Hingerichtet aus Rache: Sajida Mubarak al-Rishawi
Hingerichtet aus Rache: Sajida Mubarak al-Rishawi

05.02.2015

Rache und Vergeltung in den Religionen "Auch das Christentum hat eine Lerngeschichte hinter sich"

Die jordanische Regierung hat als Racheakt zwei Terroristen hinrichten lassen. Die Haltung der Katholischen Kirche und des Islam zum Thema Vergeltung erklärt der Moraltheologe Peter Schallenberg im domradio.de-Gespräch.

Ein jordanischer Kampfpilot wird in einen Käfig gesperrt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Diese Gräueltat des Islamischen Staats hat Anfang der Woche für Aufsehen gesorgt, aber auch die Reaktion von Jordanien. Die Regierung hat zwei inhaftierte Terroristen hinrichten lassen. Das sei vollkommen gerechtfertigt, sagt William Schomali, Weihbischof in Jerusalem. Denn "Krieg ist Krieg", so Schomali.

domradio.de: Der Weihbischof wird zitiert mit den Worten "Es gab keine andere Möglichkeit, die Gemüter zu besänftigen, außer durch die Tötung jener, die schon früher hätten getötet werden sollen." Können Sie als Moraltheologe diesen Worten zustimmen?

Peter Schallenberg (Theologische Faktultät Paderborn): Eher nicht. Man müsste gerechterweise den Kontext kennen, in dem der Weihbischof diese Aussage getätigt hat. Aber grundsätzlich kann man sagen, dass wir erst seit Johannes Paul II. von katholischer Seite aus eine sehr strikte Ablehnung der Todesstrafe haben, dass kein Mensch die Todesstrafe verdient. Wir bemühen uns, die Aussagen der Bergpredigt auch in politischer Hinsicht umzusetzen und das heißt, dass wir glauben, dass die Reaktion mit Gewalt auf Gewalt auf Dauer zu einer Spirale der Gewalt führt.

domradio.de: Der Weihbischof sieht keinen Widerspruch zur katholischen Morallehre. Auch die Kirche schließe die Todesstrafe als äußersten Akt nicht aus, so Schomali. Damit hat er dann wahrscheinlich nicht recht?

Schallenberg: Er hat insofern recht, als dass die Todesstrafe als Ultima Ratio nach wie vor nicht ausdrücklich in Form einer Enzyklika beispielsweise abgelehnt worden ist. Das sind Aussagen des Lehramtes, die eben auch bis ins 20. Jahrhundert hinein in Katechismen beispielsweise zu finden sind. Die sind offiziell nie widerrufen worden. Johannes Paul II. hat aber insbesondere im Umfeld des Ersten und Zweiten Irakkriegs deutlich gemacht, dass die Tötung eines Menschen - außer im Fall eines ungerechten Angriffes - nicht gerechtfertigt ist und dass man nicht mehr davon ausgehen kann, dass der Staat sich im Fall der Todesstrafe im Kriegszustand mit einer Person befindet.

Wir müssen vielleicht bedenken, dass es für die Todesstrafe in der Vergangenheit - auch in der katholischen Moraltheologie - unterschiedliche Begründungsformen gegeben hat. Das ganz ursprüngliche Begründungsmodell der Vergeltung ist fallen gelassen worden zugunsten von Abschreckung als Begründung. So habe ich beispielsweise auch die offizielle Stellungnahme des jordanische Königs verstanden, wo er meines Erachtens darauf aufmerksam machen wollte, dass Terroristen nur durch solche sehr radikalen Maßnahmen abgeschreckt werden. 

Wir sind nach meiner Auffassung gegenwärtig in der katholischen Moraltheologie nicht der Meinung, dass die Todesstrafe ein geeignetes Mittel ist, um Terroristen abzuschrecken.

domradio.de: Wie steht das Christentum denn allgemein zum Thema Rache und Vergeltung? Wenn wir in die Bibel gucken, finden wir ja auch so berühmte Zitate wie "Auge um Auge, Zahn um Zahn". 

Schallenberg: Das war ja zunächst ein Aufruf zur Milderung von Gewalt. Wir sprechen von einer Humanisierung des alttestamentlichen Rechtes. Wenn eine Person aus der Sippe jemanden umgebracht hatte, dass da nicht deren eigene Sippe im Gegenzug als Vergeltung erschlagen, eliminiert wurde, sondern wiederum nur eine Person. Also ein Auge um ein Auge, ein Zahn um einen Zahn. Das war sozusagen eine Quantifizierung und eine adäquate Vergeltung. 

Wir sind als Christen allerdings natürlich grundsätzlich gebunden an Christi Gebot und Christi Lehre: Liebe deine Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen. An die Gebote der Bergpredigt. Wir haben im Hinterkopf vielleicht auch noch die Diskussionen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren, ob man mit der Bergpredigt Politik machen kann. Natürlich ist von den Aussagen der Bergpredigt bis zur konkreten Politik ein weiter Weg, aber als Christen sehen wir, dass die Bergpredigt das Ziel des Lebens ist.

domradio.de: Diese grausame Tat der Verbrennung bringt selbst viele Unterstützer des Islamischen Staates auf die Barrikaden. Der Prophet Mohammed sagt nämlich: "Niemand darf mit dem Feuer bestrafen außer Gott." Hält sich da die Terrororganisation nicht an ihre eigenen Grundsätze, wenn sie selber dem Propheten widersprechen?

Schallenberg: Das kann man wohl sagen. Es gibt ja viele Interpretationen und Artikel zu diesem Thema: Was meint der Koran, wenn er von Dschihad spricht - das Wort meint ja im ursprünglichen Sinne "Anstrengung" und in der weiteren Bedeutung "Heiliger Krieg". Da ist der Koran in den Suren sehr unterschiedlich in seiner Auslegung. Ich glaube, wir haben als Christen keinen Grund, uns schrecklich überheblich zu zeigen, sondern allen Grund, uns demütig zu zeigen.

Wir haben auch im Alten Testament sehr unterschiedliche Aussagen zu Gewalt, Frieden und Krieg. Man kann als harmloses Beispiel die Erste Lesung vom vergangenen Sonntag nehmen. Da heißt es am Ende, ein Prophet, der falsche Götter verkündige, solle sterben. Da fragt sich der geneigte Zuhörer schon, wer denn entscheidet, ob ein Prophet die richtigen oder die falschen Götter verkündigt. Auch das Christentum hat eine Lerngeschichte hinter sich und wenn wir nur das Alte Testament nähmen, dann käme man zu anderen Auffassungen als wenn man ein Gesamtbild erstellt.

 

Das Interview führte Aurelia Rütters.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

 

(dr)

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