Eremiten suchen die Begegnung mit Gott

Kein leichtes Leben

Maria Anna Leenen lebt abgeschieden und allein mit ihren Tieren in der Nähe von Osnabrück. Die 58-Jährige ist Eremitin. Die Begegnung mit Gott steht im Mittelpunkt ihres Lebens. Doch sie sorgt sich um die Zukunft ihrer kleinen Klause.

Autor/in:
Elmar Stephan
Einsiedlerin Maria Anna Leenen  (dpa)
Einsiedlerin Maria Anna Leenen / ( dpa )

Ein kleines Bauernhaus, eine halbverfallene Scheune, ein winziger Schuppen - alles mitten auf dem Land, weit weg von der nächsten größeren Straße und dem nächsten Ort. Maria Anna Leenen lebt abgeschieden, allein mit ihren Tieren, ein paar Zwergziegen. Die 58-Jährige hat für sich ein Leben gewählt, das anders ist als die Norm: Seit 2003 lebt sie in der Nähe von Osnabrück als Eremitin, irgendwo zwischen den niedersächsischen Orten Fürstenau und Ankum. "Es ist ein Leben, was reduziert ist", sagt Leenen, eine freundliche Frau mit kurzen, weißen Haaren. Ihr Tagesablauf besteht aus mystischer Versenkung in sich selbst, aus intensiven Gebeten und aus Arbeit.

1986 trat die damals 30-Jährige zum katholischen Glauben über. Sie versuchte es im Kloster und lebte einige Zeit im Orden der Klarissen in Münster. "Aber irgendwie war das doch nicht das Richtige", blickt sie zurück. Zusammen mit einer erfahrenen Ordensschwester überlegte sie, was für ein Leben zu ihr passen könnte. "Als dabei herauskam, dass ich am besten Eremitin werden sollte, war ich zunächst einmal erschrocken", sagt sie heute.

Einsam, aber erfüllt

Im Mittelpunkt ihres Lebens steht die Begegnung mit Gott, erklärt Leenen den Gedanken hinter der einsiedlerischen Lebensform. Es ist ein Leben, das nicht selten hart ist. Die 58-Jährige muss mit der Einsamkeit klarkommen. Damit, stets um ihren Lebensunterhalt kämpfen zu müssen. Andererseits aber führe sie ein erfülltes Leben, sagt sie. Die Alltagswünsche vieler Menschen, die sich um Wohlstandsdinge wie Autos, Handys oder Urlaub drehen, hat sie nicht: "Das ist doch alles nicht wichtig". Obwohl sie zum Beispiel den Wunsch, fremde Länder zu erleben, gut verstehen könne. "Ich bin früher viel gereist. Aber ich kann heute darauf auch verzichten".

Isoliert lebt Leenen nicht. "Es kommen schon viele Menschen vorbei", sagt sie. Sie werde oft um Rat in Lebens- und Glaubenskrisen gebeten. "Dann beschäftige ich mich auch mit den Anliegen".

Auch ihr Beruf lässt sie mitten im Leben stehen - Eremiten müssen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. "Ich bekomme keinen Scheck vom Bischof", betont die 58-Jährige. Sie schreibt Bücher, macht Öffentlichkeitsarbeit für die Eremiten in Deutschland und fertigt Schmuckkerzen an, die sie auf Weihnachtsmärkten verkauft.

Eremitentum: Wurzeln im 4. Jahrhundert

Das eremitische Leben ist eine uralte christliche Lebensform, die als Vorgängerin des Mönchtums gilt. Sie geht auf das vierte Jahrhundert zurück. Das Interesse daran sei in den vergangenen Jahren wieder gestiegen, sagt Leenen. In Deutschland gibt es nach ihren Worten 80 bis 90 katholische Gläubige, die diese Lebensform für sich entdeckt hätten.

Pater Michael Plattig, der an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster lehrt, sieht im Eremitenwesen eine Art Gegenbewegung zum herrschenden Zeitgeist. Heute muss alles schnell geschehen: Schulzeit, Ausbildung, Studium, in kurzer Zeit soll in jungen Jahren möglichst viel erreicht werden. "Das Eremitenwesen würde ich sehen als eine Anfrage an diesen Mechanismus", sagt Plattig zum Reiz dieses besonderen Lebens. Eine Gegenbewegung zu den herrschenden Idealen der Zeit zu sein, sei wahrscheinlich auch schon das Motiv der ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gewesen.

Allerdings: Wer sich auf das harte Leben einlassen wolle, müsse sich lange prüfen. "Die Geister müssen gut geschieden werden", sagt Plattig. Wer Eremit werden wolle, nur weil er etwa Probleme habe, mit anderen Menschen zusammenzuleben, handele nicht aus der richtigen Motivation heraus.

Maria Anna Leenen sorgt sich im Moment um ihre Klause St. Anna. Das Haus hat sie bei ihrem Einzug mit der Hilfe ihrer Familie und ihrer Freunde wieder bewohnbar gemacht. Aber der Eigentümer möchte es verkaufen. Um den Ort dauerhaft für das eremitische Leben zu erhalten, auch über den Tod von Schwester Maria Anna hinaus, hat sich nun ein Förderverein gegründet, der Klause und Grundstück kaufen möchte.


Quelle:
dpa