Eine Frau in der Kirche
Eine Frau in der Kirche
Christian Hermes
Monsignore Christian Hermes

25.11.2020

Plädoyer für Gottesdienste in der Kirche während Corona-Pandemie "Gemeinschaftsreligion" gibt Halt und Kraft

Es gibt umfassende Anti-Corona-Maßnahmen auf dem Weg zum Weihnachtsfest, aber die Kirchen bleiben für Gottesdienste geöffnet. Im SWR gab es dazu einen kritischen Kommentar. Stuttgarts Stadtdekan Christian Hermes hält dagegen.

DOMRADIO.DE: Sind wir als Christen bei Gottesdiensten von einer magischen Blase umgeben, die uns vor dem Coronavirus schützt, wie das der Kommentar im SWR meint?

Monsignore Christian Hermes (Stadtdekan von Stuttgart): Das ist natürlich Quatsch, was dieser Kommentator geschrieben hat. Ein Kommentar darf schon zuspitzen, darf auch kritisieren und Dinge aufs Korn nehmen. Aber hier wird einfach ein ganz altes, religionsfeindliches Schema bedient, wonach religiöse Menschen irgendwie ein bisschen doofer sind und an vorneuzeitliches, magisches Denken glauben würden. Und der Kommentar war dann einfach noch versehen mit einem Foto von mir, ungefragt natürlich. Da dachte ich, kommentiere ich das doch mal besser.

DOMRADIO.DE: Sie haben mir erzählt, das Foto wurde zwischenzeitlich auch ausgetauscht ...

Hermes: Ja, ich glaube, es wurde ausgetauscht. Aber es wäre mir eigentlich lieber gewesen, dass diese irrige Meinung ausgetauscht worden wäre, weil sie einfach nichts mit dem zu tun hat, was jedenfalls ich für die katholische Kirche sagen kann. Alles, was ich hier von den Kirchen - katholischen und evangelischen Kirchen, auch den anderen großen Religionsgemeinschaften - in unserer Stadt weiß, ist, wie verantwortungsvoll wir versuchen, in dieser Situation klarzukommen.

DOMRADIO.DE: Es gab aber einige Fälle, z.B. in Freikirchen, bei denen sich das Coronavirus in Kirchengemeinden deutlich vermehren konnte, oder?

Hermes: Ja, die gab es, die gab es auch im Frühjahr. Gleichwohl muss man natürlich sagen: Wenn wir diese Fälle jetzt auf die Zahl von Gottesdiensten hochrechnen, auf die Zahl von Infektionen insgesamt, dann sind die Religionsgemeinschaften keineswegs die Hotspots der Infektionen. Ganz am Anfang gab es diese Fälle. Wir haben inzwischen gelernt, wir haben überall sehr strenge Hygieneregeln. Und das ist auch die Voraussetzung, weshalb wir Gottesdienst feiern können. Genauso wie die Versammlungsfreiheit dort besteht, wo die Regeln eingehalten werden. Das ist auch richtig so. Aber zu unterstellen, dass religiöse Menschen verantwortungslos wären, finde ich schon ein dreistes Stück.

DOMRADIO.DE: Da der Trend der Neuinfektionen im Moment noch immer nicht gestoppt werden kann, obwohl Kinos, Theater und Restaurants geschlossen wurden, könnte der nächste Schritt sein, die Kirchen bis Weihnachten sicherheitshalber zu schließen, wenn sie ein weiterer Ort sind, an dem sich Leute treffen. Was halten Sie davon?

Hermes: Ich bin ja hier mitten in der Fußgängerzone in Stuttgart, auf der Königsstraße. Viele andere haben das genauso wie ich wahrgenommen, wenn wir uns die letzten Wochen angeschaut haben, dass alles Mögliche geschlossen war - es aber auf der Straße proppenvoll war und sich die Leute getroffen haben. Es hilft nun einfach nichts, das muss man schon klar sagen, in einer Form von Aktionismus einfach alles zu regeln und zu schließen, was man greifen kann, wenn das nicht wirklich eine Auswirkung auf die Infektionszahlen hat. Deshalb sehe ich zum Beispiel die Schließungen im Kulturbereich außerordentlich kritisch und habe dafür wenig Verständnis.

Die Politik hat gelernt, dass die Religion nicht nur ein Risikogebiet ist, sondern natürlich ganz vielen Menschen in dieser Zeit Halt und Kraft gibt, eine solche Krise zu überstehen. Das finde ich gut. Das bildet sich auch in dem Änderungsgesetz zum Infektionsschutzgesetz von vergangener Woche ab.

DOMRADIO.DE: Der Glaube kann Kraft geben. Ganz platt gesagt, kann ich glauben und beten auch zu Hause. Ich kann mir ja sogar zu Hause einen Gottesdienst angucken. Warum müssen die Menschen unbedingt physisch in die Kirche zur Heiligen Messe kommen können?

Hermes: Ein alter Kirchenlehrer hat mal gesagt: Ein Christ ist kein Christ. Es gilt für das Christentum, aber für andere Religionen genauso, dass wir eine Gemeinschaftsreligion sind, so wie wir Menschen auch Gemeinschaftswesen sind. Und ich glaube, das sagen uns ja auch die Psychologen und psychologischen Beratungsstellen, dass dieses Fehlen an menschlicher Begegnung nicht gut ist. Der Pandemie müssen wir sicher mit physischer Distanz begegnen, aber doch bitte nicht mit sozialer Distanz. Wir müssen uns gerade jetzt umeinander kümmern. Einen Gottesdienst zu besuchen, ist einfach wichtig, mit allen Vorsichtsmaßnahmen und mit Maske und Verzicht auf Gesang. Das ist ein Grundrecht, nicht nur der individuellen Religionsfreiheit, sondern auch der gemeinschaftlichen Religionsfreiheit, das wichtig ist für unsere Gesellschaft.

DOMRADIO.DE: In den vergangenen Monaten hat sich im kirchlichen Leben einiges verändert. Durch die physische Distanz und dadurch, dass in manchen Pfarrgemeinden die Digitalisierung Einzug gehalten hat, die es bisher nicht eingeführt hatten. Was, meinen Sie, bleibt von diesem Corona-Modus, wenn das Virus geht, in Bezug auf unsere Kirche?

Hermes: In allen Bereichen der Gesellschaft wie der Bildung in Universitäten, Schulen und dergleichen haben wir jetzt einen wahnsinnigen Digitalisierungsschub erlebt, schneller als uns lieb ist. Wir sind jetzt alle Meister darin, Videokonferenzen abzuhalten, Impulse und Gottesdienste zu streamen. Das hat mich sehr gefreut, auch die Phantasie, die unsere Mitarbeitenden dabei haben walten lassen. Ich glaube aber, neben dem technischen Fortschritt wird noch etwas anderes bleiben: Dass wir alle ein bisschen demütiger und ein bisschen sensibler dafür sind, in unserer Leistungsgesellschaft aufzupassen, niemanden zurückzulassen. Sodass wir füreinander da sind und ganz besonders einen Blick haben für die, die in einer solchen Situation geschwächt und gefährdet sind.

DOMRADIO.DE: Eine Gefahr gibt es doch noch: Die Vereinnahmung der Religion für politische Proteste. Bei fast jeder Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen kann man Menschen mit Kreuzen sehen, die mitmarschieren. Aber auch politische Proteste gegen den Braunkohle-Bergbau in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel werden mitunter als Gebete oder als Prozessionen durchgeführt. Müssten öffentliche Gottesdienste nicht allein deshalb verboten werden, damit sie nicht von irgendwelchen Gruppen missbraucht werden können?

Hermes: Nein, ich glaube, so ein Missbrauch und Menschen, die das Kreuz Jesu Christi missbrauchen, um damit irgendwelche politischen Ziele zu verfolgen, können nicht das Argument sein, um die Religion insgesamt zu diskreditieren. Aber Sie haben natürlich völlig recht, das wurde ja zum Teil auch schon im Frühjahr diskutiert: Ist das eine Strafe Gottes? Bestraft uns Gott durch das Coronavirus? Immer wieder kommen solche Fragen auf.

Die Kirchen hat man auch ein bisschen gescholten, sie hätten zu wenig theologische Deutung vorgenommen. Aber so einfach ist das eben nicht. Wir müssen mit aller Kraft der Vernunft, die dem Glauben nicht entgegensteht, sondern mit einem vernünftigen Glauben, solchen Instrumentalisierungen und Vereinnahmungen des Glaubens widersprechen und ganz klar schauen, welche Hintergedanken dahinterstecken. Also, ganz vereinfacht gesagt: Wenn sich jemand auf eine göttliche Kraft beruft, egal ob muslimisch oder christlich oder was auch immer, versucht er damit natürlich, Leute unter Druck zu setzen und eine magische Macht zu beanspruchen.

DOMRADIO.DE: Jetzt gibt es auch Gottesdienste, in denen es durchaus politische Themen gibt. Wenn ich an die Schöpfungsverantwortung denke oder ans Lebensrecht zum Beispiel. Wo ist denn die Grenze zwischen einem eher politischen Gottesdienst und einer Demonstration?

Hermes: Ich glaube, das muss man wirklich mit Blick auf das Ganze der Religionsgemeinschaft sehen. So haben das die Gerichte in Deutschland auch immer, wie ich finde, sehr fair und sehr klug gehandhabt. Ich erinnere mich an ein eher lustiges Beispiel: Es hatte sich die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters gegründet. Das ist natürlich eine reine Humor- und Parodie-Aktion. Da haben die Gerichte gesagt: Nee, ihr seid keine Kirche und das, was ihr feiert, ist nicht wirklich ein Gottesdienst. Die Gerichte sind ja auch nicht doof und die Gesellschaft auch nicht.

Dass eine Gruppe, die noch nie im engeren Sinne religiös aktiv war und plötzlich eine Veranstaltung, die vorher als Veranstaltung angemeldet war, als Gottesdienst anmeldet, das ist unglaubwürdig und leicht zu durchschauen. Umgekehrt müssen wir als Kirche natürlich auch darauf achten, dass unsere Gottesdienste eben nicht politische Kundgebungen sind, sondern tatsächlich Dienst an Gott. Und dieser Dienst an Gott ist immer auch politisch - und ein Dienst an den Menschen.

DOMRADIO.DE: Müsste sich die Kirche vielleicht auch ein bisschen mehr gegen solche politischen Vereinnahmungen wehren?

Hermes: Ich kann das nicht feststellen. Jedenfalls für die katholische Kirche sehe ich das nicht. Man muss, glaube ich, tatsächlich darauf schauen, wie das konkret gelebt wird. Da sehe ich doch auch bei unseren Seelsorgerinnen und Seelsorgern eine große Vorsicht, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Wir haben vorhin schon über die evangelikalen Freikirchen gesprochen - oder bei uns beispielsweise auch ganz fundamentalistische Kreise wie die Piusbruderschaft -, die das natürlich versuchen, die auch bei einschlägigen Demos unterwegs sind. Es muss schon jeder sehr sorgfältig prüfen, wenn er das Kreuz Christi in der Öffentlichkeit als Argument erhebt, ob das, was er vertritt, tatsächlich durch das Evangelium gedeckt ist.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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