Ehe für alle
Ehe für alle

14.07.2017

Kardinal Marx: Urteil aus Karlsruhe wäre gut für Rechtsfrieden Kirche ringt mit Gesetz zur "Ehe für alle"

Der säkulare Staat kann nicht die moralischen Vorstellungen der katholischen Kirche eins zu eins in Gesetze gießen, räumt Kardinal Marx ein. In der Debatte um die Ehe für alle rät er allgemein zu mehr Gelassenheit.

Jubel und Konfetti auf der einen, Sorge und Weltuntergangsstimmung auf der anderen Seite: Die Einführung der "Ehe für alle" ist von Befürwortern als Meilenstein im Kampf für eine liberale Gesellschaft gewertet worden. Die Gegner dagegen befürchten die Auflösung der traditionellen Familie.

Endgültiger Abschied von christlich geprägter Gesellschaftsform?

Zwei Wochen nach dem Bundestagsbeschluss ringt insbesondere die katholische Kirche mit der neuen Rechtslage und den Folgen. Ist das der endgültige Abschied von einer christlich geprägten Gesellschaftsordnung? Das konservative Forum Deutscher Katholiken jedenfalls sieht in der "Ehe für alle" einen "Dammbruch, der alle Schleusen öffnet für weitere Formen des Zusammenlebens". Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer befürchtet, dass die Katholiken politisch heimatlos werden könnten.

Nüchterner formuliert es der Familienbischof der Bischofskonferenz, Erzbischof Heiner Koch: Er müsse "zur Kenntnis nehmen, dass unsere christliche Position nicht verstanden worden ist", zog der Berliner Oberhirte Bilanz. Er erhalte stapelweise Briefe, "in denen es heißt, die einzige Partei, die heute noch christliche Inhalte vertrete, sei die AfD". Ein Eindruck, dem er deutlich widerspricht.

"Um die Ehe zu öffnen, muss man das Grundgesetz ändern"

Einig sind sich konservative und liberalere Bischöfe, aber auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, dass das Grundgesetz die Ehe ausschließlich als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert.

Unterstützung bekommen sie vom früheren Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier: "Wenn man die Ehe öffnen will, muss man das Grundgesetz ändern", sagte er dem "Spiegel" und widersprach damit anderen Experten. Das Bundesverfassungsgericht habe in mehreren Entscheidungen betont, dass eine Ehe im Sinne des Grundgesetzes nur die "Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft ist".

Marx mahnte zu mehr Gelassenheit

Auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, setzt auf Karlsruhe und darauf, dass die bayerische Staatsregierung das Gericht anruft. "Ich möchte schon wissen, was das Bundesverfassungsgericht über die "Ehe für alle" denkt", sagte der Münchner Erzbischof am Freitag der "Augsburger Allgemeinen". Ein Urteil wäre gut, um den Rechtsfrieden in Deutschland zu wahren.

Dabei fällt auf, wie nüchtern Marx die Lage analysiert. Die Kirche halte an ihrem Ehe-Begriff fest, unterstrich er. Aber: "Man sollte nicht gleich einen Dammbruch heraufbeschwören" mahnte er auch zu Gelassenheit. Bei dem neuen Gesetz gehe es um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare - und nicht, wie von manchen Kritikern als Menetekel an die Wand gemalt, auch für Verwandte oder drei und vier Personen.

"Wir wollen nicht unsere Moralvorstellungen in Gesetze gießen"

Auch von einer Niederlage der Kirche und politischer Heimatlosigkeit der Katholiken will Marx nichts wissen. "Wir wollen nicht einfach unsere Moralvorstellungen in Gesetze gießen und daran den Einfluss der Kirche messen", sagte er. Es gebe keine Partei, die alle Meinungen der Kirche vertrete. Das wäre «in einem säkularen Staat auch nicht wünschenswert. "Wir leben in einer offenen Gesellschaft, in der es Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Nichtgläubige gibt", so der Kardinal. "Der Staat muss in einer säkularen Gesellschaft Gesetze schaffen, die für alle gelten."

"Kirche war kein Vorreiter bei Rechten für Homosexuelle"

Aufhorchen lässt der selbstkritische Ton des Kardinals bei der Haltung der Kirche zur Homosexualität: Die Kirche sei "nicht unbedingt Vorreiter gewesen, was die Rechte von Homosexuellen angeht", räumte er ein. "Ich habe ja auch nichts dagegen getan, dass Homosexuelle strafrechtlich verfolgt wurden (...). Wir haben uns als Kirche eigentlich damit nicht befasst." Das bedauere er.

Kritik erntete er dafür vom Grünen-Politiker Volker Beck, der wesentlichen Anteil am Bundestagsbeschluss zur "Ehe für alle" hatte. Der kirchenpolitische Sprecher der Grünen lobte einerseits, dass der Kardinal eine eigene Sphäre des säkularen Staates bei der Gesetzgebung anerkenne. "Schlicht die Unwahrheit" sei allerdings die Aussage, die Kirche habe sich mit der strafrechtlichen Verfolgung der Homosexuellen nicht befasst. "Die katholische Kirche hat immer und überall, wo es um ein Ende der Kriminalisierung oder Diskriminierung von Homosexuellen ging, sich dagegen gewandt."

Christoph Arens
(KNA)

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