Jede Klasse wurde halbiert, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten.
Jede Klasse wurde halbiert, um den Sicherheitsabstand zu gewährleisten.
Verantwortlich für die Stundenpläne: die Konrektorin der Domsingschule, Annette Riehm.
Verantwortlich für die Stundenpläne: die Konrektorin der Domsingschule, Annette Riehm.
Die Kinder sind zur Einhaltung der Hygieneregeln angehalten.
Die Kinder sind zur Einhaltung der Hygieneregeln angehalten.
Auch beim Thema "Maske" lässt sich Kreativität entwickeln.
Auch beim Thema "Maske" lässt sich Kreativität entwickeln.
Die Schüler sitzen jeweils weit auseinander.
Die Schüler sitzen jeweils weit auseinander.
Jedes Kind hat im Moment einen festgelegten Arbeitsplatz.
Jedes Kind hat im Moment einen festgelegten Arbeitsplatz.
Im weitläufigen Außengelände können die Kinder auch ohne Maske ihre Freunde treffen.
Im weitläufigen Außengelände können die Kinder auch ohne Maske ihre Freunde treffen.
Für alle gewöhnungsbedürftig: das Tragen einer Schutzmaske.
Für alle gewöhnungsbedürftig: das Tragen einer Schutzmaske.
An jedem Tag nimmt nur jeweils ein Jahrgang am Unterricht teil.
An jedem Tag nimmt nur jeweils ein Jahrgang am Unterricht teil.
Überall im Schulgebäude besteht Maskenpflicht. Nur im Unterricht gilt Freiwilligkeit.
Überall im Schulgebäude besteht Maskenpflicht. Nur im Unterricht gilt Freiwilligkeit.

14.05.2020

Wie die Wiederaufnahme des Unterrichts an der Kölner Domsingschule gelingt "Für alle ist das ein riesiger Kraftakt"

Nach wochenlanger Pause sind die Schulen wieder geöffnet. Doch der Unterricht, eine Mischung aus Präsenz und Lernen auf Distanz, stellt die Verantwortlichen vor Herausforderungen. Jeder Tag sei derzeit ein Experiment, meint Annette Riehm.

DOMRADIO.DE: Frau Riehm, vor einer Woche durften zum ersten Mal die Schulabgänger, also das vierte Schuljahr, wieder in die Schule kommen. Seit diesem Montag sind es nun auch die anderen Klassen, die allerdings nur jahrgangsweise an je einem Tag wieder unterrichtet werden sollen, damit der räumliche Abstand untereinander gewährleistet bleibt. Ist das der Anfang einer Rückkehr zur Normalität?

Annette Riehm (stellvertretende Leiterin der Kölner Domsingschule): Davon kann nicht ansatzweise die Rede sein. Wenn einem überhaupt etwas im Moment vertraut vorkommt, dann allenfalls das Gefühl, endlich wieder vor einer Klasse zu stehen. Denn wir haben die Kinder in den letzten Wochen ja sehr vermisst – und sie uns. Für das, was wir gerade erleben, gibt es keinerlei Vorlage, geschweige denn Routine. Pro Tag haben wir vier Lerngruppen hier bei uns im Schulhaus; alle Schuljahre wurden jeweils halbiert, um große Abstände in den Klassenräumen schaffen zu können. Da vier volle Lehrkräfte wegen ihres Alters oder der Zugehörigkeit zur Risikogruppe ausfallen und damit bei uns über 90 Unterrichtsstunden kompensiert werden müssen, geht es auch um eine personelle Umschichtung. Das heißt, einige Kolleginnen und Kollegen betreuen nun Lerngruppen, die sie bisher nicht unterrichtet haben und erst kennenlernen müssen. Einige Klassen müssen sich umgekehrt an neue Lehrkräfte gewöhnen, weil ihre Klassenleitung sie zurzeit nicht unterrichten darf.

Das von der Landesregierung empfohlene System des Rollierens sieht außerdem vor, dass jedes Kind nur jeden vierten Tag in die Schule kommt und wir damit – was die Lerninhalte angeht – entsprechende Prioritäten setzen müssen. So stehen Deutsch, Mathematik und Sachunterricht ganz oben – sowie Englisch für die vierten Klassen. Singen, was bei uns groß geschrieben wird, kann nur in kleinsten Gruppen stattfinden und auch nur, wenn die Kinder weit voneinander entfernt stehen. Dazu kommen seit Mitte März unsere vier Notbetreuungsgruppen für die Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Bereichen arbeiten. Auch für sie müssen wir genügend Personal bereit stellen.

DOMRADIO.DE: Wie gehen die Schüler denn mit dieser neuen Form des Miteinanders um?

Riehm: Das alles ist für sie höchst irritierend und gewöhnungsbedürftig, weil es ihrem kindlichen Bedürfnis nach Kontakt und Nähe widerspricht. Sie empfinden die Unnatürlichkeit der Situation, auch wenn sich alle sehr diszipliniert zeigen. Zum einen freuen sie sich sehr, dass es nun wieder losgeht. Andererseits ist ja nichts wie vorher. Und das Lernen auf Distanz, also das Homeschooling, bei dem die Kinder digital Aufgaben und Arbeitsblätter zugeschickt bekommen, geht neben den Präsenztagen ja weiter. Für alle ist das eine völlig neue Erfahrung und ein riesiger Kraftakt: organisatorisch, aber auch was den sozialen Umgang miteinander angeht. Denn alles, was sonst üblicherweise aus einer Spontaneität oder Emotionalität heraus entsteht, wird jetzt stark eingeschränkt. Das Kollegium bekommt für jeden Präsenztag einer Jahrgangsstufe einen exakt zugeschnittenen Stundenplan und detaillierte Infos, wer wann wohin muss. Das heißt, wir müssen lernen, unter den Infektionsschutzaspekten völlig neu zu denken. Angesichts einer drohenden Ansteckungsgefahr, die wir ernst nehmen, bewegen wir uns daher auf dünnem Eis. Die Situation ist – auch für die Kinder – angespannt. Von Alltag kann jedenfalls absehbar nicht die Rede sein. Jeder Tag ist derzeit ein Experiment.

DOMRADIO.DE: Vermutlich ist es ja nicht gleich mit Mathe und Deutsch losgegangen. Die Kinder waren nun lange zuhause und haben sicher auch viel von der Corona-Krise mitbekommen und daher Redebedarf. Haben Sie mit den Kindern über ihre Erfahrungen während des Lockdowns gesprochen?

Riehm: Natürlich mussten die Kinder erst einmal ankommen und sich in der neuen Situation zurechtfinden. Jeder hat nun in der Klasse seinen markierten Arbeitsplatz. Ein Sitzkreis wie sonst zur Begrüßung nach einer längeren Auszeit oder Ferienphase geht natürlich zurzeit nicht. Alle durften zunächst erzählen, wie sie die Zeit zuhause empfunden haben und wie sie mit den Aufgaben zurecht gekommen sind. Grundsätzlich merkt man den Kindern deutlich an, dass sie den Ernst der Lage verstanden haben und sich – so gut es eben geht – an die Regeln halten. Dass sie die Anweisungen befolgen, hat allein schon damit zu tun, dass sie selbst Angst vor einer Ansteckung haben, weil sie beispielsweise Oma und Opa nicht gefährden wollen. Sie wirken sehr gebrieft und bewegen sich recht kontrolliert miteinander. Das ist für uns eher ungewohnt zu beobachten. Für uns Pädagogen ergibt sich ein völlig ungewohntes Bild.

DOMRADIO.DE: Vermutlich setzt der Neustart eine Menge logistischer Überlegungen und Absprachen voraus. Sie sagten es schon: Stundenpläne mussten völlig neu und flexibel gestaltet werden. Die Kinder müssen mit Hygiene- und Abstandsregeln vertraut gemacht werden und Kollegen, die der Risikogruppe angehören, ersetzt werden. Was ist für Sie dabei im Moment die größte Herausforderung?

Riehm: Dass sich die einzelnen Lern- und Betreuungsgruppen nicht begegnen – zum Beispiel im Treppenhaus oder auf dem Schulhof. Jeder muss die Abstandsregeln beherzigen. Und auch die Kommunikation mit den Eltern, die wir in den vergangenen Wochen mit regelmäßigen Info-Briefen immer aufrecht erhalten haben, ist uns ein wichtiges Anliegen und erfordert viel Einsatz. Auf unserer Website haben wir eigens eine Corona-Sonderseite eingerichtet und auch die Sozialen Medien für die Weitergabe von Informationen oft genutzt. Meistens kommen die aktuellen Hinweise aus dem Schulministerium erst am Wochenende, die wir dann zügig für unsere Schule umsetzen und den Eltern mitteilen müssen. Auch während der Osterferien waren wir non Stop in der Schule erreichbar. Die Familien sollten zu jeder Zeit das Gefühl haben: Schulleitung und Kollegium sind für sie ansprechbar. Niemand hat hier während des ruhenden Unterrichtsbetriebs die Hände in den Schoß gelegt. Seit Wochen vermittelt das gesamte Kollegium mit einem hohen technischen Aufwand Arbeitspläne und Lernaufgaben an die einzelnen Klassen, um das politisch gewünschte Homeschooling mit Inhalt zu füllen.

DOMRADIO.DE: Welche Erfahrungen gingen damit einher?

Riehm: Neu war in diesem Kontext für uns, dass wir mit einem Mal nicht mehr die aktiven Gestalter unseres Schulalltags waren, sondern immer nur auf die aktuellen Entwicklungen reagieren konnten, wir uns selbst also in einer neuen Rolle erlebt haben. Trotzdem wollten wir den Schülern bestmöglichen Unterricht bieten – zum Beispiel auch seit kurzem durch die Einführung der neuen Lernplattform "Moodle", die vielfältige Möglichkeiten der Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden bietet. Unser Kollegium lässt sich bereitwillig auf neue Wege ein, was für die Schule ja auch sehr bereichernd ist. Für mich persönlich hatte die Situation hier im Haus schon auch gespenstische Züge, weil unsere lebendigen Elemente fehlten: Die Chorproben dürfen zurzeit nicht stattfinden, der Kommunionunterricht fällt bis auf Weiteres aus, und der Instrumentalunterricht lief in den letzten Wochen ausschließlich in digitaler Form.

DOMRADIO.DE: In der Regel gibt es an der Kölner Domsingschule ein eng getaktetes System, bei dem alles ineinander greift: Unterricht, Choreinheiten, Kommunionstunden für die dritten Schuljahre, Nachmittagsbetreuung und Musikunterricht. Nun muss diese Verzahnung neu aufgerollt werden. Ist für Sie die Corona-Krise rein arbeitstechnisch daher so etwas wie der Super-Gau?

Riehm: Organisatorisch sind seit Ausbruch der Pandemie auf uns Aufgaben eines nicht gekannten Ausmaßes zugekommen. Waren wir sonst gewöhnt, von der Grundschulpädagogik her zu denken, bei der es um Kompetenzerwerb geht, müssen wir jetzt den kompletten Schulbetrieb auf die Präsenztage der einzelnen Klassen hin konzentrieren. Das schluckt viel Energie und auch vieles, was mit unmittelbarer Erlebnisfreude zu tun hat. Im Moment geht es einfach weniger um unser Kerngeschäft. Die Lerninhalte werden auf Sparflamme gekocht. Viele Arbeitsformen wie Gruppen- oder Partnerarbeit, die die Kinder lieben, sind wegen der Abstandsregeln nicht möglich. Auch Kinder mit einer Schutzmaske im Gesicht zu trösten ist schwierig.

Hinzu kommt, dass uns allen das gemeinsame Singen ganz ungemein fehlt, auch weil es ein kindliches Grundbedürfnis ist. Dann sitzt zudem die Enttäuschung über die abgesagte Erstkommunion, die am kommenden Sonntag stattfinden sollte, tief. Unsere Tischgemeinschaft beim Mittagessen ist unter dem Abstandsgebot weit auseinander gerissen. Auch das Sportfest oder unser traditionelles Musical, auf das die Theater-AG ein ganzes Jahr hinarbeitet, fallen in diesem Jahr aus. Es wird kein Schulfest geben und auch nur eine sehr reduzierte Abschiedsfeier für die Viertklässler. Eigentlich alles, was mit kindlicher Emotionalität zu tun hat und Schule in ihrem Kern ausmacht, wird es 2020 nicht geben. Da gibt es auf allen Seiten ein einziges großes Bedauern. Schließlich besteht Lernen aus vielen kleinen Puzzlesteinen und Facetten.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit den Lerninhalten selbst aus? Sind Sie zuversichtlich, dass gerade den Schülern, die jetzt auf eine weiterführende Schule wechseln, nicht manches Wissen am Ende fehlen wird?

Riehm: Natürlich können wir mit noch sieben ausstehenden Präsenztagen bis zu den Ferien nicht das Pensum eines vierten Schuljahres schaffen. Gerade auch, weil Lernen mit Dialog zu tun hat: mit Senden und Empfangen auf der sozial-emotionalen Ebene. Was wir im Moment erleben, widerspricht dem eigentlichen Lehrauftrag einer Grundschule – auch wenn sich alle die größte Mühe geben. Die Schule vermittelt nun mal mehr als Rechnen und Schreiben. Es geht nicht allein um reine Faktenvermittlung. Eben gerade nicht. Im März sollte eine Bibelprojektwoche zum Thema "Schöpfung" stattfinden. Ein solches Gemeinschaftserlebnis ist in der Regel für alle Jahrgänge eine ganz wesentliche Erfahrung. Ganz unabhängig davon, dass uns von jetzt bis gleich mit dieser Woche auch eine wesentliche Säule unserer religionspädagogischen Arbeit weggebrochen ist, die zum Selbstverständnis und Profil unserer Schule gehört.

DOMRADIO.DE: Wer hätte je gedacht, dass sich Kinder wieder in diesem Maße auf die Schule freuen würden. Manche konnten es ja kaum erwarten, das Schulgebäude wieder betreten und Freunde treffen zu können. Sind Sie zuversichtlich, dass das Schuljahr trotz aller Unwägbarkeiten einigermaßen "normal" beendet werden kann?

Riehm: Was zu den "Normalitäten" am Ende dieses außergewöhnlichen Schuljahres gehört, ist sicher die Zeugnisvergabe, die unser Kollegium vor das Problem der Bewertung bei fehlendem Unterricht stellt. Daneben ist die Angst vor einer weiteren Corona-Welle allgegenwärtig. Das heißt, niemand weiß zum jetzigen Zeitpunkt verlässlich, wie es in den Monaten nach den großen Ferien weitergehen wird. Das ist kein angenehmes Gefühl. Von daher ist die momentane Freude über die Wiederaufnahme des Schulbetriebs eher verhalten und äußert sich – auch bei den Kindern – sehr gebremst. Alle Schüler – auch die jüngsten – müssen gerade sehr vernünftig sein, was für Kinder in ihrem unmittelbaren Erlebnisdrang schwierig ist. Im Moment ist leider nichts so, wie wir es im Kontext Schule kennen. Spontan geht gerade gar nichts. Uns allen fehlen Unbefangenheit und Unbekümmertheit. Dabei lebt Schule gerade auch davon.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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