Erzbischof Schick kritisiert Wahlversprechen der Parteien zur Pflege

"Konkret, nicht vage"

Union und FDP wollen unter einer neuen Bundesregierung das Pflegesystem reformieren – zu unverbindlich für Ludwig Schick. Der Bamberger Erzbischof wünscht sich konkrete Pläne, andernfalls drohe der Kollaps.

Ein großes Problem: die Löhne in der Pflege (dpa)
Ein großes Problem: die Löhne in der Pflege / ( dpa )

Die Aussagen der Wahlprogramme seien zu allgemein, sagte Schick am Montag bei einem Gottesdienst mit pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren in Burgkunstadt. Forderungen wie eine bessere Ausbildung sowie Entlohnung und Unterstützung der Pflegenden seien konkrete Forderungen, die sich in den Parteiprogrammen zur Bundestagswahl nicht oder nur in ganz vagen Andeutungen fänden. "Wenn für die Altenpflege nicht bald etwas seitens der Politik geschieht, droht sie zu kollabieren. Das wäre eine Bankrotterklärung unserer reichen Gesellschaft."

Schick rief zudem dazu auf, die Pflegeversicherung angesichts der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen umzustellen. Ebenso sei ein Abbau der Bürokratie in den Altenheimen und bei der ambulanten Pflege nötig, auch bräuchte es mehr Männer in den entsprechenden Berufen.

"Die Altenpflege braucht in der Gesellschaft ein besseres Image, eine Imagekampagne muss auf den Weg gebracht werden", forderte der Erzbischof.

Bericht des Pflegebeirats

Ende Juni hatte der Pflegebeirat der Bundesregierung seinen lange erwarteten Bericht für eine Neudefinition der Pflegebedürftigkeit an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr übergeben. Er soll nach Worten des FDP-Politikers die Grundlage für eine umfassende Pflegereform unter einer neuen Bundesregierung bilden.

Der Bericht empfiehlt unter anderem, die aktuell geltenden drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade abzulösen, die auch den Betreuungsbedarf von dementiell erkrankten und psychisch kranken Menschen umfassen. Eine konkrete Summe zu den Kosten wird nicht genannt; stattdessen legte der Beirat ein Baukastensystem mit Modellrechnungen vor, um der Politik Entscheidungen zu ermöglichen. Experten rechnen damit, dass eine entsprechende Reform mehr als zwei Milliarden Euro kosten wird. Eine Umsetzung der Vorschläge in ein Gesetz wird es vor der Bundestagswahl im Herbst nicht mehr geben.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigte an, die SPD wolle das Thema Pflege zu einem zentralen Wahlkampfthema machen. "Wir wollen in den kommenden vier Jahren in Deutschland 125.000 zusätzliche, tariflich entlohnte Stellen für Pflegerinnen und Pfleger schaffen", sagte er. Dazu solle der Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte erhöht werden. Er sprach von "erheblichen Defiziten" in der Branche. "Wir brauchen mehr Pflegepersonal, weil die Pflegebedürftigen mehr Zeit für Zuwendung brauchen", erklärte Steinbrück.

Studie: Gravierende Mängel

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI und der Unternehmensberatung Accenture hat vor wenigen Tagen gravierende Mängel im deutschen Pflegesystem, festgestellt. Demnach sind mindestens 166.000 neue stationäre Pflegeplätze und Investitionen in Höhe von rund 54 Milliarden Euro bis 2030 nötig, um die dann mehr als 3,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland versorgen zu können.

Bis 2020 werden laut Studie zudem 84.000 Fach- und Hilfskräfte fehlen, um die immer größer werdende Zahl pflegebedürftiger Menschen zu betreuen. Bis 2030 sollen es sogar 200.000 Beschäftigte sein. Die Autoren der Studie monieren zugleich Fehlsteuerungen. So drohe manchen Pflegeeinrichtungen in Norddeutschland und in Teilen Bayerns gar die Insolvenz, weil es zu viele Heime gebe und weil viele der Einrichtungen falsch konzeptioniert seien: Dort würden noch immer Mehrbettzimmer angeboten, die kaum jemand belegen möchte.


Quelle:
KNA , DR