In der Corona-Zeit kommt sie irgendwann: die Langeweile
In der Corona-Zeit kommt sie irgendwann: die Langeweile
Bruder Paulus Terwitte
Bruder Paulus Terwitte

17.01.2021

Wie wir die Langeweile in der Corona-Zeit nutzen können "Ordnung schafft Seelenruhe"

Viele Menschen reißt die Corona-Krise aus dem Alltag, manche stürzen ohne geordneten Tagesablauf in ein Loch. Gerade jetzt sind wir angehalten, unsere Zeit selbst einzuteilen, meint Bruder Paulus Terwitte. Denn das kann Freiheit und Seelenruhe bringen.

DOMRADIO.DE: Sie sind vergangenes Jahr in den Vorruhestand gegangen – ist Ihnen nicht langweilig?

Bruder Paulus Terwitte OFMCap (Kapuzinerbruder und Vorstand der Franziskustreff-Stiftung in Frankfurt): Nein, ich bin gar nicht in einer langweiligen Situation, weil ich ja noch Vorstand der Franziskustreff-Stiftung bin. Wir haben ein Obdachlosenfrühstück und es ist gerade jetzt in Corona-Zeiten eine besondere Herausforderung, Wohltäterinnen und Wohltäter anzusprechen, die die Mehrkosten mit uns decken und dann auch entsprechende Presseanfragen zu bedienen und so weiter und so weiter.

Ich habe mehr Seelsorgeanfragen von Menschen, die sich fragen, wie sie mit der Zeit umgehen sollen, die auch in den stillen Zeiten plötzlich an Themen in der Seele herankommen, die da geschlafen haben und jetzt plötzlich wieder hochkommen. Sinnfragen, Glaubensfragen. Also bei uns steht eigentlich der E-Mail-Eingang und das Telefon gar nicht still.

DOMRADIO.DE: Welche Chancen liegen denn in einem Alltag, der so monoton und strukturiert ist wie in einem Kloster?

Bruder Paulus: Das ist schon die erste Antwort, dass Menschen, die in diesen Corona-Zeiten mehr auf sich gestellt sind, ihre Zeit strukturieren sollen. Machen Sie sich bitte einen Stundenplan. Stehen Sie morgens um sieben Uhr auf. Duschen Sie sich. Ziehen Sie sich an. Richten Sie das Frühstück. Beginnen Sie mit dem Morgengebet. Hören Sie DOMRADIO.DE um acht Uhr und den Tagesimpuls. Geben Sie Ihrem Tag eine Struktur und lassen Sie sich davon nicht abbringen.

Und das zweite ist, dass man sich nochmal genauer überlegt: Was wollte ich eigentlich immer schon machen und habe es aufgeschoben, weil ich keine Zeit hatte. Und dann kann ich mal anfangen. Es haben in diesen Monaten Leute angefangen ihre Biografie zu schreiben, haben ihre Malsachen herausgeholt, wieder neu Musik gemacht, haben ihr Fotoalbum mal geordnet für die nachfolgenden Generationen. Es gibt viele Dinge zu tun, die uns einfach zeigen, wie reich unser Leben ist. Und wenn wir Zeit haben, dann können wir es richtig genießen.

DOMRADIO.DE: Das heißt also, wir müssen unseren Alltag strukturieren, dann wird es nicht langweilig. Mussten Sie erst lernen, was Sie durch das Leben als Mönch gewinnen?

Bruder Paulus: Ja. Als ich eingetreten bin, war ich ja noch sehr jung. Mit 19 war das erst mal eine Last. "Ach, du liebes bisschen. Morgens, mittags, abends immer das Gleiche." Und dann habe ich plötzlich gemerkt, das ist der Rahmen, in dem Freiheit sich bewegt. Denn wenn ich mich jede Minute frage: Was mache ich jetzt? Was soll ich machen? Da kommen wir nicht weiter.

Wenn jemand festgelegt hat, ich beginne um halb zwölf mit dem Kochen und esse um halb eins und dann spüle ich ab und um zwei Uhr lese ich einen Roman, um drei Uhr nehme ich mir einen Kaffee. Wenn jemand anfängt, seinem Leben einen solchen Ablauf zu geben, dann wird das Leben plötzlich wieder selbstbestimmt. Ich habe das Gefühl, dass ich dann das tue, was ich selber vorbereitet habe. Und ich kenne Menschen, die haben da schon sehr viel Ruhe gefunden, indem sie sich eine Ordnung gegeben haben.

DOMRADIO.DE: Was machen Sie denn, wenn Ihnen mal langweilig wird, wenn während oder vor einem Gebet die Zeit lang wird?

Bruder Paulus: Ich sorge sozusagen sogar dafür, dass mir langweilig wird. Freitags bis samstags steht in meinem Kalender TMM - "Termin mit mir". Da ist vorprogrammiert, dass mir langweilig wird. Und dann freue ich mich auch, dass mir langweilig wird. Denn dann dehnt sich die Zeit. Und dann habe ich irgendwie das Gefühl, ich lebe intensiver und länger. Ich finde das eine sehr, sehr schöne Erfahrung und überhaupt nicht bedrohlich, sondern sie gehört mit zum Leben.

Anders ist ja die stille Zeit der Meditation. Wenn ich mich vertiefe in Gott und im Gebet, da vergeht die Zeit wie im Fluge, wie als würde man mit seinem geliebten Menschen auf einer Parkbank sitzen. Und nach zwei Stunden hat man gar nicht gemerkt, dass sie schon vorbei sind.

DOMRADIO.DE: Wie kommen Sie denn mit den Corona-Einschränkungen klar?

Bruder Paulus: Für mich ist es sehr, sehr schwer, dass ich Leute nicht richtig umarmen kann, begrüßen kann, dass der Friedensgruß nicht gegeben wird. Wir dürfen nichts singen im Gottesdienst. Das sind schon asketische Herausforderungen, die auch einem Menschen wie mir, der das Ordensleben gewohnt ist, einiges abverlangen.

Aber diese gemeinsame gesellschaftliche Askese bringt uns hoffentlich dazu, wenn wir wieder machen dürfen, dass wir da nicht anfangen, in eine hysterische Betriebsamkeit zu fallen, hysterisch verreisen, hysterisch einkaufen, sondern uns genauer überlegen wollen, wie wir wirklich wieder loslegen. Oder sollten wir nicht, wie nach einer guten Fastenzeit, unserem Leben eine neue Orientierung geben? Ich hoffe darauf, dass die Themen Klima, Gesundheit und gesellschaftliches Miteinander von ganz neuer Qualität sein werden.

DOMRADIO.DE: Können Sie verstehen, dass es Menschen immer schwerer fällt, eine Freizeitbeschäftigung zu finden - jetzt in Corona-Zeiten?

Bruder Paulus: Auf jeden Fall. Ich glaube, genauso wie man sagt, Not lehrt Beten. Und das stimmt gar nicht. Denn Not lehrt nicht beten, sondern Not zeigt dem, der nicht beten gelernt hat, wie hilflos er eigentlich in dieser Not ist. Und hoffentlich hat er gute Lehrerinnen und Lehrer. Die Online-Angebote der Kirchen sind ja auch deswegen gestartet, um diesen Menschen eine Hand zu reichen. So ist es auch mit Menschen, die jetzt in Corona-Zeiten Langeweile erleben. Man kann auch sagen: Viel Zeit lehrt nicht unbedingt, dass man die auch sinnvoll füllt, wenn man vorher nicht sinnvoll die Zeit gefüllt hat.

Da kann ich wirklich nur sagen: Leute, geht zurück in euer Leben, schaut, was ihr vielleicht sogar vergessen habt. Ihr habt mal Musik gemacht, ihr habt mal Gedichte geschrieben, ihr habt mal gemalt, ihr habt mal lange telefoniert. Das war alles mal eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung und eben nicht nur raus, raus, raus, weg, weg, weg, Autobahn, Autobahn, Flugzeug, Zug und wieder zurück. Nein, es gab auch mal eine Zeit, in der die Zeit langsamer war. Und ich finde, das hat Qualitäten und da muss man einfach ein bisschen wieder zurück graben in dem, was man schon getan hat. Und dann wird man, denke ich, fündig werden.

Das Interview führte Katharina Geiger.

(DR)

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