Missbrauchsbeauftragter fordert Akteneinsicht für Betroffene
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Ingo Brüggenjürgen
Ingo Brüggenjürgen

04.11.2020

Erzbistum Köln versucht Vertrauen zurückzugewinnen "Es gibt noch viel zu tun"

Das Erzbistum Köln steht momentan unter Beschuss, seit am Freitag bekannt wurde, dass ein neues Gutachten über die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Auftrag gegeben worden ist. Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen ordnet ein.

DOMRADIO.DE: Wie hat das Erzbistum Köln jetzt wieder reagiert?

Ingo Brüggenjürgen (Chefredakteur DOMRADIO.DE): Das Erzbistum versucht, aus diesem ganzen Schlamassel irgendwie wieder rauszukommen. Denn es ist ja fatal, dass der Kölner Erzbischof, der noch vor allen anderen Bischöfen angekündigt hatte, er wolle radikal aufklären, jetzt als der große Vertuschter gilt und unter Beschuss steht. Und das versucht das Bistum natürlich geradezustellen.

Dementsprechend bemüht sich das Bistum, dieses Bild in der Öffentlichkeit wieder zu drehen. Dazu gibt es zunächst ein Schreiben an alle pastoralen Mitarbeiter im Generalvikariat, aber auch eine erneute Pressemitteilung, in der man sich dann noch einmal an die Öffentlichkeit wendet, um wirklich all die Fragen zu beantworten, die sich seit Freitag stellen.

DOMRADIO.DE: Was steht denn in dem Schreiben des Generalvikars an die eigenen Mitarbeiter?

Brüggenjürgen: Der Erzbischof und der Generalvikar wollen deutlich machen, dass sich an der ursprünglichen Absicht überhaupt nichts geändert hat. Der Generalvikar hat sich dementsprechend mit einem Schreiben an alle Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten, alle Mitarbeiter des Generalvikariates und der angeschlossenen Dienste gewandt, weil man verstehen kann, dass die Mitarbeiter die Informationen doch nicht immer nur aus der Bild-Zeitung, aus dem Express oder aus dem Stadt-Anzeiger bekommen sollen. Sie sollen aus erster Hand informiert werden.

Deshalb schreibt der Generalvikar, er möchte dazu beitragen, dass Klarheit geschaffen wird und dass man dann noch einmal den Blick auf das gemeinsame Ziel lenkt. Wir möchten gemeinsam echte Aufklärung leisten. Daran hat sich nichts geändert. Der oberste Chef des Generalvikariates versucht also, seine Mitarbeiter mitzunehmen und ihnen deutlich zu machen, am Ziel hat sich nichts geändert, auch wenn die ganze Sachlage gegenwärtig ziemlich kompliziert daherkommt.

DOMRADIO.DE: Wie sieht die Pressemitteilung an die breite Öffentlichkeit, an die Journalisten aus?

Brüggenjürgen: Im Kern geht es genau darum. Man ist ja am Freitag mit einer Stellungnahme rausgekommen. Dann gab es am Montag eine sehr schwierige Pressekonferenz, wo viele kritische Fragen gestellt wurden. Die konnten in der Kürze der Zeit gar nicht alle beantwortet werden. Deshalb gibt es jetzt im Internet sowohl für die ganze interessierte Öffentlichkeit als auch für die Mitarbeiter eine lange Liste, wo auf 13 Seiten minutiös aufgelistet wird, wer wann was wie warum gewusst hat. Das kann man im Radio alles gar nicht darstellen, aber man kann ja die entsprechenden Links anklicken.

Nehmen wir zum Beispiel eine Frage heraus: Warum ist dieses Gutachten denn so schlecht? Das haben die Gutachter gesagt. Es hat ja bis dato auch gar keiner gesehen. Das Erzbistum Köln selber legt noch einmal Wert darauf, sie kennen das Gutachten gar nicht.

Aber Gutachter haben signalisiert, es gibt rechtliche Probleme. Ihr könnt dieses Gutachten nicht veröffentlichen, sonst fällt es euch juristisch auf die Füße, weil es äußerungsrechtliche Schwierigkeiten gibt. Das versucht man jetzt deutlich zu machen, indem ein neues Gutachten in Auftrag gegeben wird, das in einem halben Jahr fertig sein soll. Das soll dann wasserdicht sein. Das ganze Prozedere wird jetzt minutiös im Internet mit den entsprechenden Terminen und mit all den Dingen, die dort aufgezeichnet sind, geschildert.

DOMRADIO.DE: Sind mit dieser Stellungnahme jetzt die Fragen beantwortet?

Brüggenjürgen: Ein Großteil der Fragen, aber sicherlich lange noch nicht alle. Denn die Journalisten sind natürlich dran an diesem Thema. Die stellen sich zum Beispiel die Frage, warum denn der Betroffenenbeirat selber dieses Papier nicht lesen kann. Jetzt sagt das Bistum: Doch, sie dürfen es lesen! Aber bitte erst dann, wenn das neue Gutachten auch fertig ist.

Da gibt es schon wieder die ersten Journalisten, die sagen, wieso das denn jetzt? Die haben doch am Donnerstag im Betroffenenbeirat mit denen gesprochen und haben gesagt: Das alte Gutachten kann nicht veröffentlicht werden. Warum dürfen die Betroffenen sich jetzt nicht selber ein Bild machen? Das Bistum sagt: Dürfen sie! Wir müssen nur ein bisschen warten. Dann gibt es noch einige Terminfragen.

Es gibt also noch eine Reihe von Fragen, die geklärt werden. Das Bistum bemüht sich. Und es steht auch unter der Mitteilung, dass diese Fragen fortlaufend aktualisiert werden. Also man versucht, wirkliche Klarheit und Wahrheit zu schaffen. Das ist der einzige Schritt, um das verloren gegangene Vertrauen, was der Generalvikar ja auch in seinem Brief an die Mitarbeiter angesprochen hat, zurückzugewinnen.

Denn darum muss es ja gehen, dass man wirklich ein glaubwürdiges Zeugnis abgibt. Das ist allerdings angesichts der sehr komplizierten juristischen Gemengelage eine riesige Herausforderung. Und da gibt es noch viel zu tun.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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