Bundesweite Aktionswoche für Sterben in Würde

Kirchen mischen sich ein

Eine "Kultur des Sterbens", die nicht von Angst geprägt ist. Dazu wollen die Kirchen mit ihrer "Woche für das Leben" beitragen. Es sei ein "Armutszeugnis", wenn die Beihilfe zur Selbsttötung zu einer beliebigen Option unter vielen werde.

Kardinal Reinhard Marx / © Matthias Greve (dpa)
Kardinal Reinhard Marx / © Matthias Greve ( dpa )

Die katholische und die evangelische Kirche haben am Wochenende in Hamburg die bundesweite "Woche für das Leben" eröffnet. Sie steht unter dem Jahresthema "Sterben in Würde" und stellt die gesellschaftliche und politische Debatte über den assistierten Suizid sowie den Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen in den Mittelpunkt. Der Bundestag wird voraussichtlich im Herbst über Gesetzentwürfe zur Sterbebegleitung und Suizidbeihilfe entscheiden.

Im dem ökumenischen Eröffnungsgottesdienst sprachen sich der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, gegen eine Beihilfe zur Selbsttötung aus.

"Armutszeugnis für die Gesellschaft"

Marx sprach von einem "Armutszeugnis für eine Gesellschaft, in der die Möglichkeit zur Selbsttötung bloß zu einer weiteren Option unter vielen wird: Pflegeheim, Krankenhaus, Suizid". Humanität messe sich gerade daran, wie eine Gesellschaft mit ihren Alten und Schwerstkranken umgehe. Die Gesellschaft dürfe nicht hinnehmen, dass der Wunsch nach einem schnelleren Tod dadurch entstehe, dass die Menschen sich im Sterben alleingelassen fühlten, mahnte Marx. Auch brauche es Ärzte, die Menschen im Sterben begleiten, aber nicht solche, die töten.

Bedford-Strohm betonte, in Würde sterben zu dürfen bedeute nicht, "alle Optionen zu haben, um sich jederzeit selbst töten zu können". Vielmehr brauche es eine "Kultur des Sterbens" in Deutschland, "die nicht länger von der Angst geleitet ist". Er forderte eine ausreichende Finanzierung der Pflege und der Palliativbegleitung. Die Begleitung des Sterbenden könne niemals von Kosten-Nutzen-Abwägungen abhängig gemacht werden.

Forderung: Verbot von Sterbehilfevereinen

Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion über Autonomieverlust und Selbstbestimmung am Lebensende forderten Marx und Bedford-Strohm ein Verbot von Sterbehilfevereinen und von Vereinen zur Förderung des assistierten Suizids. Der Berliner Mediziner und Hospiz-Geschäftsführer Michael de Ridder sprach sich dafür aus, assistierten Suizid unter die ethische Gewissensentscheidung des Arztes zu stellen.

Der Hamburger katholische Erzbischof Stefan Heße forderte Respekt vor der existenziellen Gewissensentscheidung eines Menschen, wenn er in die "Dunkelzone" am Lebensende eingetreten sei, in der keinerlei Hilfe mehr möglich sei. Wichtig sei aber auch, dass die Sterbenden nicht von Angehörigen oder Medizinern "dorthin gedrängt werden, wo wir sie haben möchten". Die Hamburger evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs sagte, niemand wisse, was er im Moment des Sterbens fühlen werde und ob er nicht doch länger leben wolle. Würdiges Sterben brauche diesen Raum der Individualität. Es brauche Zeit, Zuneigung, Gespräch und "dass wir uns aussetzen und nicht fliehen". Die Aufgabe der Kirche könne darin liegen, die Gesellschaft zur Einsicht zu führen, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod nicht erst auf dem Sterbebett beginne.

Aktive Sterbehilfe in Nachbarländern erlaubt

Der Bundestag will noch im Herbst über die Beihilfe zum Suizid sowie den Ausbau von Hospizarbeit und Palliativmedizin entscheiden. Sterbehilfe war lange ein Tabuthema in Deutschland. Dass es jetzt in den Bundestag schwappt, hat auch mit Entwicklungen in Europa zu tun. Mit Belgien, den Niederlanden und Luxemburg haben drei Nachbarländer aktive Sterbehilfe erlaubt. Noch stärker strahlt die Schweizer Regelung aus: Dort ist Beihilfe zum Suizid legal, wenn sie nicht aus Eigennutz passiert.

Immer mehr Deutsche nutzen die Angebote der Schweizer Sterbehilfevereine und setzen dort ihrem Leben ein Ende. In Deutschland heizen Selbsttötungen von Prominenten - MDR-Intendant Udo Reiter, Playboy Gunter Sachs oder Ex-Fußball-Nationalspieler Timo Konietzka - die Debatte über eine Enttabuisierung des Suizids an. Der Verein "SterbeHilfe Deutschland" des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch wirbt damit, 2013 rund 40 Menschen beim Suizid geholfen zu haben.

Unterschiedliche Positionen im Bundestag

Die meisten Bundestagsinitiativen lehnen - wie die Kirchen - jede Form organisierter Beihilfe zur Selbsttötung ab. Umstritten ist vor allem die ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung: Eine Gruppe von Parlamentariern will Ärzten ausdrücklich die Suizidbeihilfe unter genau definierten Voraussetzungen erlauben. Andere wollen die geltende Regelung - eine rechtliche Grauzone - beibehalten. 

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will darüber hinaus ein Gesetz zur Verbesserung der Palliativ- und Hospizversorgung voranbringen. Ziele sind ein flächendeckendes Angebot und eine bessere Finanzierung der Betreuung Sterbender. Der Gedanke dahinter: Wenn Sterbenskranke keine Angst mehr vor quälend langem Leiden haben müssen, werde der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe oder Beihilfe zur Selbsttötung zurückgehen. 


Quelle:
KNA , epd