"Wir müssen einander dienen"
"Wir müssen einander dienen"

27.06.2014

Wie Franziskus das Erzbistum Köln herausfordert Provokation Papst

Jogi Löw prägt das Erscheinungsbild der Nationalmannschaft, Kanzlerin Merkel das Bild der Deutschen im Ausland. Ähnliches gilt für den Papst und die katholische Kirche. Franziskus fordert die deutschen Bistümer heraus.

Der neue Stil des Pontifex vom Ende der Welt hat auch Folgen für die Kirche in Deutschland. Fußwaschung im Gefängnis, Solidarität mit Flüchtlingen auf der Insel Lampedusa, sein Traum von einer "armen Kirche für die Armen" - all das fordert auch die deutschen Bistümer heraus, provoziert sie im ursprünglichen Sinn des Wortes.

Diesem Thema widmete sich eine zweitägige Veranstaltung in Bad Honnef bei Bonn, die an diesem Freitag zu Ende ging. Ihr Titel: "Papst Franziskus als Herausforderung für das Erzbistum Köln?" Doch der Papst fordert die Ortskirchen nicht nur, sondern zugleich fördert er sie, stärkt ihre Bedeutung gegenüber der römischen Zentrale. Die Verantwortlichen im Schatten des altehrwürdigen gotischen Doms am Rhein spüren offenbar einen neuen Spielraum. Aber nicht nur dort.

Auch in anderen Diözesen sprechen Bischöfe in Erinnerung an den legendären Scorpions-Hit mal mehr, mal weniger offen von einem katholischen "Wind of change".

Der Kölner Weihbischof Ansgar Puff räumt selbstkritisch ein, dass sich Kirche bisher oft zu sehr um sich selbst drehe. "Wir müssen rausgehen zu Leuten, die wenig Kontakt mit uns haben, und unsere positive Botschaft präsentieren", so sein Konzept. Nach der Devise: Die Botschaft von der Liebe Gottes ist wichtiger als Moral, erst recht wichtiger als Moralin.

Weihbischof Puff: Zutrauen in die Getauften

Dabei komme es darauf an, "viel Zutrauen in die Getauften zu haben", so der Geistliche. Stattdessen halte man oft noch Geld und hauptamtliches Personal für die wichtigsten Ressourcen. Wie passt das zu der vom Papst gewünschten armen Kirche? "Das heißt ja nicht, dass wir mit einem Schlag allen Besitz weggeben müssen", so Prälat Stefan Heße, nach dem Ausscheiden von Kardinal Joachim Meisner Diözesanverwalter in Köln und damit eines der reichsten Bistümer weltweit.

In der bistumseigenen Zeitschrift "Sommerzeit" betont er, eine Kirche, die in der Gesellschaft wirken wolle, brauche gewisse Mittel.

Neu ist jedoch eine Art Transparenz-Offensive. Vor wenigen Wochen hat das Erzbistum ein Finanzgeheimnis gelüftet und erstmals seinen Immobilienbesitz veröffentlicht. Heße wörtlich: "'Kirche der Armen' bedeutet, die Welt aus dem Blickwinkel der Armen zu betrachten."

Weihbischof Puff hat das lange gemacht und erinnert sich gut. Der Mann mit dezenter Nickelbrille und Vollbart hat vor der Weihe viele Erfahrungen auf der Straße gesammelt - als Sozialarbeiter. Er bemängelt die Entwicklung zu einer "Mittelschicht-Kirche" und bezweifelt, "ob sich Arme da wirklich zu Hause fühlen".

Immer mehr deutsche Bistümer erwägen oder praktizieren bereits eine behutsame Verschiebung der Akzente. Danach gehört nicht mehr in erster Linie die engagierte Minderheit der Kerngemeinde ins Blickfeld, sondern die Mehrheit der Katholiken, die vielleicht nur zu Weihnachten eine Kirche von innen sehen. Hier und da wächst ferner das Engagement für Flüchtlinge und Migranten, was ebenfalls auf Linie des Papstes liegt. In Bonn etwa stellt eine katholische Gemeinde derzeit 30 muslimischen Flüchtlingen Wohnraum und Kleidung zur Verfügung.

"Entrümpelung der Kirchensprache"

Zu dem erforderlichen "Systemwechsel" zählt für Puff eine "neue Sprache". Fachbegriffe wie Gnade, Trinität oder Sühne würden kaum mehr verstanden. Die "Entrümpelung der Kirchensprache" sei daher eine wichtige Aufgabe. Der 58-Jährige selbst schätzt das abwägende Wort und setzt hinter manche Überlegungen ein Fragezeichen. Mehrfach schränkt er ein: "Ich muss darüber noch nachdenken" oder "Ich kann's noch nicht ganz richtig einschätzen".

Aber bei allen Vorbehalten - für den Weihbischof ist klar: "Die Kirche kann mit unterschiedlichen Ansätzen in dieselbe Richtung gehen." Hauptsache, sie erkennt die Zeichen der Zeit oder frei nach Galileo Galilei: Sie bewegt sich doch. Knapp anderthalb Jahre nach dem Amtsantritt von Franziskus scheint manches in Bewegung.

Thomas Winkel
(KNA)

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