Bénédicte Peyrat, Simul et singulis (Kopfwand)
Bénédicte Peyrat, Simul et singulis (Kopfwand)
Ausstellung "MENSCH.DEMENZ.KIRCHE."
Ausstellung "MENSCH.DEMENZ.KIRCHE."

03.07.2018

"Kunst ist Seelsorge" im Museum Kolumba "Wir haben uns anrühren lassen"

"Mensch.Demenz.Kirche" ist ein Projekt der Altenpastoral im Erzbistum Köln. Über die gemeinsame Betrachtung von Kunstwerken haben nun haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in der Seelsorge spirituelle Zugänge zur Demenz gewonnen.

Es ist ein Experiment, auf das sich die Projektgruppe "Mensch.Demenz.Kirche" der Altenpastoral im Erzbistum Köln eingelassen hat – über die persönliche Auseinandersetzung mit Kunstwerken den Teilnehmenden einen neuen Zugang in das eigene Erleben zu eröffnen. Für dieses Ziel wird der klassische Museumsbesuch völlig neu gestaltet. Nicht das Kunstwerk und der Künstler stehen im Mittelpunkt, sondern die Gedanken und Gefühle der Besucher zu einem Kunstwerk.

Im schönen Innenhof des Kunstmuseums Kolumba wurden die Besucher in kurzen Reden und mit Texten in dieses Experiment eingeführt. Markus Roentgen, Referent für Erwachsenspiritualität und Exerzitien im Erzbistum Köln, machte in seinem Text den Bezug dieses Werkstattgesprächs zur Arbeit mit Demenzkranken deutlich: "Indem ich wahrnehme und mich ausdrücke, kommen die Sinne und der Geist ins Spiel, so, wie es gerade da und möglich ist, für jeden Menschen in jeder Lebenslage, so für Menschen mit und ohne Demenz."

Unterschiedliche Kunstwerke

Vier sehr unterschiedliche Kunstwerke hat das Vorbereitungsteam nach einem intensiven Rundgang durch die aktuelle Ausstellung "Pas de deux" im Kunstmuseum Kolumba ausgesucht: die zeitgenössische Stahl-Skulptur "The Drowned and the Saved" des Bildhauers Richard Serra in der ehemaligen Sakristei, Dieter Kriegs großflächige Gemälde "In der Leere ist ist nichts" (1998) im Dialog mit dem kostbaren römischen Diatretglas im Raum 21, Bénédicte Peyrats Tableau "simul et singulis" (1967) mit 91 Einzelbildnissen im Raum 10 und die Tongefäße des römischen Köln in Kombination mit modernen Gefäßen im Raum 13. Die Besucher konnten sich für eines der vier Kunstwerke entscheiden und wurden in Kleingruppen zu den Ausstellungsobjekten eingeführt.

In tiefe Betrachtung versunken

So unterschiedlich die ausgewählten Kunstwerke auch waren, alle Besucher in den vier Kleingruppen sind erst einmal in tiefe Betrachtung versunken. Erste Eindrücke wurden ausgetauscht, diskutiert und weitergedacht. Und immer wieder gab es Momente der schweigenden Betrachtung. Tief berührt haben die 91 Porträtbilder von Bénédicte Peyrat. Sind die fleischigen Gesichter von Männern (oder Frauen?) mit roten Nasen, die die Besucher mal lachend, mal nachdenklich oder grimmig anschauen, Mitglieder einer Dorfgemeinschaft oder Heimbewohner? Welche Lebensgeschichten verbergen sich hinter diesen wie Karikaturen überzeichneten Gesichtern?

Einig waren die Betrachter, dass auf diesem Tableau aus menschlichen Antlitzen die Vielfalt und die Einmaligkeit menschlicher Existenz Ausdruck findet, der man sich durch ruhige, wohlwollende Betrachtung annähern kann. Auch die römischen Keramiken haben die Besucher bewegt. Die leeren Gefäße wurden von einer Teilnehmerin als Orte der Geborgenheit erfahren.

Dieter Kriegs' Gemälde mit den umgestürzten Weingläsern regten einen intensiven Gedankenaustausch über das Thema Vergänglichkeit aus. Und die Stahlskulptur von Serra, deren Oberfläche sich verändert, aber nicht rostet, führte zu der Erkenntnis, dass immer etwas bleibt. Wie die Seele eines jeden Menschen.

Bereichernde Erfahrung

Nach mehr als einer halben Stunde intensiver Betrachtung der Kunstwerke kamen alle Teilnehmer noch einmal zusammen und stellten fest, dass für sie der Austausch persönlicher Eindrücke und Gedanken während des Werkstattgesprächs ohne kunsthistorische Belehrung sehr bereichernd war. Für Ute Aldenhoff, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Altenpastoral, ist diese intuitive und dialogische Auseinandersetzung, die Kunst mit Seelsorge gleichsetzt, ein wichtiger Weg zur Sensibilisierung auch in der Arbeit mit Demenzkranken.

Birgitt Schippers
(DR)

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