Das Collegium Josephinum in Bad Münstereifel wurde 1997 geschlossen
Das Collegium Josephinum in Bad Münstereifel wurde 1997 geschlossen

02.09.2015

Pädagogin Bundschuh über Aufarbeitungsprojekt Münstereifel "Wir sprechen mit den Betroffenen, nicht über sie"

2010 wurde der Missbrauchsskandal in der Kirche öffentlich. Im Collegium Josephinum in Bad Münstereifel sind an der Aufbereitung auch Betroffene beteiligt, wie die wissenschaftliche Leiterin Claudia Bundschuh erläutert.

KNA: Frau Professor Bundschuh, wie unterscheidet sich Ihr Projekt von anderen?

Claudia Bundschuh (Wissenschaftliche Leiterin Projekt Collegium Josephinum / ProCJ): Es ist eindeutig ein Projekt mit Betroffenen und für sie. Ehemalige des 1997 geschlossenen Konvikts haben die Zielsetzung des Projekts mitbestimmt und entscheiden über Bausteine und Umsetzung mit. Wir machen nichts ohne deren Unterstützung. Insgesamt sind im Lenkungsausschuss zwei Vertreter des Erzbistums Köln, zwei aus der Wissenschaft, zwei Betroffene und ein Vertreter der Betroffenen.

KNA: Wie wirkt sich diese Zusammensetzung aus?

Claudia Bundschuh: Es ist sehr hilfreich, weil wir damit immer ein Korrektiv bekommen, was wirklich Anliegen der Betroffenen ist. Wir selbst können uns nur theoretisch dem Thema nähern. Experten ihrer Lebenssituation sind nur sie selber. Das klare Feedback gibt uns Orientierung für die angemessene Umsetzung. Es wird offener gesprochen - mit den Betroffenen, nicht über sie. Das mag etwas länger dauern, dafür ist das Ergebnis aber befriedigender.

KNA: Sie berücksichtigen bei Ihrem Projekt auch ausdrücklich die sogenannten tertiär Betroffenen, Schüler, die selbst weder Missbrauch noch Misshandlung erlebt haben. Warum?

Claudia Bundschuh: Wir wollen verhindern, dass Ehemalige durch die Aufarbeitung beeinträchtigt werden, etwa durch die Öffentlichkeitsarbeit im Projekt. Bei der bisherigen Aufarbeitung wurde mitunter nicht ausreichend berücksichtigt, dass Menschen durch die Aufarbeitung und die öffentliche Darstellung von früheren Ereignissen in einer Institution auch Schaden nehmen können. Das wäre auch bundesweit zu lernen. Bei der Auftaktveranstaltung zu unserem Projekt waren einige vor allem jüngere Schüler des Internats sehr aufgebracht und emotional erschüttert. Sie haben ganz andere Erfahrungen gemacht, werden aber jetzt auf der Straße angesprochen und als Opfer identifiziert, obwohl sie das gar nicht sind. Auch beklagten sie, dass jetzt Mitarbeiter unter Generalverdacht stehen, die vielleicht als Bezugspersonen sehr wichtig waren.

KNA: Wie stehen diese tertiär Betroffenen zu Ihrem Projekt?

Claudia Bundschuh: Sie unterstützen die Aufarbeitung. Aber sie äußern bisweilen auch Unmut, dass das Projekt öffentlich präsentiert wird und eben falsche Assoziationen weckt. Außerdem machen sie sich Sorgen um ihre Eltern, weil die sie ja auf diese Schule geschickt haben und sich jetzt schuldig fühlen. Eine Facette ist auch, dass manche, die - theoretisch oder tatsächlich - Zeugen der Taten waren, jetzt eine Mitschuld fühlen, weil sie nicht eingeschritten sind.

KNA: Wie können Sie diesen Bedenken begegnen?

Claudia Bundschuh: Indem wir von Anfang an deutlich gemacht haben: Jeder kann sich an uns wenden und eigene Erfahrungen darstellen. Wir greifen auch positive Erfahrungen auf. Im Gegensatz zu anderen Projekten wollen wir klarstellen: Es gab in diesem Internat viele Jungen, die ihre Zeit dort als sehr bereichernd und hilfreich für ihre Biografie erlebt haben. Aber es gab leider auch nicht wenige, die das Glück nicht hatten. Das wird auch im Abschlussbericht, der für Ende 2016 geplant ist, Erwähnung finden.

KNA: Gibt es weitere Besonderheiten?

Claudia Bundschuh: Wir richten unser Augenmerk nicht nur auf die Fälle sexuellen Missbrauchs, sondern auch auf die körperlichen und psychischen Misshandlungen. Uns ist es sehr wichtig, hier keine Hierarchie herzustellen. Ich arbeite jetzt seit 30 Jahren mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Aber ich bin inzwischen eine starke Kämpferin gegen diese Kellerrallye: "Missbrauch - ganz schlimm, Misshandlung nicht so schlimm." Mir ist es immer wieder wichtig zu betonen: Es sind unterschiedliche Erfahrungen, aber es steht uns nicht zu, zu bewerten, dass die einen problematischer sind als die anderen. Beide Formen der Gewaltausübung werden von den Betroffenen als demütigend, als Entwertung und als Ohnmachtserfahrung erlebt.

KNA: Welche Ziele verfolgt Ihr Projekt?

Claudia Bundschuh: Wir können nichts rückgängig machen oder uns gar anmaßen, schwere Verletzungen zu heilen. Aber wir wollen denjenigen, die am Collegium Missbrauch oder Misshandlung erfahren haben, Entlastung bieten. Deshalb entscheiden die Betroffenen, welche Bausteine das Projekt haben soll. Wir fragen, was sie sich vom Projekt wünschen. Es gibt inzwischen unzählige Berichte über die Strukturen und Hintergründe der Missbrauchs- und Gewalttaten. Bei diesen Mechanismen gibt es keinen Unterschied zwischen kirchlichen Trägern, Odenwaldschule oder anderen Einrichtungen. Wo wir aber noch große Wissenslücken haben: Was brauchen die Betroffenen jetzt an gezielter Hilfestellung.

KNA: Was brauchen die Menschen denn?

Claudia Bundschuh: Ganz viel offenes Ohr, geduldiges Zuhören und ganz wichtig: die Anerkennung und Bestätigung, dass das, was sie erfahren haben, nicht ihre Schuld war. Auch dürfen wir die Generation nicht vergessen. Viele haben diese Jahrzehnte in eine Kiste gepackt, ihr Leben wunderbar gemeistert, und nun kommt alles wieder hoch, was sie als Kinder erlebt haben: Dass sie nämlich allein waren, dass es niemanden gab, an den sie sich wenden konnten, und dass anstatt von Hilfe sogar eher eine weitere Bestrafung drohte. Hier müssen wir die Menschen aus der Individualisierung herausholen.

KNA: Wie viele Menschen haben sich bislang bei Ihnen gemeldet?

Claudia Bundschuh: Etwa 20 - vorwiegend mit Gewalterfahrungen, einige aber auch mit ausschließlich positiven Erinnerungen: Damit sich uns noch mehr Menschen anvertrauen, müssen wir glaubhaft und authentisch vermitteln, dass es wirklich um sie geht. Viele Betroffene, so erfahren wir immer wieder, misstrauen aufgrund ihrer Erfahrungen in einer kirchlichen Einrichtung der Kirche als Institution und haben daher Zweifel, dass hier eine angemessene Aufarbeitung stattfindet. Viele Betroffene haben in der Vergangenheit den Eindruck gehabt, von uns benutzt und damit sogar zum zweiten Mal missbraucht zu werden - nach dem Motto: "Ich soll Euch etwas geben, damit Ihr es in Zukunft besser machen könnt." Also eine gewisse Instrumentalisierung. Das darf nicht passieren.

Das Interview führte Sabine Kleyboldt

 

 

 

(KNA)

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