Bezahlbare Wohnungen fehlen vor allem in den Großstädten
Bezahlbare Wohnungen fehlen vor allem in den Großstädten

06.09.2018

Warum die Wohnungsnot in Deutschland weiter wächst Wenn "gutes Wohnen" zur Mangelware wird

Der Wohnraum in vielen deutschen Städten wird immer kleiner. Teure Grundstücke und steigende Mieten verschärfen die Lage zusehend. Inzwischen sind auch Normalverdiener von der Wohnungsnot betroffen - und die Politk zum Handeln aufgerufen.

DOMRADIO.DE: Man kennt das Problem mit der Wohnungsnot besonders aus Städten wie München, Hamburg und neuerdings auch aus Berlin. Wie ist die Situation in Köln?

Markus Harmann (Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln): Mindestens genauso schlimm wie in Berlin oder Hamburg. In Köln fehlen um die 60.000 Wohnungen. Viele der neu gebauten Wohnungen sind nicht unbedingt für Menschen geeignet sind, die ein normales Einkommen haben. Es geht längst nicht nur um Geringverdiener, die sich die Wohnung nicht mehr leisten können. Sondern es geht auch um Menschen, die ganz normal Vollzeit arbeiten. Dazu zählen Krankenschwestern, Erzieher, oder auch Polizisten. Sie haben alle Probleme, sich eine angemessene Wohnung leisten zu können.

DOMRADIO.DE: Wenn man von "gutem Wohnen" spricht, was versteht man darunter eigentlich hierzulande?

Harmann: Eigentlich sind die Ansprüche an "gutes Wohnen" gar nicht so hoch. "Wohnen" - dieser Begriff kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet so viel wie "zufrieden sein". Mehr ist es eigentlich auch gar nicht. Eine Wohnung muss ein geschützter Raum sein, ein sicherer Ort, sie passt zu einem oder zu einer Familie und liegt in einem Viertel, indem man sich zu Hause fühlt.

DOMRADIO.DE: Was kann die Kirche, was können Sie von der Caritas tun, um die wirklich schwierige Wohnungssituation in Deutschland zu verbessern?

Harmann: Wir können vor allem immer wieder daran erinnern, dass Wohnen ein Menschenrecht ist. Zu hohe Wohnkosten steigern das Armutsrisiko enorm. Wer die Hälfte seines Einkommens für die Miete ausgibt, der wohnt zwar, aber der lebt noch nicht. Um mal einen Slogan eines Möbelhauses aufzugreifen.

Von einem Zuhause und einer Wohnung hängt ziemlich viel ab: Genug Platz für die Kinder, die in Ruhe Hausaufgaben machen können, oder die Möglichkeit, Gäste zu empfangen. Es macht einen Unterschied, ob jemand abends ein Sofa zum Bett umbaut oder ob er ein eigenes Schlafzimmer hat, in das er rüber gehen kann.

DOMRADIO.DE: Das Thema scheint mittlerweile endlich auch in der Bundespolitik angekommen. Die SPD hat das Thema Wohnen als neue soziale Frage ausgerufen. Was sind denn Ihre Forderungen an die Politik?

Harmann: Wir fordern, dass Wohnungsbau Teil der echten Daseinsvorsorge wird, also dass es zum Beispiel darum geht, dass man Grundstücke in Kommunen nicht mehr an die Meistbietenden Investoren verkauft. Sondern dass immer auch im Blick gehalten wird: Wer soll da hinziehen? Wer kann es sich erlauben? Wenn die Grundstücke teuer sind, dann wird der Investor auch entsprechend mehr Geld aufbringen müssen, um Wohnungen zu bauen. Das wiederum steigert die Mieten.

Eine andere Sache betrifft die Auflagen. Es ist gar nicht so einfach, relativ schnell eine Genehmigung für Wohnungen zu bekommen. Brandschutzauflagen sind erheblich gestiegen, zum Beispiel im Laufe der letzten Zeit. Und auch das führt dazu, dass Wohnungsbau nicht nur sehr viel länger dauert, sondern sich eben auch deutlich verteuert hat.  

DOMRADIO.DE: Gestern beim alljährlichen Medien-Empfang des Erzbistums Köln hat Erzbischof Woelki noch mal ganz klar gesagt: Wohnen ist ein Menschenrecht. Und er hat auch eine Verbindung gezogen zwischen der Wohnungsnot und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die These dahinter: soziologisch durchmischte Viertel werden durch Gentrifizierung immer mehr zu geschlossenen Gesellschaften, in denen sich die unterschiedlichen sozialen Schichten gar nicht mehr erst begegnen. Wie wichtig ist das aus Ihrer Erfahrung, dass Viertel sozial durchmischt sind?

Harmann: Es gibt gar nicht mehr so viele Orte, wo sich Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft begegnen. Das ist vielleicht im Fußballstadion noch der Fall oder im Zoo. Aber es entmischt sich in den letzten Jahren immer mehr. Das ist ganz normal und irgendwie auch ganz menschlich, dass man zu Seinesgleichen ziehen will. Da geht es um gleiche Interessen, um Sympathie, weil vielleicht die Lebensentwürfe ähnlich sind. Das Problem dahinter ist eigentlich ein anderes: Wer verdrängt wird. Wer sich die Miete nicht mehr leisten kann und zum Beispiel an den Stadtrand zieht oder ins Kölner Umland, weil er arm oder arbeitslos ist.

Und das ist, glaube ich, einer der großen Knackpunkte. Wer sich zurückzieht, der schottet sich ab. Der hat das Gefühl, er kann nicht mehr mithalten, nicht mehr teilnehmen und darin besteht dann die Gefahr. Und wenn dann nur das Geld darüber entscheidet, wo ich wohne und wer ich bin, dann sind wir an einem Punkt, wo man eben ganz gut nachvollziehen kann, dass Gruppen in der Gesellschaft nicht mehr zusammenfinden. Und darin liegt auch die eigentliche soziale Sprengkraft viel zu hoher Mieten.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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