfer nur Randfiguren

Regisseur McCarthy scheut aber nicht davor zurück, die ans Licht gekommenen Fakten zu benennen. Etwa die Tatsache, dass es zum Beispiel bei den beschuldigten Priestern nicht bloß um ein paar "faule Äpfel" geht, sondern um eine lange Liste von Namen, die schließlich ja auch den Kardinal zum Rücktritt veranlassten. Das letzte Wort über den Bostoner Kirchenskandal ist ein Film wie "Spotlight" allerdings nicht. Zu einseitig stehen in ihm die Reporter und der investigative Journalismus im Mittelpunkt und nicht die Missbrauchsopfer, die mehr als Randfiguren fungieren. Sie haben einen eigenen Film verdient.

Franz Everschor
(KNA)

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