20.06.2013

Familienbischof über das erweiterte Familienbild der Evangelischen Kirche "Die deutschen Bischöfe sind besorgt"

Die Evangelische Kirche Deutschlands verabschiedet sich vom traditionellen Familienbild "Vater-Mutter-Kinder". Familienbischof Tebartz-van Elst beschreibt im domradio.de-Interview die katholische Vorstellung von Ehe und Familie.

domradio.de: Der Paderborner Moraltheologe Peter Schallenberg zeigte sich im Interview mit domradio.de wenig überrascht über das Positionspapier. Hält sich auch Ihre Überraschung in Grenzen?

Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst: Wenn man die Ankündigungen der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau in den letzten Tagen sieht, dann überrascht es sicherlich wenig. Dennoch muss ich auch sagen, dass die deutschen Bischöfe besorgt sind über die Entwicklung, die sich in diesem sogenannten Orientierungspapier zeigt. Es führt im Ergebnis zu einer sehr starken Relativierung der lebenslang gelebten Treue in Ehe und Familie. Es macht uns Sorge, dass Ehe hier gerade in ihrer unverwechselbaren Bedeutung geschmälert wird. Es stellt sich zudem die Frage: Glaubt man selbst nicht mehr daran, dass Ehe in lebenslanger Treue möglich ist? Ausgehend von der Heiligen Schrift, die uns mit unseren evangelischen Schwestern und Brüdern verbindet, können wir besonders aus dem Neuen Testament so viel ermutigende Impulse gewinnen, die uns überzeugen sollten, dass es möglich ist, diesen Lebensentwurf als Abbild der Bundestreue Gottes zu den Menschen zu leben. In diesem Sinne ist christlich gelebte Ehe und Familie in lebenslanger Treue durchaus ein kontrastierender Lebensentwurf in einer Gesellschaft, die das zunehmend anders sieht.

domradio.de: Nikolaus Schneider betonte bei der Vorstellung des Papiers, traditionelle Formen, Ehe und Familie zu leben, würden damit „überhaupt nicht in Frage gestellt“. Das Papier wolle vielmehr „die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen, wie sie ist“, und nicht „abgehoben“ oder „mit erhobenem Zeigefinger“ über die Familie sprechen. Ist im Umkehrschluss die katholische Position zu abgehoben und zu sehr mit erhobenem Zeigefinger?

Bischof Tebartz-van Elst: Nein, das glaube ich ganz und gar nicht. Die Katholische Kirche sieht sehr wohl, dass Ehen auch scheitern können. Wir sehen eine große pastorale Verantwortung darin, Hilfestellung in der Ehevorbereitung und Ehebegleitung zu geben, damit lebenslanges Miteinander in Treue auch gelingen kann. In der Ehe-, Familien- und Lebensberatung stellen wir die notwendige personelle und auch finanzielle Unterstützung bereit. Bei allen Schwierigkeiten, die es sicher gibt, vor den wir die Augen nicht verschließen und bei denen wir auch als Katholische Kirche eine hohe pastorale Verantwortung sehen, dürfen wir auch dankbar erleben, dass Ehe in lebenslanger Treue zwischen Mann und Frau in ihrer Offenheit für Nachkommenschaft möglich ist. Diese Zeugnisse gelingender Ehe gilt es stärker bekannt und bewusst zu machen. Wir dürfen sie dankbar annehmen. Dabei ist uns sehr wohl bewusst: Wir sehen die Realität, aber wir sehen auch, was uns von Gott im Sakrament der Ehe zugetraut wird.

domradio.de: Sie sprachen es ja eben selbst an, dass der gesellschaftliche Rückhalt für die katholische Position durchaus schwindet. Nach einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sehen 88% der Befragten in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft mit Kindern eine Familie. Wie wollen Sie hier die katholische Position darlegen angesichts eines in der Gesellschaft immer mehr schwindenden Rückhalts?

Bischof Tebartz-van Elst: Indem wir deutlich machen, was gerade das Unverwechselbare von christlich gelebter Ehe und Familie ist: Als Sakrament ist die Liebe und Treue der Ehepartner Zeichen für die dauerhafte Liebe und Treue Gottes zu uns Menschen. Auch die Offenheit für Nachkommenschaft, die Möglichkeit, Kindern das Leben zu schenken, ist nun einmal etwas Wesenhaftes für christliche Ehe und Familie. Darin erleben Ehen und Familien einen Zugewinn, sie erfahren Verbundenheit, Verlässlichkeit und vorbehaltlose Solidarität. Auf alle diese Aspekte können wir von unserer Glaubensüberzeugung her nicht verzichten. Ich sehe es als eine Aufgabe der Katholischen Kirche, diese Überzeugungen immer wieder zu begründen, damit sie nachvollziehbar und verständlich werden, auch durch überzeigende Beispiele und Zeugnisse gelingender christlicher Ehe und Familie.

domradio.de: Sie sprachen gerade von der Offenheit für Nachkommenschaft. Es gibt aber auch verschiedengeschlechtliche Ehepaare, die das ganz bewusst ausschließen. Wie sieht die katholische Position hierzu aus?

Bischof Tebartz-van Elst: Die Offenheit für Nachkommenschaft ist schon etwas Wesenhaftes einer sakramentalen Ehe und Familie. Es gibt sehr viele Ehen, die darunter leiden, dass sie keine Kinder bekommen können. Dennoch hat auch die Ehe an sich einen hohen Wert als Zeugnis von lebenslang gelebter Treue. Auch sie sind in ihrem Zeugnis ein großer Reichtum für die Kirche und die Gesellschaft, das ist selbstverständlich. Die Offenheit für Nachkommenschaft, das „Ja“ zum Leben, das Leben weiterzugeben, darauf ist unsere Gesellschaft angewiesen.

domradio.de: Es gibt auf katholischer Seite durchaus auch differenzierte Betrachtungen: Der Berliner Kardinal Woelki und auch der verstorbene Mailänder Kardinal Martini haben sich einmal dahingehend geäußert, dass zumindest die gelebte Treue auch in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften zu schätzen sei. Wäre dies nicht ein erstes Aufbrechen verhärteter Fronten?

Bischof Tebartz-van Elst: Wo Menschen in Notsituationen, bei Krankheit oder anderen Situationen der Schwäche Verantwortung füreinander übernehmen, stellt das einen ganz hohen Wert dar, der nicht in Abrede gestellt werden darf. Dabei darf es jedoch nicht zu einer Verwechslung mit dem kommen, was wir als das Ursprüngliche, Eigene und Wesentliche von Ehe und Familie verstehen. Treue hat immer einen hohen Wert, dennoch ist uns als Katholischer Kirche wichtig, dass es dabei nicht zur Verwechslung mit einer Ehe in ihrer sakramentalen Bedeutung kommt.

domradio.de: Nikolaus Schneider rechnet mit Kritik an dem Papier, mahnt aber, diese Fragen mit Hinblick auf das ökumenische Verhältnis nicht allzu sehr hochzuziehen. Wie sehen Sie die Zukunft der ökumenischen Arbeit zwischen evangelischer und katholischer Kirche in Deutschland?

Bischof Tebartz-van Elst: Es ist wichtig und hat sich bewährt, dass wir regelmäßig miteinander im Gespräch sind – auch da, wo es kontroverse Überzeugungen gibt. Sorge bereitet mir zu sehen, wie wir schon vor Jahren, z.B. bei bioethischen Herausforderungen, nicht mehr zu gemeinsamen Standpunkten gelangt sind. Wir kommen offenbar bei essentiellen Fragen, zu denen das Zeugnis von Christen in unserer Gesellschaft gefragt ist, immer weniger zusammen. Ich halte es für wichtig, dass wir im Gespräch darüber sind, aber würde mir wünschen, dass wir auch inhaltlichen näher zusammenkämen. Gerade der biblisch bezeugte Wert von lebenslanger Treue in Ehe und Familie müsste doch eine höhere Wertschätzung erfahren.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(dr)

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