Schlafplatz eines Wohnungslosen in der Stadt
Schlafplatz eines Wohnungslosen in der Stadt
Bruder Markus bedankte sich im Namen der katholischen Obdachlosenseelsorge "Gubbio"
Bruder Markus

11.09.2018

Wie man Obdach- und Wohnungslose unterstützen kann "Einfach als Mensch anerkennen"

Sie schlafen auf Parkbänken oder in Geschäftseingängen: Obdachlose fristen ein hartes Dasein auf der Straße. Doch es gibt einige Möglichkeiten, wie man Wohnungslosen nicht nur mit Geld für den "Schnorr-Becher" helfen kann.

DOMRADIO.DE: An diesem Dienstag ist der Tag der Wohnungslosen. Was versteht man genau darunter?

Bruder Markus (Katholische Obdachlosenseelsorge im Erzbistum Köln): Wohnungslose sind Menschen, die keinen eigenen Wohnraum haben – durch ein Mietverhältnis oder womöglich Eigentum -, sondern die darauf angewiesen sind, dass sie entweder bei Verwandten, Freunden, Bekannten unterschlüpfen oder in irgendwelchen betreuten Wohnformen – Notunterkünften, Wohnheimen, betreuten Wohngruppen – unterkommen. Auch die, die in Billighotels wohnen, was hier in Köln oft der Fall ist, gelten als wohnungslos, obwohl sie sich dort ja sogar anmelden könnten.

DOMRADIO.DE: Viele Menschen denken bei "Wohnungslosen" natürlich als erstes an Obdachlose. Sind das die, die es am härtesten trifft?

Bruder Markus: Als Obdachloser ist man völlig ausgeliefert. Man hat irgendwo seinen Schlafplatz und "macht Platte", wie es die Obdachlosen selber nennen. Ob im Rheinpark, unter irgendeiner Brücke oder mitten in der Fußgängerzone im Eingang eines Geschäfts oder in der Schildergasse – man ist wirklich schutzlos ausgeliefert.

Manche stellen auch nachts den Becher raus. Da gibt es wirklich auch Leute, die ein bisschen Geld geben. Aber es kann auch das Gegenteil passieren: Dass man auf einmal aufwacht, zusammengetreten und tatsächlich beklaut wird. Es kommt immer wieder vor, dass Obdachlosen nachts die Schuhe geklaut werden oder das Handy aus dem Rucksack.

Viele Passanten wissen gar nicht so recht, wie sie darauf reagieren sollen, wenn sie Menschen auf der Straße leben sehen.

DOMRADIO.DE: Weggucken ist eine Möglichkeit. Ein paar Münzen in Becher werfen und beschämt weitergehen, eine andere. Sie haben viel mit den Obdachlosen und Wohnungslosen zu tun. Was hätten denn diese am liebsten. Und wie reagieren sie auf die Verhaltensweisen der Passanten?

Bruder Markus: Beiben wir bei den Obdachlosen, die wirklich mehr draußen sind und allenfalls tagsüber in Einrichtungen zum Essen und duschen gehen oder die eine Kleiderkammer aufsuchen: Das sind wirklich Menschen, die aus dem normalen Leben gekickt wurden. Teilweise haben sie sich selber gekickt, einige auch krankheitsbedingt. Sie können nicht mehr anders. Da ist auf alle Fälle immer eine Verletzung da, und ein starker Knacks im Selbstwertgefühl. Es ist schon hilfreich, wenn man sie erst mal als Mensch wahrnimmt. Das ist vielleicht das erste.

Es ist natürlich immer schön, wenn auch etwas gegeben wird – sofern da irgendwo ein "Schnorr"-Becher steht. Die Obdachlosen freuen sich drüber. Aber wenn man jemanden erst mal anschaut, wahrnimmt und als Mensch anerkennt, ist das auch ganz viel. Oder wenn man einfach mal nachfragt, wie es geht. Viele kennt man ja, es sind immer dieselben. Wenn man Anwohner ist, weiß man, wer wer ist. Es ist schon viel wert, wenn man einfach einen lieben Blick, ein liebes Wort, vielleicht auch mal ein Ohr hat.

DOMRADIO.DE: Manche Passanten stehen im Zwiespalt. Auf der einen Seite wollen sie helfen, auf der anderen Seite haben sie Sorge, dass der Obdachlose sie dann nicht mehr loslässt. Das kann auch eine Hemmschwelle sein, auf die Obdachlosen zuzugehen, oder?

Bruder Markus: Das kann sein. Es ist wichtig, erst mal selber eine Haltung zu entwickeln und sich zu fragen: Will ich überhaupt irgendwas geben und wenn ja, grundsätzlich jedem oder gebe ich nach Gefühl? Da gibt es keine richtige Antwort drauf. Wer in der Kölner Innenstadt wohnt und dann zur Arbeit geht, der kann ein Viertel seines Monatsgehalts gut in irgendwelchen Bechern lassen. Da muss man eine Haltung finden.

DOMRADIO.DE:  Sie arbeiten ja schon lange mit und für Menschen ohne festen Wohnsitz. Inwieweit kann man Menschen auf der Straße langfristig helfen?

Bruder Markus: Zunächst einmal gibt es ein großes Hilfesystem der Wohnungslosenhilfe, Angebote von kirchlichen- und freien Trägern, die sich seit Jahren zusammen mit der Stadt engagieren. Meine Erfahrung in der Wohnungslosenseelsorge ist, dass man an Punkte kommt – das gilt auch für meine Kollegen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter – wo man einfach ohnmächtig ist.

Es gibt Menschen, deren Lebenssituation so verfahren ist, was Gesundheit, Arbeit, Wohnungssuche, das soziale Netzwerk betrifft – oft spielen auch psychische Erkrankungen eine große Rolle – da kann man eigentlich nur noch stabilisieren. Und medizinisch helfen, indem man sagt: "Mensch, jetzt geh doch mal zum Mobilen Medizinischen Dienst des Gesundheitsamtes" – die kommen auch in die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe. Viel mehr ist dann nicht möglich. Manchmal geht nur, einfach dabeizubleiben, Mut zu machen um den nächsten Schritt, vielleicht nur ganz kleinen Schritt zu tun. Man muss raus aus der Haltung: Ich muss jetzt jemanden retten.

DOMRADIO.DE: Sie waren auf einer offenen Ferienfreizeit mit Obdachlosen und Wohnungslosen. Wie war das?

Bruder Markus: Meiner verstorbenen Kollegin Schwester Franziska war es ein Herzensanliegen, mit den Wohnungslosen mindestens einmal im Jahr auch mal wegzufahren. Die Wohnungslosenseelsorge hier in der Stadt Köln ist sehr gewachsen. Zum einen ist es Streetwork, also aufsuchende Seelsorge auf der Straße rund um den Dom, den Hauptbahnhof und die Fußgängerzone. Dann gehen wir auch in die Einrichtungen rein und essen einfach mit und kommen mit den Leuten ins Gespräch.

Zum anderen gibt es auch Anlaufstellen wie die kirchliche Wohnungslosenseelsorge "Gubbio" in der Kölner Südstadt. Das ist so etwas wie eine Personal-Gemeinde für Obdachlose, in der man wie in jeder Gemeinde auch mal eine Wallfahrt macht. Vor zwei Jahren waren wir zum Abschluss des Jahres der Barmherzigkeit beim Papst. Jetzt hatten wir eine Ferienfreizeit in Schönecken in der Eifel. Da ich im Moment im Wesentlichen allein in der Wohnungslosenseelsorge bin, war das eine reine Männerfahrt. Wir waren zu acht und haben einen Bulli voll gemacht.

DOMRADIO.DE: Wie war das für die Obdachlosen? Sie haben plötzlich ein Bett, ein warmes Zimmer und Gesprächspartner, die sie ernstnehmen...

Markus: Wir haben auch ein Vortreffen gemacht. Die meisten kannten sich bereits vom "Gubbio" – der Anlaufstelle, die immer dienstags und mittwochs geöffnet hat. Für die Teilnehmenden war es tatsächlich ein Stück fast "normaler", gemeinsamer Alltag. Zum Beispiel auch mit Kochen, was ja die meisten so nicht tun. Deswegen war es auch gut, dass wir jemand dabei hatten, der auch wirklich gut kochen konnte. Da war ich meistens unterstützend dabei. Aber sonst haben alle irgendwie angepackt und waren froh, dass das so ein Miteinander wurde.

Wir haben die Dienste gar nicht so klassisch WG-mäßig einteilen müssen: Wer putzt jetzt was oder wer wäscht heute ab oder wer bereitet das Frühstück vor? Vieles hat sich tatsächlich ergeben. Den meisten war klar, kochen kann ich nicht, aber dann übernehme ich halt das Frühstück oder jetzt wasche ich ab. Dann haben wir miteinander überlegt, was für ein Programm wir machen, auch wetterabhängig. Wir haben Ausflüge gemacht, Städte wie Gerolstein und Prüm erkundet; waren einmal bei einem Studienfreund von mir zum Pizza backen, der auch noch eine kleine Kutschfahrt durchs Dorf organisiert hat. Es war sehr schön.

DOMRADIO.DE: Wir haben gerade das Kirchenangebot genannt. Inwieweit werden denn die Gottesdienste von den Wohnungslosen wahrgenommen?

Markus: Bei uns ist es so, dass die erste Hälfte der Öffnungszeiten dienstags und mittwochs nachmittags immer erst mal ein Kaffeetrinken, ein offener Treff ist. Und in der zweiten Hälfte des Nachmittags kommt immer ein Angebot dazu – das ist manchmal ein Gottesdienst, manchmal Meditation oder auch mal Kino. Etwa die Hälfte bleibt dafür.

Auch jetzt bei unserer Fahrt am Sonntag war eine Messfeier angesagt. Wir waren ja zu acht, bei der Messe waren noch sechs dabei. Einer ist schon vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen abgereist, der hielt es nachts einfach nicht mehr aus. Und einer hat gesagt: Ne, Messfeie, das ist nichts für mich. Das ist ausgerechnet der, mit dem ich fast die spirituellsten Gespräche hatte. Aber so ist das dann, das gehört dazu: Also auch das, was an Hoffnung da ist, zu feiern.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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