Die "ganz offene Tür" ist eine Anlaufstelle für Jugendliche
Die "ganz offene Tür" ist eine Anlaufstelle für Jugendliche
Digitale Angebote sind nicht das gleiche
Digitale Angebote sind nicht das gleiche

18.12.2020

Gefährdete Jugendliche leiden besonders unter Lockdown "Ganz offene Tür" wieder geschlossen

Einen Anlaufpunkt für Jugendliche, die sonst keinen ruhigen Ort haben, bietet die Caritas-Einrichtung "ganz offene Tür" in der Kölner Südstadt. Im Lockdown ist die Tür zu, was die Jugendlichen vor große Probleme stellt.

Jetzt ist sie also wieder zu – die "Ganz offene Tür", das Kinder- und Jugendzentrum der Caritas in der Kölner Südstadt. Was zwei Monate Lockdown im Frühjahr, der Sparbetrieb im Sommer und Herbst und der neuerliche Komplett-Lockdown für Langzeitfolgen für Jugendliche aus prekären Verhältnissen haben werden, ist noch gar nicht absehbar.

Teamleiter Jonas Bücker und seine Kollegen sorgen sich besonders um alle, die zu Hause unter beengten Bedingungen leben, und die sie mit ihren Online-Angeboten kaum erreichen. "Wer mit den Geschwistern ein Zimmer teilt und kein eigenes Smartphone hat, kann sich schlicht nicht ins Digitale zurückziehen", so der Pädagoge. Entgegen des Klischees des ständig am Handy hängenden Teenagers kennt er genug Jugendliche, die gar kein Endgerät haben. Dann erzählt er von einem jungen Mann, der auffällig verändert aus dem ersten Lockdown zurück ins GOT kam. War er zuvor aktiv und aufgeweckt gewesen, machte er jetzt einen niedergeschlagenen Eindruck. Im GOT steuerte er jedes Mal direkt die PlayStation an und blieb eine Stunde lang stumm davorsitzen. "Ich habe zu Hause keine Minute Ruhe", erzählte er den Betreuern.

Raum zur Entfaltung

Jugendzentren bieten jungen Leuten dringend benötigte Räume zur Entfaltung und Entwicklung; fallen diese -  so wie jetzt -  weg, kann das für die Betroffenen auch ganz handgreifliche Folgen haben, sagt Jonas Bücker. Schließlich werden Jugendeinrichtungen oft genug zu Fluchtorten – auch vor häuslicher Gewalt.  Von besonders belastenden Erfahrungen wie Misshandlung oder Missbrauch erzählen Jugendliche, so die Erfahrung, falls überhaupt nur dann, wenn ihnen ein vertrauter Mensch direkt gegenübersitzt. Natürlich versuchen die Betreuer vom GOT-Team, auch über Telefon, Mail und soziale Medien Ansprechpartner zu bleiben. "Den persönlichen Kontakt können wir so aber niemals ersetzen", stellt Jonas Bücker klar.

Was ihn an der öffentlichen Corona-Debatte stört, ist, dass Jugendliche dort eigentlich nur als Schülerinnen und Schüler vorkommen. Die vielen Diskussionen ums Homeschooling greifen in seinen Augen zu kurz; schließlich sei Bildung viel mehr als "einfach nur schreiben und lesen" auch die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit, an Positionen und Haltungen. Auch unterschwellige Vorwürfe, die jungen Leute verhielten sich in der Pandemie verantwortungslos und gefährdeten als potenzielle Super-Spreader die Anderen, findet Jonas Bücker höchst ungerecht. Er hat mit seinen Jugendlichen im GOT das Gegenteil erlebt. Leider allerdings auch, dass viele ihre frühere Leichtigkeit verloren haben. Das, so meint er, habe sicher auch damit zu tun, dass sie nun nicht die Erfahrungen machen können, die sie naturgemäß in ihrem Alter machen sollten.

In der Phase der so genannten Adoleszenz sollten Mädchen und Jungen sich eigentlich langsam vom Elternhaus lösen, Kontakte zu Gleichaltrigen intensivieren, ihre Unabhängigkeit ausbauen und ihre Identität ausloten. All das ist unter Lockdown-Möglichkeiten kaum möglich.

Spätfolgen unklar

Und so ist für Pädagogen wie Jonas Bücker jetzt die große Frage, ob sich diese Versäumnisse wirklich werden nachholen lassen. Fest steht für sie dagegen, dass Angebote der offenen Jugendarbeit im kommenden Jahr wichtiger denn je sein werden. "Wir müssen die Folgen der Corona-Krise aufarbeiten!" Schließlich hätten junge Leute während der Pandemie erlebt, dass sie eigentlich keine Lobby haben, dass ihre Interessen in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielen. Das seien Erfahrungen von Machtlosigkeit und Ohnmacht gewesen, sagt Bücker: "Und das ist nicht gerade zuträglich für das, was wir uns von jungen Leuten wünschen: Engagement und die Bereitschaft sich einzubringen in Gesellschaft und Politik." Mit Sorge blickt Jonas Bücker auf die absehbaren Riesen-Löcher im Staatshaushalt. Einsparungen ausgerechnet im Bereich der Jugendarbeit wären gerade jetzt eine Katastrophe, davon ist er überzeugt.

Hilde Regeniter

(DR)

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