Dr. Rainer Hagencord
Dr. Rainer Hagencord

06.08.2013

Theologe: Veggie-Day in katholischer Tradition Mehr als ein Stück Fleisch

Mit ihrer Forderung nach einem fleischfreien Tag in Kantinen haben die Grünen eine Debatte losgetreten. Für Rainer Hagencord steht sie in katholischer Tradition. Im domradio.de-Interview wünscht sich der Theologe einen Schulterschluss der Kirche.

domradio.de: Wie bewerten Sie die Idee eines "Veggie-Days", auch aus theologischer Sicht?

Hagencord: Ich finde die Idee großartig, denn der Fleischkonsum berührt auch die Frage: Wie verstehe ich mich als Mensch, auch mit Blick auf meine Mitgeschöpfe? Und leider leben wir inzwischen in einer Kultur, die Puten, Hühner, Schweine und Rinder eher als Rohlinge einer bestimmten Fleisch-, Eier- und Milchindustrie wahrnimmt. Und das in einer Kultur, die sich noch christlich nennt. Deshalb finde ich es sehr gut, hier einen Akzent zu setzen und damit darauf aufmerksam zu machen, dass es sich bei diesen Tieren immer noch um Geschöpfe Gottes handelt.

domradio.de: Geht es nicht zu weit, dass uns die Politik unseren Essensplan diktieren möchte?

Hagencord: Die Fleischindustrie bestimmt aktuell eher über uns als die Politik, Frau Aigner ist eher eine Fleischindustrie und Pharmaschutzministerin als eine Verbraucherschutzministerin. Deshalb muss an dieser Stelle vielleicht einfach auch einmal etwas überspitzt formuliert werden. Die Politik ist dermaßen verwickelt in das, was man Lobbyismus nennt, dass sie hier einen anderen Akzent setzen kann.

domradio.de: So ganz neu ist die Idee auch nicht. Katholische Christen kennen einen fleischlosen Tag, den Freitag, in der Woche schon länger...

Hagencord: Das ist der Punkt: Wir befinden uns hier in einer katholischen Tradition. Denn hinter dem Freitag, an dem wir Fisch statt Fleisch essen sollen, steckt auch die Idee: Fleisch ist immer mehr als nur ein Lebensmittel. Und ein Stück Fleisch soll man mit der entsprechenden Würdigung essen. Und diese katholische Tradition ist ein gutes Vorbild für das, was jetzt mit dem "Veggie-Day" weitergedacht wurde.

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Der Freitag ist in der christlichen Tradition dem Gedächtnis des Kreuzestodes Jesu Christi vorbehalten. Mancherorts erinnert daran auch das Läuten der Glocken vormittags um 11 Uhr oder nachmittags um 15 Uhr. Nach katholischem Kirchenrecht ist an allen Freitagen des Jahres, auf die kein Hochfest fällt, der Verzicht auf Fleischspeisen vorgeschrieben, um den Bußcharakter dieser Tage zu wahren.

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domradio.de: Könnte es vielleicht sogar eine gemeinsame Initiative von katholischer Kirche und Grünen geben?

Hagencord: Allerdings! Mit unserem Institut haben wir die Etablierung des "Veggie-Days" auch unterstützt. Und es gibt sehr viele christliche Gemeinden, die sagen: Da machen wir mit, das wollen wir stark machen in einer Gesellschaft, die mehr oder weniger gedankenlos Fleisch konsumiert.

domradio.de: Sie glauben also daran, dass ein einziger vegetarischer Tag zu einem breiteren Nachdenken führen kann?

Hagencord: Da bin ich mir sicher. Bei uns in Münster gibt es bereits teilweise einen "Veggie-Day". Hier erlebe ich viele Menschen, die nachdenklich werden. Und es wird Zeit, dass das passiert!

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(DR)

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