16.04.2013

Lea Ackermann über Menschenhandel in Europa "Das darf es einfach nicht geben"

Der Menschenhandel in der EU boomt. Doch viele Staaten, darunter auch Deutschland, nähmen die Bekämpfung von Zwangsprostitution nicht ernst genug, kritisiert im domradio.de-Interview die SOLWODI-Gründerin Lea Ackermann.

domradio.de: Sie kämpfen mit ihrem Verein seit Jahren gegen Menschenhandel und Sextourismus. Da müssen Sie die aktuellen Zahlen einer EU-Studie doch frustrieren. Diese besagen: Innerhalb von zwei Jahren ist die Zahl der Opfer von Menschenhandel um 18 Prozent gestiegen. Deutet das hin auf ein komplettes Versagen der Behörden?

Ackermann: Wir haben ja seit 2002 ein Gesetz, das Prostitution salonfähig macht. Ursprünglich sollte es die Frauen schützen. Im Grunde genommen schützt es aber vor allen Dingen die Bordellbesitzer: die Täter, die von dem Geschäft profitieren. Die konnten nach dem Gesetz in den Wellness-Bereich ausweiten, und sie haben das auch getan. Es wurden wesentlich mehr Bordelle geschaffen. Deshalb, denke ich, liegt die Zahl noch deutlich höher als 18 Prozent. Wesentlich mehr Frauen sind gekommen und werden ausgebeutet. Es ist traurig, dass wir es nicht schaffen, die Opfer besser zu schützen. Die Täter erfahren vor Gericht großen Schutz - wenn es überhaupt mal zum Prozess kommt, eben weil die Frauen nicht ausreichend geschützt sind. Es gibt kein Aufenthaltsrecht für Frauen, die Aussagen machen wollen. Es gibt unendlich viel zu tun, vor allen Dingen beim Aufenthaltsstatus. Es kann nicht sein, dass Frauen, wenn sie denn dann doch gegen die Täter aussagen, abgeschoben werden und dann schutzlos in ihrem Heimatland sind. Das Unrecht ist in Deutschland geschehen, und das Unrecht muss hier angeprangert werden. Die Täter müssen härter herangenommen werden. Und die beste Strafe wäre, wenn die Täter keine Gewinne mit den Frauen machen könnten. Dann wäre das Geschäft schnell vorüber. Und ich kann nicht verstehen, dass die Regierung die EU-Richtlinie zum größeren Schutz der Frauen und zur besseren Bestrafung der Täter nicht umsetzt. Das kann ich nicht verstehen, und das macht mich wütend.

domradio.de: Warum setzt die Regierung die Richtlinie nicht um?

Ackermann: Offensichtlich gibt es in unserem Land ein großes Interesse an Menschenhandel. Und offensichtlich gibt es sehr viele, die viel Geld haben und ihren Einfluss geltend machen. Und diejenigen, die in diesem Geschäft tätig sind, haben viel Geld. Und verdienen das völlig legal!

domradio.de: Wie ist die Rechtslage momentan. Was passiert mit Frauen oder jungen Mädchen, die hier von den Behörden aufgegriffen werden und sich als illegal im Land herausstellen?

Ackermann: Zunächst einmal sind sie schutzlos. Sie sind illegal, d.h. sie haben sich selber strafbar gemacht. Und da müsste man schon nachhaken: Warum haben sie keine Pässe? Weil die sie ihnen abgenommen haben! Warum haben sie gefälschte Pässe? Weil sie die zugeschustert bekommen haben! Und sie haben sich verschuldet. Man bringt sie nach Deutschland und sagt ihnen: Jetzt hast Du so hohe Schulden, die musst Du erst mal abarbeiten. Die Mädchen befinden sich in ganz großer Hilflosigkeit. Und genau da muss Abhilfe geschehen.

domradio.de: Wie geht es nun in Deutschland weiter?

Ackermann: Ich hoffe, dass die aktuelle Berichterstattung den Druck auf die Politiker erhöht, und dass die dann überlegen, was sie ändern müssen. Es ist eine Ungeheuerlichkeit: In unseren Bordellen haben wir Mädchen, die 15, 16 Jahre alt sind, und die haben schon drei Jahre lang in Bordellen angeschafft! Das müssen doch auch die Kunden sehen! Es muss viel geschehen. Vor allen Dingen muss Polizeiarbeit aufgestockt und nicht abgebaut werden, weil gespart werden muss. So kann man nicht behaupten, etwas gegen den Menschenhandel zu tun. Vor Kurzem gab es in Augsburg einen Prozess gegen einen Polizisten aus Osteuropa, der regelmäßig ein jungen Mädchen aus seinem Heimatland in Deutschland besucht hat, um Geld zu kassieren. Und bei dem Prozess sagte der Richter: Man müsse verstehen, der Polizist würde in seinem Heimatland nicht gut bezahlt und brauche das Geld für die Ausbildung seines Sohnes. Ganz großes Verständnis! Das darf es einfach nicht geben, das ist unglaublich!

Das Gespräch führte Matthias Friebe.

(dr)

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