Beauftragung der Gemeinde- und PastoralreferentInnen im Jahr 2020
Beauftragung der Gemeinde- und PastoralreferentInnen im Jahr 2020

11.05.2021

Verband der Pastoralreferent*innen zur Lage im Erzbistum Köln "Wir müssen konstruktiv nach vorne gucken"

Die Spitze des Erzbistums Köln steht derzeit in der Kritik. Regina Oediger-Spinrath, Sprecherin des Verbandes der Pastoralreferent*innen, wagt einen emotionalen Ausblick, wie es nun gemeinsam weitergehen kann.

DOMRADIO: Wie beurteilt Ihr Verband die aktuelle Situation im Erzbistum Köln?

Regina Oediger-Spinrath (Sprecherin des Verbandes der Pastoralreferent*innen): Ich möchte auch für den Verband der Gemeindereferent*innen sprechen, weil wir da sehr eng vernetzt sind, auch wenn wir zwei getrennte Berufsgruppen sind, aber doch sehr ähnlich wirken im Erzbistum. Wir hatten wirklich sehr viele Treffen und spüren in den eigenen Reihen, aber auch an den Orten, wo wir eingesetzt sind, in Gemeinde, Institutionen, Verbänden, dass dem Bischof im Moment nicht mehr zugetraut wird, dass er diese Krise bewältigen kann und die Kirche in der Krise und aus der Krise heraus leiten kann.

Die Menschen stehen in einem großen Loyalitätskonflikt. Es geht hier um den Umgang der Aufarbeitung. Wie ist man eigentlich mit den vielen sexuellen Missbräuchen, der vielen sexuellen Gewalt umgegangen? Es wird sehr auf die juristische Seite geguckt und viel zu wenig auf die ethisch moralische Verantwortung. Es wird auch viel zu wenig geschaut, was denn eigentlich die systemischen Ursachen sind, die zu diesen furchtbaren der furchtbarsten Formen dieses Machtmissbrauchs, nämlich der sexuellen Gewalt, geführt haben.

DOMRADIO: Haben Sie den Erzbischof mit den Vorwürfen konfrontiert?

Oediger-Spinrath: Ja. Er sagt selbst, es gibt Risse, Brüche, die nicht einfach so gekittet werden können. Wir konnten das alles offen ansprechen. Wir liegen aber, glaube ich, schon weit auseinander.

Da kriegen wir oft den Vorwurf, es würden jetzt alle Themen miteinander vermischt. Also die Aufarbeitung des Umgangs mit sexuellem Missbrauch und Gewalt, die Frauenfrage in der Kirche, das Nein aus Rom zum Segen homosexueller Paare und die Beteiligung von Frauen an Leitungsämtern.

Das sehen wir ganz anders. Es ist auch das Problem der alleinigen Deutungshoheit: Was ist richtig katholisch, was ist falsch? Und da glaube ich, sind viele Menschen, viele Mitchristen nicht mehr bereit zu sagen, dass sie da nicht mitentscheiden und ernsthaft mit beraten können.

DOMRADIO: Steht auch das Wort Rücktritt im Raum?

Oediger-Spinrath: Wir glauben, dass es ja nicht nur darum geht, dass ein Einzelner zurücktritt, sondern darum, wie wir uns überhaupt Leitung vorstellen. Wie ist Autorität mit Macht neu zu definieren? Wie kann die aussehen in dieser Kirche? Jetzt nur Personen auszuwechseln, bringt nicht viel.

Allerdings haben wir schon Zweifel, ob er derjenige ist, der diese große Krise bewältigen kann. Denn da muss ich weiterdenken, da muss ich offener sein. Da muss ich mutiger sein. Denn der innere und äußere Auszug unter den Menschen, die wir treffen, in Gemeinden, in Verbänden, ist so groß, dass hat es in all den Jahrzehnten - ich bin jetzt lange schon im pastoralen Dienst - wirklich noch nie gegeben.

DOMRADIO: Welche Reaktionen gibt es an der Basis?

Oediger-Spinrath: Viele sagen ganz offen: Ich fühle mich verarscht. Wenn man mal auf die Foren zum Pastoralen Zugangsweg schaut, da wurden Fragen gesammelt, drei ausgesucht und einfach von oben herab beantwortet. Die wollen keine Fragen stellen. Die Menschen wollen mitreden, mitentscheiden. Das sind ganz begabte Menschen. Und die wollen nicht nur auf ihr Charisma angesprochen werden, dass sie ein Ehrenamt übernehmen, sondern sie wollen auch mitentscheiden. Und das, glaube ich, sehen sie nicht.

Viele haben mir gesagt: Wir haben unsere spirituelle Heimat verloren. Wir sind in einem Loyalitätskonflikt. Sie werden mit Vorwürfen selber als hauptberuflich Tätige, ob in Verbänden wie dem SkF (Sozialdienst katholischer Frauen, Anm. d. Red), in Beratungsstellen, bei Bildungsforen angesprochen: Ihr unterstützt das System. Es ist eine ganz schwierige Situation, natürlich auch für die Ehrenamtlichen. Sollen wir das überhaupt noch mitmachen?

Und gleichzeitig macht die Kirche ja an den Orten richtig gute Arbeit. In Beratungsstellen, in Sozialverbänden, in Bildungseinrichtungen, in den ganzen Familienzentrum, in Krankenhäusern. Die Menschen sind hin und hergerissen. Einer hat es mal auf den Punkt gebracht: Wir sind kirchenfern und kirchennah. Man kann ja nicht mal eben den Verein wechseln von einem Fußballverein zu dem nächsten, sondern das sind ja Heimatsorte gewesen, Orte, wo sie den Glauben kennen und lieben gelernt haben, schätzen gelernt haben. Wirklich bei jedem Gespräch, auch im Trauergespräch, komme ich nicht mehr an dem Kirchenthema vorbei, obwohl ich das gar nicht anstoße.

DOMRADIO: Jetzt haben Sie hier ja Dampf abgelassen. Aber wie geht es weiter?

Oediger-Spinrath: Einerseits suchen wir das Gespräch mit dem Kardinal. Wir haben einen weiteren Brief geschrieben, den über 150 Mitglieder unserer beiden Verbände unterschrieben haben, dass wir nochmal anknüpfen möchten an das Gespräch Ende Januar. Wir haben uns vernetzt, auch mit anderen Gruppen in unserer katholischen Kirche, mit den beiden Pfarrernetzwerken, dem BDKJ, Maria 2.0. Wir sollten miteinander überlegen: Wie kann es konstruktiv weitergehen.

Es tut gut, dass wir nicht alleine sind. Dass viele jetzt auch den Mut haben, Farbe zu bekennen und zu gucken: Wo können wir denn unseren Beitrag leisten als Theolo+:innen und Religionspädagog+innen? Denn wir haben ja auch eine Verantwortung. Wir können Dinge auch mit beurteilen, weil wir selber auch die Fachkenntnis haben.

Und wir werden auch sicher nochmal eine Stellungnahme nach außen geben. Das wird auch erwartet. Wie steht ihr dazu als pastorale Gemeindereferenten? Wir sind für konstruktive Veränderungen. Wir loten jetzt enfach aus, was im Moment die richtigen Schritte sind. 

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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