Jesuitenpater Klaus Mertes fordert im Missbrauchsskandal...
Klaus Mertes SJ

Pater Klaus Mertes ist Direktor des Jesuitenkollegs Sankt Blasien im Schwarzwald in Baden-Württemberg. Zuvor war er Schulleiter des Canisius-Kollegs in Berlin. Dort hatte er 2010 Missbrauchsfälle öffentlich gemacht und damit eine bundesweite Debatte ausgelöst.

16.01.2014

Jesuitenpater Mertes zur sexuellen Toleranz im Unterricht "Das Thema ist da"

Die Ehe sei nicht in Gefahr, auch wenn Homosexualität im Unterricht thematisiert wird, findet Pater Klaus Mertes. Im domradio.de-Interview äußert er sich zur Debatte um "sexuelle Vielfalt" an Schulen in Baden-Württemberg.

domradio.de: Ich frage Sie erst einmal als Schulleiter: Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Schüler im Bereich der sexuellen Vielfalt, gemeint ist ja die Homosexualität, Nachholbedarf haben?

Pater Klaus Mertes SJ: Das Thema ist, seit ich Lehrer bin, in den Schulen anwesend, auch negativ über Mobbing. Kürzlich hatte ich einen Fall, wo ein Schüler Mitschüler beim Duschen gefilmt hat, das Video in Youtube mit "Schwule Schwuchteln beim Duschen" ausgestellt hat. Also dann muss man natürlich als Schule reagieren. Da ist ja das Thema schon da. Aber es ist natürlich auch durch die Lebenssituation der Kinder selbst da, wir haben in allen Schulen, auch in katholischen Schulen natürlich Kinder, die Geschwister haben, die in homosexuellen Partnerschaften leben. Ich habe immer wieder in den letzten 20 Jahren Gespräche mit Eltern gehabt, die sich mit der Tatsache auseinandersetzen müssen - manchmal sehr schweren Herzens, dass ihre Kinder eben schwul oder lesbisch sind und in eine Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Art miteinander leben. Das Thema ist da.

domradio.de: Ein Vorwurf ihres Kollegen, der die Petition gegen den Bildungsplan gestartet hat, lautet unter anderem: Wenn überhaupt gehört das Thema Sexualität in den Biologie-Unterricht. Hat er da eventuell Recht?

Pater Mertes: Es gehört in den Biologie-Unterricht, aber selbstverständlich zum Beispiel auch in den Religionsunterricht. Ich meine, auch der katholische Katechismus macht ja zu diesem Thema Aussagen. Sie müssen doch im Religionsunterricht thematisiert und reflektiert werden.

domradio.de: Die Lehrmeinung der Katholischen Kirche, was Homosexualität angeht, gründet ja unter anderem auf Bibeltexte, etwa Genesis: "Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch" (Genesis 1,27-28) oder „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch" (Genesis 2,24). Ist das Ihrer Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß?

Pater Mertes: Nein, überhaupt nicht. Das sind grundlegende ganz wichtige Texte, denen ich mit vollem und ganzem Herzen zustimme, aber sie beantworten nicht die Frage, wie man mit Situationen umgeht, in denen eben Fruchtbarkeit nicht gegeben ist. Das gibt es ja schon bei heterosexuellen Paaren, die nicht fruchtbar sind zum Beispiel. Es gibt eben Situationen, auf die noch eine Antwort gegeben werden muss und auf die, diese Texte ja gar keine Antwort intendieren. Die Sätze, die sie gerade zitiert haben, sind ja nicht exklusiv gemeint.

domradio.de: In einer gemeinsamen Stellungnahme der evangelischen und der katholischen Kirche heißt es, Kinder und Jugendliche dürften bei ihrer Suche nach der sexuellen Identität nicht beeinflusst werden. Sie sind als Jesuit auch Kirchenmann. Sehen Sie diese Bedenken nicht?

Pater Mertes: Ich finde, dass die Thematisierung des menschlichen Umgangs mit Sexualität und das ethisch Verantwortliche beim Umgang mit Sexualität noch keine Manipulation ist. Natürlich findet in der Schule und überhaupt in den Beziehungen permanent Beeinflussung faktisch dadurch statt, dass sich hier Menschen mit Überzeugungen einander gegenüber treten. Ich habe ja auch Überzeugungen und ich kenne Diskussionen aus anderen Kontexten, in denen man religiösen Menschen verbietet, ihre Überzeugung zu sagen, weil das die Schüler beeinflussen würde, also was meint man hier mit beeinflussen? Ich meine: Manipulation klares "Nein", aber Thematisierung und Reflexion "Ja".

Das Interview führte Tobias Fricke

(DR)

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