Symbolbild Impfung
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01.02.2021

Pastoralpsychologe rät gegen Impfneid zu Gelassenheit "Mit Neid macht man sich das Leben schwer"

Mit Blick auf die Impfstrategie wird manch einer neidisch auf andere, die vorher geimpft werden sollen. Der Pastoralpsychologe Christoph Jacobs betrachtet das Phänomen des Impfneids und rät zu Gelassenheit, Solidarität und Geduld.

DOMRADIO.DE: Sprechen wir erst einmal über den Neid im Allgemeinen. Der Neid ist ja tatsächlich eine der sieben Todsünden. Warum ist das so?

Prof. Dr. Christoph Jacobs (Professor für Pastoralpsychologie und Pastoralsoziologie an der Theologischen Fakultät Paderborn​, Priester): Man nennt den Neid eine der sieben Todsünden, obwohl das eher eine ungenaue oder manchmal sogar falsche Bezeichnung ist. Man könnte sagen, als man den Neid die Todsünde genannt hat, würde man das als Marketing-Strategie bezeichnen. Eine Marketing-Strategie der Religion als Hilfestellung, um dem Menschen zu zeigen, dass der Neid etwas ist, was ihn fatal kaputt machen kann – deswegen Todsünde. Also nicht, weil der Neid irgendwie tödlich ist, aber einem so etwas das Leben kaputtmachen kann, das man eigentlich sagt: Halt die Finger davon!

DOMRADIO.DE: Gehört denn der Impfneid auch dazu – mal streng theologisch betrachtet?

Jacobs: Nein, selbstverständlich nicht. Impfneid, würde ich sagen, ist etwas, was sich aus Neid entwickelt. Und Neid kennt so viele Formen, wie es Dinge gibt, die man gerne haben möchte – zum Beispiel die Impfung.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Sie das denn aus der Sicht des Psychologen? Wenn Sie mal die Leute betrachten, die sagen: "Ja, ich bin vielleicht ein bisschen neidisch, dass andere Leute zuerst dran sind."

Jacobs: Ich würde sagen, das ist zunächst einmal etwas sehr Verständliches. Denn: Was ist denn eigentlich der Neid? Der Neid ist ein aggressives, manchmal sogar sehr dauerhaftes Gefühl, das einem anderen einen Besitz verübelt oder etwas verübelt, was er bekommt. Und zwar etwas, was ich mir selber wünsche. Also ich wünsche mir jetzt den Impfstoff und ich kriege ihn nicht oder ich kriege ihn nicht so schnell, wie der andere ihn kriegt. Deswegen kriege ich das Gefühl des Zu-kurz-Kommens. Das ist tatsächlich eine psychologische Realität, dass wir alle das Zu-kurz-Kommen kennen.

DOMRADIO.DE: Wie würden Sie denn aus psychologischer Sicht darüber denken, wenn es jetzt so wäre, dass die Geimpften zum Beispiel wieder früher in Kinos oder ins Restaurant gehen dürfen, dass sie also mehr Privilegien hätten? Wie wäre das dann?

Jacobs: Dann würde vermutlich das Gefühl des Neides bei vielen wachsen, obwohl ich persönlich dem relativ gelassen gegenüberstehen würde. Ich würde dann sagen: Das ist jetzt so entschieden – und dann muss ich mich fügen. Ich selber gehöre nicht zu denen, die sofort geimpft werden und deswegen stelle ich mich auf viele Möglichkeiten ein. Also Neid ist so etwas Normales.

Allerdings möchte ich darauf aufmerksam machen: Mit Neid macht man sich das Leben schwer. Also ich gucke gar nicht so sehr auf das, was ich dann nachher kann oder nicht kann, sondern ich würde jedem raten, mit dem eigenen Neid vorsichtig umzugehen. Denn an Neid kann man ziemlich krank werden. Das ist die psychologische Realität.

DOMRADIO.DE: Dann schauen wir einfach mal darauf, wie man am besten damit umgeht. Was schlagen Sie vor? Wie gehen wir mit den Impfneidern auch als Christen ethisch korrekt um?

Jacobs: Zunächst mal würde ich ganz einfach nüchtern sagen: Ich werde neidisch, andere werden neidisch – und damit muss ich umgehen. Diese Art von Gelassenheit, die würde ich jedem raten. Das heißt, wenn mir jemand neidet, dass ich vor jemandem geimpft werden würde, würde ich sagen: Ja, das kann ich verstehen, dass es so ist bei dir.

Umgekehrt würde ich bei jemandem, den ich sehe, der eher geimpft wird, auch sagen: Ja, nun, dann ist der nun mal eher dran. Also diese Art von Gelassenheit einzuüben ist, glaube ich, überhaupt für das Leben des Menschen etwas ganz Wesentliches. Und außerdem muss ich mir sagen: So ganz gerecht kann es auf der Welt gar nicht zugehen. Das ist auch eine nüchterne Einsicht eines Psychologen – und dann natürlich auch eines Theologen.

DOMRADIO.DE: Was würden Sie denn Gesundheitsminister Spahn und den anderen Entscheidern in der Politik vorschlagen, um Ruhe in diese ganze Diskussion zu bringen?

Jacobs: Als Theologe und Psychologe Politikern etwas zu raten, da wäre ich sehr vorsichtig. Zunächst einmal wäre ich erst einmal sehr bescheiden. Politik zu machen, ist etwas ganz Schwieriges. Ich würde aber zunächst einmal sagen, auch aus psychologischer Perspektive: Am ehesten beruhigt, wenn Menschen das Gefühl haben, hier wird sich um Gerechtigkeit bemüht. Also ich glaube, das ist das Wichtige, also dass die Politikerinnen und Politiker sagen: Wir bemühen uns um diese Gerechtigkeit – das ist etwas ganz Wesentliches.

Zweitens: Menschen hilft es immer, wenn klar kommuniziert wird, was Sache ist. Also ich muss die Regeln klarstellen. Ich darf keine Unsicherheiten bei den Leuten hinterlassen. Neid entsteht vor allem dann, wenn Leute spüren: Ich habe über das, was mir passiert, überhaupt keine Kontrolle. Was Drittes würde ich auch noch empfehlen, denn Neid ist etwas, was die Beziehung von Menschen richtig vergiften kann. Ich muss Neiddebatten tatsächlich unterbinden. Ich muss Ressentiments gegen andere Personen oder Bevölkerungsgruppen oder sogar Völker unterbinden. Und vor allem muss ich versuchen, Solidarität zu schaffen.

Das scheint mir etwas in der gegenwärtigen Situation etwas ganz Wichtiges zu sein. Wir müssen uns nicht darüber streiten, wer eher geimpft wird, sondern wie wir die Pandemie unter Kontrolle kriegen. Das können wir nur solidarisch. Und ich würde noch einen fünften Punkt sagen, der mir in den letzten Monaten sehr wichtig ist: Wir müssen Geduld schaffen.

Das Interview führte Michelle Olion.

(DR)

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