Kirchenhistoriker: Verschwörungstheorien in DNA abgespeichert

Die ewige Suche nach dem Sündenbock

Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann sieht in der Corona-Pandemie Parallelen zu früheren Seuchen. So habe es bereits zu Zeiten Martin Luthers Leugner und Verschwörungstheoretiker gegeben.

Darstellung eines Pestarztes im Mittelalter / © Viktor_LA (shutterstock)
Darstellung eines Pestarztes im Mittelalter / © Viktor_LA ( shutterstock )

"Mir ist aus Texten Martin Luthers bekannt, dass Leute auch in Pestzeiten auf Sicherheits- und Abstandsregeln pfiffen und fröhlich feierten und dies auch noch mit einer religiösen Begründung unterlegten." So etwas gebe es heute noch in evangelikalen Milieus. "Nach dem Motto: Wenn Gott will, dass wir sterben, dann sterben wir eben. Und wenn Gott will, dass wir leben, dann leben wir."

Die Suche nach dem Sündenbock

Während der großen Pestepidemie im 14. Jahrhundert hätten sich ebenfalls typische sozialpsychologische Wirkungsmechanismen gezeigt, sagte der evangelische Theologe. "Erstens sucht man einem Sündenbock. Es finden massive Judenverfolgungen und Judenpogrome statt." Ein anderes Phänomen seien sogenannte Geißlerzüge gewesen, Menschen, die der Meinung gewesen seien, dass der Zorn Gottes nur durch krasse Bußrituale abgewendet werden könne.

Wenn heute Verschwörungstheoretiker etwa behaupteten, dass Bill Gates die Corona-Pandemie in die Welt gebracht habe, weil seine Stiftung die Abgabe von Medikamenten fördert, sei dies sozialpsychologisch ein recht schlichter Mechanismus. "Unerklärliches wird auf eine vermeintlich rationale Ursache zurückgeführt", erläuterte Kaufmann. "Für jemanden, der religiös codiert ist, liegt das nicht fern. Zudem ist ein bestimmter Set von Verschwörungstheorien in der abendländischen DNA abgespeichert und hängt relativ häufig mit Antisemitismus zusammen."


Quelle:
epd