Ingo Brüggenjürgen
Ingo Brüggenjürgen

02.11.2020

Viele kritische Fragen bei Pressekonferenz zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs Erzbistum Köln bemüht sich um Aufklärung

Das fertige Missbrauchs-Gutachten soll nicht veröffentlich werden – ein neues Gutachten ist bereits in Arbeit. Warum das notwendig ist, sollte auf einer digitalen Pressekonferenz erklärt werden. Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen war dabei.

DOMRADIO.DE: Wie war diese Pressekonferenz am Montag? Worum genau ist es da gegangen? 

Ingo Brüggenjürgen (Chefredakteur): Es ging dem Erzbistum Köln darum, deutlich zu machen, warum das fertige Gutachten so nicht veröffentlicht werden konnte und was man jetzt neu vorhat. Dazu hatten sich über 30 Journalisten in einer digitalen Pressekonferenz angemeldet. Es gab also ein sehr großes Medieninteresse. Mit dabei waren zwei Anwälte: Anwalt Prof. Dr. Matthias Jahn. Das ist einer der beiden Gutachter, der in dieser Runde noch einmal sehr deutlich gemacht hat, wie schlecht die Kollegen aus München, die ja das erste Gutachten zusammengestellt haben, gearbeitet hätten. Es war auch ein zweiter Anwalt dabei, nämlich der, der das jetzt neu und alles besser machen soll: Prof. Dr. Björn Gercke. Das ist ein Anwalt aus Köln, der zusammen mit fünf Anwälten und weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern jetzt bis zum 18. März, so hat es das Erzbistum versprochen, einen neues Gutachten vorlegen soll. 

DOMRADIO.DE: War denn auch vom Erzbistum Köln selbst jemand dabei? 

Brüggenjürgen: Vom Bistum wurde das Ganze moderiert. Es war schade, dass leider kein Bistumsvertreter  selber adäquat Auskunft geben konnte. Seit Freitag gibt es bekanntermaßen  eine ganze Reihe von Fragen, die die Journalisten dann auch gestellt haben. 

DOMRADIO.DE: Was konnten die neuen Anwälte denn den Journalisten berichten? 

Brüggenjürgen: Sie haben zumindest erst einmal deutlich gemacht, dass dieses Gutachten aus München grobe handwerkliche Fehler haben soll. Das wurde zum Beispiel an den Fallzahlen festgemacht. Wir haben hier eine ganze Reihe von Fällen von Missbrauch in den zurückliegenden Jahren. 236 Fälle oder Vorfälle in den Interventionsakten - und nur 15 sind in diesem Münchner Gutachten exemplarisch behandelt worden.Da sagt man jetzt: So geht das nicht. Es muss eigentlich alles zur Sprache kommen - klar und deutlich. Das hat auch der neue Gutachter deutlich gemacht, Prof. Dr. Gercke, der gesagt hat: Wir nehmen uns jeden einzelnen Fall vor und alles kommt zur Sprache. Er hat auch bereits angekündigt: Das wird ungemütlich für das Erzbistum Köln. 

DOMRADIO.DE: Was waren denn die Fragen der Journalistinnen und Journalisten. Was wollten sie ganz genau wissen? 

Brüggenjürgen: Die Frage, die sich viele seit Freitag einfach stellen: Sagt das Erzbistum hier die Wahrheit? Journalisten müssen diese Fragen stellen, sonst könnte man ja einfach nur die Pressemitteilung drucken. Die Journalisten haben eben auch sehr genau wissen wollen, wer was wann und zu welchem Zeitpunkt gewusst hat. Wer hat welche Akten gehabt? Wer hat wann welchen Auftrag erteilt? Da muss es noch einige Antworten geben, die das Erzbistum auch noch liefern will - zum Beispiel, wann denn die neue Kanzlei genau den Auftrag erhalten hat. Das ist eine spannende Frage im Zusammenhang mit dem Betroffenenbeirat. Dieser hatten bei einem Treffen am Donnerstag mit der Bistumspitze ja seine Zustimmung signalisiert. Da wird man dann prüfen, ob das Bistum vielleicht vorher schon alles fertig hatte - das war die Vermutung von Journalisten - oder ob das alles so war, wie das vom Erzbistum geschildert worden ist. Die vielen kritischen Fragen konnten gar nicht alle in dieser einen Stunde beantwortet werden. Aber das Erzbistum Köln hat sehr deutlich gemacht: Alles wird hier lückenlos beantwortet! 

DOMRADIO.DE: Kannst du das mal an zwei Sachen konkret machen? 

Brüggenjürgen: Da war zum Beispiel die Frage: Welcher Arbeitsauftrag ist denn nach München gegangen? Was wollte man genau wissen? Die Münchner Kanzlei hat heute in einer Pressemitteilung schon gesagt: Wir haben einen Auftrag erhalten, in dem es darum geht, wirklich alles schonungslos aufzuklären und auch eine umfassende Gesamtbewertung vorzunehmen. Die Frage ist jetzt, welchen Auftrag denn jetzt die Kölner Anwaltskanzlei konkret erhalten hat. Dann könnte man die beiden Sachen miteinander vergleichen. Die Antwort war: Ja - das ist so - das ist genau der gleiche Auftrag. Dann haben die Journalisten gesagt: Dann veröffentlicht doch bitte beide Aufträge, dann können wir das miteinander vergleichen… Außerdem drehte sich aktuell vieles um die Frage, warum denn dieser fertige Bericht nicht veröffentlicht wird. Selbst wenn er schlecht wäre, fiele das doch nicht auf das Erzbistum zurück und jeder könne sich dann selber ein Urteil bilden. Da haben aber die Anwälte, die in der Pressekonferenz waren, deutlich gemacht: Es gibt juristische Bedenken und die könnten dann gegebenenfalls dem Erzbistum vor die Füße fallen. 

DOMRADIO.DE: Wie sehen denn die Opfer dieser sexualisierten Gewalt, die durch Geistliche ausgeübt worden ist, der Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln, die Sache?

Brüggenjürgen: Die waren in der Pressekonferenz leider auch nicht dabei, aber es wurde darauf verwiesen, dass sie im Treffen am Donnerstag ihre Zustimmung erteilt haben. Unterdessen ist bekannt geworden - das hat der WDR heute gemeldet -, dass es im Betroffenenbeirat einen ersten Rücktritt gegeben hat, weil man sich nicht als Feigenblatt missbrauchen lassen wolle. Der Betroffenenbeirat kennt das Gutachten selbst ja auch nicht. Das ist die große Frage, ob das erste, Münchener Gutachten, jetzt doch noch veröffentlicht wird. Die Kanzlei in München hat gesagt, ihrer Ansicht nach könne alles veröffentlicht werden. Dann könne sich jeder selbst ein Bild machen. 

DOMRADIO.DE: Was war denn dein Gesamteindruck von der Pressekonferenz?

Brüggenjürgen: Ich beobachte das ja schon lange und bin bei vielen Pressekonferenzen dabei gewesen. Das war eine Pressekonferenz, die ich so noch nie so erlebt habe. Die Journalisten waren sehr, sehr kritisch. Das ist der Job. Aber die Kolleginnen und Kollegen haben teilweise verärgert nachgefragt und gesagt: Ihr wollt doch Klarheit und Wahrheit, warum kann uns das jetzt hier keiner erklären? Ihr wollt doch Transparenz. Es war sogar so, dass einer der Kollegen dem Erzbistum ganz konkret vorgeworfen hat, die Unwahrheit zu sagen. Das ganze Verfahren diene nicht der Wahrheitsfindung. Da werden wir abwarten müssen, denn ich glaube, alle diese Fragen muss das Erzbistum beantworten, um wieder Vertrauen zurück zu gewinnen. Sehr deutlich  war bei den Journalisten ein großer Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust feststellen. Die Verantwortlichen im Erzbistum müssen jetzt dafür sorgen, dass das nicht in die Öffentlichkeit übergeht. Denn Vertrauen ist das, was Kirche dringend braucht. Gut, dass das Erzbistum und der Kardinal Klarheit und Wahrheit versprochen haben. Ärgerlich nur, dass das jetzt vermutlich wieder ein halbes Jahr dauern soll. 

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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