31.01.2013

Lütz zum neuen Umgang mit "Pille danach" "Beeindruckende Reaktion"

Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz ist Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben. Im domradio.de-Interview bewertet er die Entscheidung des Kölner Kardinals Meisner zum Einsatz einer Form der "Pille danach".

domradio.de: Was sind das denn für Bedingungen, unter denen in katholischen Krankenhäusern im Erzbistum Köln die "Pille danach" künftig verschrieben werden darf?
Dr. Manfred Lütz: Der Kardinal hat festgestellt, dass ein Präparat, das empfängnisverhütend wirkt, nach einer Vergewaltigung gegeben werden kann, wenn das auch die Absicht ist, mit der das gegeben wird, und wenn das das Wirkprinzip dieses Präparats ist. Und bei den beiden derzeitig auf dem Markt befindlichen Pillen danach ist von Wissenschaftlern ganz offenbar, zumindest bei der einen Pille, möglicherweise aber auch bei der anderen, kein nidationshemmender Effekt feststellbar, wobei in der Wissenschaft wie immer unterschiedliche Beurteilungen existieren. Der Kardinal sagt in seiner Erklärung ja auch, wenn das Wirkprinzip Nidationshemmung ist, und das ist bei den beiden Präparaten nicht der Fall, und wenn ein Präparat eingesetzt würde mit der Absicht der Nidationshemmung, das geht nicht, weil nach katholischer Auffassung, und nicht nur nach katholischer, sondern auch nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts beispielsweise, von der befruchteten Eizelle an, der Schutz der Menschenwürde gilt. Und Nidationshemmung heißt, dass man einer befruchteten Eizelle die Lebensgrundlage entzieht. Das würde also nicht gehen. Ich muss hier einmal offen gestehen, ich bin Arzt, ich bin auch katholischer Theologe und ich bin bis vor vier Wochen noch davon ausgegangen, dass in der Tat der nigationshemmende Effekt der Haupteffekt dieser Präparate ist. Ich habe mich dann von Gynäkologen und von Endokrinologen, die eigentlich die Spezialisten dafür sind, belehren lassen, dass das offensichtlich nicht mehr so der Fall ist. Und ich finde es beeindruckend, dass Kardinal Meisner so schnell auf diese Situation reagiert hat, denn das ist ja für katholische Einrichtungen eine ganz bedrängende Situation gewesen, in Gegenwart einer vergewaltigten Frau dann ein Präparat nicht geben zu können, von dem sie persönlich auch glaubten, so haben mir Gynäkologen versichert, dass das eben nicht die befruchtete Eizelle am Leben hindert, sondern das es, wie es jetzt in der Erläuterung des Presseamts steht, ein verbrecherische Befruchtung verhindert, dass das gar nichts mit Tötung einer befruchteten Eizelle zu tun hat. Sehr wichtig an der Erklärung des Kardinals ist, dass er sich jetzt nicht als Bischof in die wissenschaftliche Beurteilung einmischt und dass er streng genommen auch nicht sagt: ‚Ich erlaube jetzt diese Pille, und diese andere Pille verbiete ich‘, sondern dass er die Prinzipien vorgibt, und nach denen können die Ärzte gewissenhaft entscheiden, wie sie die wissenschaftliche Literatur einschätzen. Denn sonst müsste der Kardinal ja alle vier Wochen, wenn eine neue Studie auf dem Markt ist, sagen: ‚Nein, jetzt bin ich doch wieder anderer Meinung.‘ Und das wäre völlig absurd.

domradio.de: Was ändert sich denn nun in der Praxis, wenn nun also eine vergewaltigte Frau in eine katholische Klinik kommt und eben die Pille danach möchte, also im Prinzip verhindern möchte, dass daraus ein Kind entsteht? Ändert sich da jetzt irgendetwas? Sie kann ja nicht wissen, ob eine Befruchtung bereits stattgefunden hat oder nicht …
Dr. Lütz: Es wird sich sehr viel ändern. Ich glaube, dass an katholischen Einrichtungen, an katholischen Krankenhäusern grundsätzlich eine solche Pille gegeben werden kann, wenn das nach den Prinzipien und nach der Einschätzung des Arztes ein empfängnisverhütendes und kein nidationshemmendes Präparat ist. Man muss übrigens auch darauf hinweisen, es könnte theoretisch denkbar sein, dass ein katholischer Arzt an einer katholischen Einrichtung, der die Dinge für sich persönlich strenger sieht, sagt: ‚Ich finde, die nidationshemmende Wirkung ist doch ein Wirkprinzip des Präparats und deswegen gebe ich persönlich das nicht.‘ Dieser Arzt würde auch von der Erklärung des Kardinals gedeckt. Insofern, kann man sagen, nach der Erklärung des Kardinals bedeutet das, dass die Pille danach nicht mehr verboten ist, aber sie ist nicht in dem Sinne erlaubt, dass jetzt jeder katholische Arzt sie geben muss.

domradio.de: Was bedeutet denn Ihrer Meinung nach diese Entscheidung eines Kardinals, der in der Öffentlichkeit ja oftmals als konservativ dargestellt wird?
Dr. Lütz: Ich glaube ja, dass dieses Image in der Öffentlichkeit falsch ist. Der Kardinal hat zum Beispiel schon in der Hirntod-Frage zusammen mit den Grünen eine hirntodkritische Position vertreten, was damals auch viele Menschen überrascht hat. Und ich finde es schon beeindruckend und durchaus nicht untypisch für den Kardinal, dass er, wenn er erkannt hat, dass eine bestimmte Situation das Handeln des Bischofs nötig macht, auch schnell und entschieden handelt. Und ich finde das auch durchaus mutig, denn es ist sicherlich auch eine Änderung der Haltung der Kirche, die er damit artikuliert.

Das Interview führte Christian Schlegel.

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