17.12.2012

Ruhrbischof für Kitas mit Nachtöffnung "Es gibt nicht nur heiles Leben"

Kinder bekommen wird immer unattraktiver, so eine neue Studie. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck sieht Familien heute vor großen Herausforderungen - und schlägt Lösungen in der Betreuungfrage vor.

KNA: Herr Bischof, an Weihnachten steht wieder die heilige Familie im Mittelpunkt - mit dem Kind Jesus, der Mutter Maria und dem Vater Josef. Ist eine solche vollständige Familie heute nur noch Sozialromantik?

Overbeck: In Jesus und seinen Eltern begegnet uns sicher die Idealform geglückten Lebens von Ehe und Familie - mit starken Bindungen untereinander und füreinander. Von daher finde ich das Wort Sozialromantik viel zu negativ. Aber natürlich werden die kirchlichen Ideale von Ehe und Familie leider oft nicht erreicht, weil es eben nicht nur heiles Leben gibt. Das ist die Realität. Die diesjährige Familienkampagne des Ruhrbistums wollte unter anderem gerade bei schwierigen familiären Verhältnissen den Zusammenhalt fördern und besonders die Kinder stärken.

KNA: Was halten Sie von der Definition: Familie ist überall dort, wo Kinder sind?

Overbeck: Diese Aussage beschreibt nicht die ganze Wirklichkeit. Es reicht nicht nur, von den Kindern zu reden. Eine gute Beziehung zwischen Vater und Mutter gehört dazu - auch wenn wir wissen, dass viele Paarbeziehungen zerbrechen, neue Verbindungen entstehen oder Mütter und Väter ihre Kinder allein erziehen.

KNA: Sie haben betont, dass das Familienmodell des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verabschieden sei. Was meinen Sie damit?

Overbeck: Die frühere Rollenverteilung, wonach der Mann berufstätig ist und die Frau sich vornehmlich um die Kindererziehung kümmert, gibt es so nicht mehr. Daran festhalten zu wollen, wäre in der Tat Sozialromantik. Die Bildungsmöglichkeiten der Frauen und ihre Einbeziehung in den Arbeitsprozess haben das Familienbild grundlegend verändert...

KNA:  ...was bedeutet, dass die Väter mehr Verantwortung für die Kindererziehung haben?

Overbeck: Zum Beispiel.

KNA: Die Politik bemüht sich krampfhaft, die Betreuung für Unterdreijährige auszubauen. Sind mehr Krippenplätze gut oder schlecht für die Gesellschaft?

Overbeck: Mal ist es besser, mal gar nicht nötig. Das muss man sehr differenziert sehen. Pädagogen sagen, dass es für die Entwicklung der Kinder gut ist, wenn es in ihren ersten Jahren eine starke Bindung an Vater und Mutter gibt. Dem schließe ich mich an. Und in vielen Familien ist das auch möglich. Aber nicht immer lassen die Umstände diese ideale enge Bindung zwischen Kindern und Eltern zu. Ich weiß aus meinem eigenen Bistum, dass es oft gut ist, wenn Kinder unter drei Jahren nicht zu Hause bleiben müssen, sondern in Krippen gut betreut werden. Die Form der Betreuung hängt ganz von den jeweiligen Umständen ab. Deshalb plädiere ich dafür, eine Wahlmöglichkeit zu schaffen.

KNA: Sie haben sich sogar für Kitas ausgesprochen, die auch in der Nacht geöffnet sind und Kinder rund um die Uhr betreuen. Warum?

Overbeck: Ein Blick in unser Bistum zeigt, dass manche Kinder alleine gelassen werden, weil ihre Väter und Mütter nachts arbeiten müssen. Da braucht es doch Orte, wo Kinder einen verlässlichen Ansprechpartner haben - gerade dann, wenn ein Alleinerziehender überfordert ist oder die sozialen Beziehungen schwierig sind.

KNA: Fürchten Sie nicht die Kritik, dass die Erziehung damit verstaatlicht wird?

Overbeck: Ich rede nicht der staatlichen Erziehung das Wort. Es geht darum, besonders gefährdeten Kindern einen Schutzraum zu bieten und für Eltern eine Möglichkeit zu schaffen, bei bestehender Notwendigkeit ihr Kind in gute Hände zu geben.

KNA: Mehr Kita-Plätze bedeutet zugleich, dass mehr Eltern für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Hat der Krippenausbau nicht mehr mit Wirtschaftsförderung als mit Familienpolitik zu tun?

Overbeck: Das lässt sich nicht immer so eindeutig bestimmen. Sicher gibt es in bestimmten Bereichen einen Arbeitskräftemangel, der durch den Krippenausbau gemindert werden soll. Aber auf der anderen Seite gilt es, eine politische Antwort auf die neuen Herausforderungen für Familien zu geben. Viele Frauen wollen eben beides, Mutter sein und einem Beruf nachgehen. Das verstehe ich.

KNA: Sehen Sie im Betreuungsgeld einen Weg, Familien zu stärken?

Overbeck: Das Betreuungsgeld erhöht die Wahlmöglichkeit für Eltern, die ihre Kinder selbst erziehen und ihre Verantwortung dafür auch übernehmen können.

KNA: Also keine Herdprämie?

Overbeck: Das ist ein unsinniges Wort. 

Das Gespräch führte Andreas Otto.

(KNA)

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