Eine verzweifelte Person in einem Krankenhausbett
Eine verzweifelte Person in einem Krankenhausbett
Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl
Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl

18.12.2020

Bin ich "schuldig", wenn ich jemanden mit Corona infiziere? "Pauschales 'ja' oder 'nein' nicht möglich"

Gedankenexperiment: Ein Sohn besucht seine alten Eltern. Kurz darauf stirbt der Vater an Covid-19, danach noch die Mutter und auch noch der Nachbar. Sind Schuldgefühle angebracht? Eine Moraltheologin antwortet.

DOMRADIO.DE: Der Sohn kämpft dann nicht nur selbst gegen die Krankheit, sondern auch noch gegen schlimme Schuldgefühle. Zu Recht? Wenn er sich doch an die Hygiene-Regeln gehalten hat, dann muss er sich doch eigentlich keine Vorwürfe machen, oder?

Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl (Moraltheologin Uni Augsburg und Mitglied im Deutschen Ehtikrat): Das ist damit nicht gesagt. Dass man sich an die Hygiene-Regeln hält, ist das Minimum. Nur weil man sich an die Hygiene-Regeln hält, ist diese Pandemie noch nicht bekämpft.

Man bräuchte für die Antwort auf diese Frage mehr Details. Grundsätzlich soll man seine direkten physischen Kontakte auf das absolute Minimum beschränken. Man braucht also gute - ich würde fast schon sagen, schwerwiegende - Gründe momentan, um jemanden von Angesicht zu Angesicht in einem Raum zu besuchen, gerade ältere Menschen. Die Einsamkeit eines Angehörigen kann einen Grund darstellen, den es abzuwägen gilt. Aber das muss dann schon mehr sein als: Es wäre ja mal wieder schön, sich zu sehen.

Und man muss die Frage stellen: In welchem Kontext hat sich der Mann, der seine Eltern besucht, bewegt? War er viel im Homeoffice? Hat er gar keine Kontakte gehabt? Oder arbeitet er berufsbedingt in einem Feld, wo er viele Kontakte zu anderen Menschen hat? Also ein pauschales "Ja" oder "Nein" ist hier nicht möglich. Aber zu viel individuelle Schuldzuweisungen sind grundsätzlich immer problematisch.

DOMRADIO.DE: Sie sagen schon, die Frage lässt sich nicht so leicht beantworten. Trotzdem wird der Mann sich sicher viel mit dem Gedanken quälen: "Wäre ich nicht hingefahren, würden die drei noch leben!" Wie kann er mit diesen Gefühlen denn umgehen?

Schlögl-Flierl: Also im Christentum gibt's grundsätzlich die Option der Klage. Also das sinnlose stehen lassen und Benennen - neben Bitte und Dank - diese große Klageform auch, die wir im Christlichen haben. Aber natürlich auch das Thema: Vergebung, Beichte, Beichtgespräch und die Phasen der Versöhnung. Das Christentum bietet hier auch Wege, um sich wieder selbst mit sich selbst versöhnen. Aber natürlich, das Fallbeispiel geht ja weiter, es geht ja nicht nur um die eigenen Eltern, sondern auch um den Nachbarn, den er anscheinend angesteckt hat oder der auch angesteckt wurde. Ganz grundsätzlich: Seelsorgerliche Begleitung ist hier sicherlich gefragt.

DOMRADIO.DE: Ist es überhaupt denn angemessen, im Zusammenhang mit der Übertragung einer Krankheit von Schuld zu sprechen?

Schlögl-Flierl: Wiederum eine schwierige Frage. Vielleicht ist grundsätzlich wichtig, verschiedene Formen von Schuld zu unterscheiden: Also rechtliche Schuld, ethische Schuld und Schuldgefühle. Die plagen den Mann in diesem Beispiel. Wenn es ethische Schuld wäre, wäre das zum Beispiel aus Fahrlässigkeit oder sogar Vorsätzlichkeit, also einen Schaden ohne rechtfertigen Grund wissentlich und freiwillig zu begehen. Aber ich würde in dem Fall eher von Verantwortung sprechen. In Zeiten der Pandemie ist die Verantwortung eigentlich mein Leitbegriff. Man soll sich sorgfältig überlegen, mit wem man wie sich trifft. Vielleicht ist auch ein Spaziergang mit viel Abstand und Maske angebrachter als ein Besuch zu Hause.

DOMRADIO.DE: Viele von uns geraten ja in diesen Tagen gerade in einen Gewissenskonflikt. Also: Besuche ich einen einsamen alten Verwandten und riskiere vielleicht eine Ansteckung - oder besuche ich ihn nicht und riskiere, dass er vor lauter Einsamkeit dahinstirbt? Was soll man da tun?

Schlögl-Flierl: Also mit dem dahin sterben haben wir schon genau dieses Problem getroffen. Wie schätzt man ein, wie schwerwiegend diese Einsamkeit ist? Kann man dem auch mit Briefen, Telefonaten, Essen oder vor der Tür begegnen? Ganz grundsätzlich: Mit der Freiheit umzugehen bedeutet, in diesen Tagen, ein Risiko einzugehen. Das muss man dann ertragen - und auch die Konsequenzen.

Es gibt einfach gerade nicht den Punkt dieser absoluten Sicherheit. Auch wenn man sehr vorsichtig ist. Und das ist das, was uns auch herausfordert. Und ja, ich würde sagen, es ist ein Gewissenskonflikt. Das Gewissen ist bei Augustinus die Stimme Gottes im Menschen. Also der Inbegriff personaler Instanz. Wir müssen reinhören, was wir verantworten können: Vor uns, vor den anderen und vor Gott. Und natürlich würde ich auch sagen: Was will denn der andere oder die andere. Welche Wünsche bestehen überhaupt? Und, vielleicht kann man sich ja einigen auf einen Termin in einer wärmeren Jahreszeit draußen, um es alles auch mit dem Gewissen zu klären.

DOMRADIO.DE: Als die Infektionszahlen wieder anfingen zu steigen, da standen in der öffentlichen Wahrnehmung ja schnell junge Leute und ihre angebliche Feiersucht am Pranger. Ist das so eine unmenschliche Sehnsucht, jemandem die Schuld zuschieben zu wollen?

Schlögl-Flierl: Man merkt hier schon den modernen oder postmodernen Unschuldswahn. Niemand will es gewesen sein. Aber das Wegschieben von Schuld ist kein Phänomen der Moderne, sondern das steht ja schon in der Bibel. Und wie es in der biblischen Logik dann heißt: Ein Thema, das nicht nur der Vergangenheit angehört, sondern auch immer und jetzt aktuell ist.

Vielleicht kann ich so viel sagen, weil Sie genau die Jugend ansprechen: Ich finde sie momentan sehr verantwortungsvoll. Also, wenn ich nur die Studierenden anschaue, die ich in meinen Vorlesungen habe – die verbringen ihre ganzen Tage am Laptop mit reduzierten soziale Kontakte. Das ist sicherlich nicht einfach. Zudem finde ich es gerade ganz schwierig, jemanden als schuldig zu bezeichnen.

Das Interview führte Julia Reck

(DR)

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