Geschichte des Impfens
Geschichte des Impfens

27.05.2021

Kampf gegen die Geißeln der Menschheit Eine kleine Geschichte des Impfens

Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten treffen sich am Donnerstag zum Impfgipfel. Es geht um das Impfen von Jugendlichen und den digitalen Impfnachweis. Aus diesem Anlass eine kleine Geschichte des Impfens.

Pocken, Tuberkulose, Diphtherie, Masern: Bis weit ins 19. Jahrhundert waren Infektionskrankheiten und Wundinfektionen weltweit Todesursache Nummer eins. "Die Pocken waren immer da, füllten die Kirchhöfe mit Leichen, peinigten den Verschonten mit ständiger Angst, hinterließen an dem mit dem Leben Davongekommenen die scheußlichen Spuren ihrer Macht", so schilderte der englische Geschichtsschreiber Thomas Macaulay (1800-1859) die Auswirkungen der auch als "Blattern" bezeichneten Krankheit.

Seuchenbekämpfung schon weit vor Christus

Dabei hatten Menschen schon weit vor Christi Geburt beobachtet, wie man der Seuche Herr werden könnte. Aus Indien, China oder Konstantinopel gibt es Berichte, dass Personen, die eine Infektionskrankheit überstanden hatten, vor weiteren Ansteckungen geschützt waren. Der gleiche Effekt trat ein, wenn man Gesunde mit abgeschwächten Formen des Erregers in Kontakt brachte. In China verrieb man bereits 1.000 Jahre vor Christus eingetrocknete Pockenkrusten im Mörser und verabreichte den Staub als Schnupfmittel.

Im Zeitalter der Aufklärung lösten solche Berichte in Westeuropa eine Forschungswelle aus. Den Durchbruch schaffte 1796 der englische Landarzt Edward Jenner: Er erkannte, dass Landarbeiter, die sich mit harmloseren Kuhpocken infiziert hatten, gegen die Menschenpocken immun waren.

Die Mechanismen hinter Krankheiten

Es dauerte aber noch bis weit ins 20. Jahrhundert, bis Wissenschaft und Medizin die dahinter liegenden Mechanismen verstanden. 1864 präsentierte der französische Chemiker Louis Pasteur mit der Keimtheorie eine Erklärung für die Seuchen. 1876 erbrachte Robert Koch in Berlin den Nachweis, dass Bakterien Milzbrand auslösten, 1881 folgte der Nachweis für Tuberkulose. 1884 heilte Pasteur zum ersten Mal einen mit Tollwut infizierten Patienten durch eine Impfung. 1890 entdeckte der Mediziner Emil von Behring zusammen mit Kollegen die passive Immunisierung. Zusammen mit Paul Ehrlich entwickelten sie Impfstoffe gegen Diphtherie und Wundstarrkrampf.

Die Entdeckung des Virus

Den Viren kam die Wissenschaft erst im 20. Jahrhundert auf die Spur: 1935 entdeckte der US-Amerikaner Wendell M. Stanley unter dem Lichtmikroskop an kranken Tabakpflanzen kleine kristallnadelartige Gebilde, die er Virus (lat. Gift) nannte. Mit dem 1940 entwickelten Elektronenmikroskop ließen sich auch menschliche Viren erforschen und Impfstoffe entwickeln.

Nach und nach begannen die europäischen Staaten mit Impfprogrammen - in Deutschland zuerst 1807 in Hessen. Die Reichsregierung erklärte 1874 die Pockenimpfung zur Pflicht. Doch von Anfang an gab es auch Widerstand: Impfungen seien erstens gesundheitsschädlich oder zweitens nicht wirksam. Erste Impfgegner-Organisationen in Deutschland wurden 1869 in Leipzig und Stuttgart gegründet. In der Weimarer Republik hatte der Reichsverband zur Bekämpfung der Impfung rund 300.000 Mitglieder.

In der Tat wurden immer wieder durch mangelnde Hygiene und Unkenntnis Krankheiten auf die Geimpften übertragen; auch allergische Reaktionen sorgten für Todesfälle. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts erkannte man auch, dass bisweilen eine Zweitimpfung nötig war.

Skepsis gegenüber Impfungen

"Die Vorstellung, dass man sich etwas Krankmachendes einspritzt, um geschützt zu sein, das sorgt erst mal für Skepsis", sagt der Medizinhistoriker Malte Thießen. Impfungen seien geradezu perfekte Projektionsflächen für Skepsis gegenüber der Moderne oder radikale Verschwörungstheorien: Da ist die Pharmaindustrie, die die Seuche verbreitet, um dann Geld daran zu verdienen. Da ist der Staat, der die Bevölkerung unterjochen will. Und da ist die jüdische Weltverschwörung: Durch die Impfpflicht solle die Menschheit der "jüdischen Geldherrschaft unterworfen" werden.

Getrennte Wege beim Impfen nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging man in den beiden deutschen Staaten auch beim Impfen getrennte Wege. In der DDR wurde systematisch gegen Pocken, Diphterie, Tuberkulose und Co geimpft. Die Bundesrepublik setzte auf Aufklärung - wie der Slogan "Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam" zeigt.

Nach der Wiedervereinigung war der Impfzwang passe. Erst seit 2020 gilt eine Masern-Impfpflicht für alle nach 1970 geborenen Bürger, die in einer Gemeinschaftseinrichtung arbeiten oder dort betreut werden. Auch in medizinischen Einrichtungen und für Rettungsdienste gilt eine Impfpflicht.

Christoph Arens
(KNA)

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