"Lebendige Steine" als Textilrelief der Künstlerin Veronika Moos-Brochhagen in St. Nikolaus, Bensberg
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Clemens Neuhoff kam 2019 als Praktikant in die Bensberg-Moitzfelder Pfarreiengemeinschaft
Clemens Neuhoff kam 2019 als Praktikant in die Bensberg-Moitzfelder Pfarreiengemeinschaft
Im Team der Firmbegleiter mit dabei: Clemens Neuhoff (Archivbild)
Im Team der Firmbegleiter mit dabei: Clemens Neuhoff (Archivbild)
Pfarrer Andreas Süß ist Mentor von Clemens Neuhoff
Pfarrer Andreas Süß ist Mentor von Clemens Neuhoff
Im Wechsel sind die Diakone für den Dienst im Kölner Dom eingeteilt
Im Wechsel sind die Diakone für den Dienst im Kölner Dom eingeteilt
Clemens Neuhoff diakoniert bei Kardinal Woelki im Weihnachtsgottesdienst 2020
Clemens Neuhoff diakoniert bei Kardinal Woelki im Weihnachtsgottesdienst 2020
Die vier Kandidaten, die Erzbischof Woelki in diesem Jahr zu Priestern weiht
Die vier Kandidaten, die Erzbischof Woelki in diesem Jahr zu Priestern weiht
Diakone dürfen taufen, beerdigen und predigen
Diakone dürfen taufen, beerdigen und predigen
Im ersten Kaplansjahr bleibt ein neugeweihter Priester in seiner Ausbildungsgemeinde - wie hier in St. Nikolaus
Im ersten Kaplansjahr bleibt ein neugeweihter Priester in seiner Ausbildungsgemeinde - wie hier in St. Nikolaus

05.06.2021

Clemens Neuhoff wird zum Priester geweiht "Gottes Ruf ging wie ein Schwert durch mein Herz"

Priester werden in diesen Zeiten? Was für die einen ein Anachronismus ist, bedeutet für die anderen die Erfüllung ihres Lebens. Einer der vier Kandidaten, die Erzbischof Woelki am Freitag zu Priestern weiht, spricht über seine Erfahrungen mit Kirche.

DOMRADIO.DE: Herr Diakon Neuhoff, in der Berufungspastoral, heißt es, hat Gott für jeden einen Platz vorgesehen, an dem die eigenen Stärken am besten zum Ausdruck kommen. Wann haben Sie gewusst, wo für Sie dieser Platz ist?

Clemens Neuhoff (Weihekandidat): Um das gleich vorwegzunehmen: Priester zu werden war jedenfalls nicht mein Plan. Eigentlich wollte ich immer eine Familie haben und nach dem Abitur Elektrotechnik in Aachen studieren, vorher aber ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Doch irgendwie habe ich dann sämtliche Fristen verpasst. Und da kam mir die Idee, die Zeit für ein paar Monate im Erzbischöflichen missionarischen Priesterseminar in Bonn zu überbrücken und mich dort in Haus und Garten nützlich zu machen. Ohne jeden Hintergedanken. Ich kenne das Seminar schon von Kindheit an. Denn noch vor der Eröffnung des "Redemptoris Mater" im Jahr 2000 haben wir bei uns zuhause immer mal wieder junge Männer aufgenommen, die über die Gemeinschaft des Neokatechumenalen Wegs, dem meine Familie angehört, zur Priesterausbildung nach Deutschland kamen. Und als dann das ehemalige Endenicher Benediktinerinnenkloster zum Seminar umgestaltet werden musste, habe ich schon als Zehnjähriger zusammen mit meinem Vater bei Renovierungsarbeiten geholfen. Noch heute gibt es Fotos, die mich mit einem Elektrohammer in der Hand zeigen. Das Haus und seine Bewohner waren mir also sehr vertraut.

Als es dann 2012 für zwei Monate vorübergehend geschlossen war, machte mir Regens Salvador Pane das Angebot eines Praktikums in Mexiko, bei dem ich im dortigen "Redemptoris Mater" am Seminarleben und auch an den regelmäßigen Katechesen teilnahm, aber sonst einen Seelsorger bei seinem Einsatz in Mexiko-City und Umgebung begleitete. Das war eine sehr intensive Zeit, bei der mich während der Bibellektüre immer wieder auch die Frage beschäftigte: Was haben diese Texte mit mir und meinem Leben zu tun? Schließlich war es der 16. Februar – diesen Tag werde ich niemals vergessen – an dem es um die Stelle im fünften Lukas-Kapitel ging, wo Jesus den Jüngern rät, beim nächtlichen zunächst erfolglosen Fischfang, die Netze doch auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen. Da sagt Jesus zu Simon Petrus den entscheidenden Satz: Fürchte dich nicht, von jetzt an wirst du Menschen fangen. Ein Wort wie ein Blitz. Da war für mich mit einem Mal alles so klar. Gottes Ruf ging wie ein Schwert durch mein Herz. Heute weiß ich, dass Mexiko notwendig war, um einmal von Zuhause rauszukommen und meine Ohren für die Stimme Gottes überhaupt öffnen zu können. Nur ein halbes Jahr später bin ich dann ins Bonner Priesterseminar eingetreten.

DOMRADIO.DE: Sie erwähnen den "Neokatechumenalen Weg", aus dem viele geistliche Berufungen hervorgehen, der 120 Priesterseminare in der ganzen Welt unterhält und in dem der weltkirchliche Aspekt – man könnte auch sagen Internationalität – eine große Rolle spielt. Hat diese Zugehörigkeit Ihre Entscheidung maßgeblich beeinflusst?

Neuhoff: Ja, diese geistliche Gemeinschaft war und ist der Ort, wo ich Christus begegne, wo aus mir überhaupt erst ein Christ geworden ist und wo mir die Frage nach meiner Berufung gestellt wurde. Der Neokatechumenale Weg ist ein Glaubensweg: die Neuentdeckung der eigenen Taufe. Als meine Eltern Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal an einer Katechese dieser Gemeinschaft teilnahmen, hat das noch einmal einen Heilungsprozess für ihre Ehe angestoßen. In einer Krise haben sie nach dem Willen Gottes gesucht und sich auch noch einmal neu für weitere Kinder – wie waren damals erst zu dritt – entschieden. Sie haben erlebt: Jesus Christus liebt dich wie du bist. Diese Erfahrung haben sie auch uns immer vermittelt und so ihren Glauben an uns weitergegeben mit der Kernbotschaft: Christus ist unser Retter.

Das, was meine Eltern vorgelebt haben, war für mich so greifbar, so glaubwürdig, dass ich dann früh meinen Glaubensweg in einer eigenen kleinen Gemeinschaft begonnen habe, wie das die neokatechumenale Bewegung vorsieht, um mich in einer sehr gemischten Gruppe von Menschen – Priester, Ehepaare, Familien und Alleinstehende – über den eigenen Glauben auszutauschen und spirituell Heimat zu finden. Man teilt dort auch den Alltag, lacht, streitet, versöhnt sich wieder und wächst im Glauben. Das ist kein Selbstläufer; denn auch hier gibt es Herausforderungen – wie überall im Leben. Aber diese kleine Gemeinschaft ist der Ort, wo meine Christusbeziehung in einem konkreten Umfeld wächst und wo ich auch die Auseinandersetzung mit meiner Berufung als eine realistische Option erlebt habe. Natürlich waren bei meiner Entscheidung auch Wallfahrten, Jugendtreffen oder vor allem auch die Weltjugendtage in Sydney und Madrid von Bedeutung. Und zwar immer mit der Frage: Was will Gott von mir?

DOMRADIO.DE: Zu den drei Kindern kamen schließlich noch acht weitere dazu, so dass Sie in einer Großfamilie aufgewachsen sind. Wie schwer trifft es Sie da, selbst auf die Gründung einer Familie verzichten zu müssen?

Neuhoff: Objektiv betrachtet ist das sicher ein Verzicht. Aber ich selbst empfinde das nicht so. Ich bin davon überzeugt, dass mir Gott, wenn er mich zum Priestertum ruft, dann auch die Kraft schenkt, zölibatär zu leben. Ich hatte neun Jahre lang Zeit, diesen Lebensstand zu prüfen. Zölibatär zu leben bedeutet für mich, meine Hingabe nicht nur einem einzigen Menschen zu schenken, sondern einer Vielzahl, einer ganzen Gemeinde. Auch hier kann sich Hingabe ganz entfalten, zumal ich immer mehr den Wert einer geistlichen Vaterschaft entdecke. Das heißt, ich gebe mein Leben für eine viel größere Familie hin. Gleichzeitig empfange ich dafür viel. Denn als Priester beruft mich Gott dazu, die Eucharistie zu feiern und das Versöhnungssakrament zu spenden. Das wiegt sich gegeneinander auf. Absolut.

Die Tatsache, dass ich aus einer Großfamilie mit mittlerweile 16 Nichten und Neffen komme und damit an einem bunten Familienleben teilnehme, macht es mir – so paradox das klingt – leichter, auf eine eigene Frau, Kinder und Sexualität zu verzichten. Familie – das ist für mich eine ganz selbstverständliche Welt, in der ich aber auch Eheprobleme oder Sorgen um die Kinder erlebe. Ich sehe die Schönheit der Familie, aber auch ihre Schwierigkeiten. An beidem jederzeit Anteil haben zu können ist ein großer Schatz, bedeutet mir viel und ist in jedem Fall auch eine große Stütze.

DOMRADIO.DE: Die Kirche befindet sich zurzeit in unruhigem Fahrwasser. Die Menschen treten scharenweise aus der Kirche aus. Neben dem Vorwurf, von gestern zu sein und den Menschen zum Beispiel beim Thema Sexualmoral nicht wesentlich entgegenzukommen, hat sie in den letzten Jahren vor allem die Missbrauchsdebatte viel Vertrauen gekostet. Wie stark muss man sein, um als junger Mensch dennoch dagegen halten zu können und sich auf seinem Weg nicht beirren zu lassen?

Neuhoff: Ich bin eher der Typ für das Lukas-Wort „Fürchte dich nicht!“ und würde mich selbst nicht als sonderlich stark bezeichnen. Was mich aber sehr überzeugt, sind meine persönlichen Erfahrungen mit Kirche, die weit weg von dem sind, was sich in Deutschland momentan als innerkirchliche Nabelschau darstellt. Ich habe einen weiter gefassten Blick auf Kirche; dabei profitiere ich sicher von meinen Auslandsaufenthalten und Missionspraktika in Italien, Südafrika, Nicaragua oder auch Australien, wo ich zum Beispiel den Weltjugendtag 2008 miterlebt habe. Überall konnte ich eine lebendige, frische und auch junge Kirche erleben. Das löst natürlich eine viel größere Begeisterung aus als eine jammernde, im Selbstmitleid versinkende Kirche. Von daher teile ich nicht die Erfahrung, dass Kirche einen runterzieht, sondern eher, dass sie einen aufbauen und über sich selbst hinauswachsen lassen kann.

Jemanden bedauern, wenn er zu dieser Kirche hält und sich auf den Weg der Priesterausbildung macht, gehört in Deutschland leider mittlerweile zum guten Ton. Von Ermutigung oder bewunderndem Staunen, wenn sich jemand für den kirchlichen Dienst entscheidet, kann jedenfalls nicht die Rede sein. Dabei ist die Kirche vor allem auch ein kraftvoller Organismus, der vielen Menschen ein Zuhause gibt. Nur bei uns überlagern das anhaltende Diskussionen über die Art und Weise der Missbrauchsaufarbeitung oder andere in der Kritik stehenden Themen. Eine solche Kirche, die nur um sich selbst kreist, darf sich nicht wundern, wenn sie dann ein Nachwuchsproblem beklagt. Auch für meine persönliche Berufung würde ich mir mehr Zuspruch, Unterstützung und Stärkung wünschen, zumal der Weg natürlich kein einfacher ist. Aber nochmals: Meine Erfahrungen mit Kirche und auch meine Erfahrungen mit unserem Erzbischof sind ganz andere als die medial dargestellten.

DOMRADIO.DE: Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein Anforderungsprofil für den Priesterberuf erstellen, der aber ja mehr als das ist: nämlich eine Berufung. Was gehört Ihrer Meinung nach unbedingt dazu?

Neuhoff: Für mich ist ganz zentral, dass ein Priester in Christus verankert sein muss. Denn er handelt in "persona Christi". Das ist das A und O. Als Diakon habe ich inzwischen auch eine Idee davon, was das konkret heißt. Aber diese Erfahrung wird noch weiter wachsen. Um immer wieder die Anknüpfung an Christus zu haben, betet ein Priester das Stundengebet und sollte täglich die heilige Messe feiern.

Und dann spielt auch Dankbarkeit eine wichtige Rolle; Dankbarkeit für die Berufung, für die Familie, für die Begegnungen in der Gemeinde. Denn Dankbarkeit macht glücklich und bringt eine gewisse Leichtigkeit in jede priesterliche Existenz. Wer dankbar ist, strahlt Zufriedenheit aus und läuft nicht griesgrämig und missmutig durchs Leben, was kein gutes Aushängeschild für Kirche ist. Und dann sollte ein Priester vor allem die Menschen lieben, besonders die Armen, Alten, Schwachen und Notleidenden; alle, die an ihre Grenzen kommen und auf ein gutes Wort oder eine barmherzige und zärtliche Geste angewiesen sind.

DOMRADIO.DE: Was, glauben Sie, macht die Kirche der Zukunft aus, und wie muss der Priester von morgen sein, damit beide (über)lebensfähig bleiben?

Neuhoff: Eine solche Kirche muss zweifellos authentisch sein. Man muss uns Christen ansehen, dass wir Zeugnis von dem geben, was die Kirche lehrt. Wir müssen die froh machende Botschaft ausstrahlen: mit unserem Blick, mit unserem Herzen und unserer Haltung. Unser Leben muss mit dieser Botschaft übereinstimmen. Und die Kirche muss als Gemeinschaft und als Einheit erfahrbar sein mit sichtbaren Zeichen einer gegenseitigen Liebe, selbst wenn die Kirche dauerhaft kleiner und weniger relevant werden wird.

Und dann muss eine Kirche der Zukunft missionarisch sein – vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne. Aber sie muss ein Ort sein, an dem man über den eigenen Glauben spricht. Denn das ist uns als Christen ins Stammbuch geschrieben: Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium! Mit anderen Worten: Wo ein Christ im Alltag einen Nichtchristen trifft, da gibt er Zeugnis davon, wie er lebt und an was er glaubt. Dasselbe gilt für den Priester: Was er sagt, muss mit seinem Leben übereinstimmen und auch er selbst muss ein lebendiges Zeugnis für Christus sein, indem er seine Talente und Charismen Gott und der Seelsorge zur Verfügung stellt. Damit ist er nah am Leben der Gläubigen, nah bei den Menschen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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