Archiv: Demonstration gegen eine Anti-Corona-Maßnahmen-demo
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Pfarrerin Simone Carstens-Kant während einer Videoaufzeichnung
Pfarrerin Simone Carstens-Kant während einer Videoaufzeichnung

17.11.2020

Pfarrerin von Halle setzt Zeichen gegen Anti-Corona-Demo "Man wird in übelster Weise beschimpft"

Die Stimmung sei aufgeheizt, seit Gegner der Corona-Maßnahmen in Halle demonstrieren, so Pfarrerin Simone Carstens-Kant. Im Sommer sei sie niedergebrüllt worden. Nun hat sie mit ihrer Gemeinde ein Zeichen gegen Spaltung gesetzt.

DOMRADIO.DE: Wie stehen Sie und Ihre Gemeinde zu den Anti-Corona-Demonstrationen?

Pfarrerin Simone Carstens-Kant (Marktkirche Halle): Wir haben hier das Gefühl, dass diese Anti-Corona-Demonstration missbraucht werden, um Menschen auszugrenzen, um Rassismus zu verbreiten und sogar Antisemitismus. Das ist nicht unser Programm. Deswegen sagen wir: Wir beten, wir laden ein, in die Kirche zu kommen. 

DOMRADIO.DE: Kann man denn auch ein Zeichen setzen, ohne in die Kirche zu kommen?

Carstens-Kant: Was natürlich immer gut ist, wenn man nicht bei der Demonstration dabei ist, dass man auch im Stillen betet. Das finde ich ganz wichtig. Ich habe auch aufgerufen, dass alle, die doch ein bisschen Befürchtungen haben, dahinzugehen und auch nicht in die Kirche gehen wollen, weil da zu viele Leute bedrohlich erscheinen, eine brennende Kerze ins Fenster zu stellen.

Damit machen sie deutlich: Dieses Unruhestiften, das wollen wir nicht. Wir wollen da hingucken, wie wir trotz der Schwierigkeiten, die wir im Moment haben, friedlich miteinander umgehen können.

DOMRADIO.DE: Warum ist es Ihnen wichtig, als Kirche da ein Zeichen zu setzen?

Carstens-Kant: Die Marktkirche steht ganz im Zentrum dieser Stadt. Auf dem oberen Teil sind die einen Demonstranten, auf dem unteren Teil sind die anderen Demonstranten und wir stehen dazwischen. Ich empfinde uns als Kirche schon als einen wichtigen Teil dieser Gesellschaft. Wir haben vielleicht nicht so viele Mitglieder wie in den alten Bundesländern, aber wir sind Teil dieser Gesellschaft.

Deswegen finde ich es wichtig, dass Kirche sich auch an den Punkten einmischt, an denen es nicht mehr nur um eine Privatmeinung geht, Meinungen veröffentlicht werden, die ganze Völkergruppen diskriminieren. Oder dort, wo für Menschen demonstriert wird, die sonst keinen Sprachrecht bekommen.

DOMRADIO.DE: Braucht man Mut, um den Gegnern der Corona-Maßnahmen etwas entgegenzusetzen?

Carstens-Kant: Man braucht vor allem eine laute Stimme. Ich habe es im Sommer erlebt, als die Anti-Corona-Maßnahmen-Demonstranten da waren, dass man niedergebrüllt wurde. Man wird in übelster Weise beschimpft. Da habe ich es nicht so empfunden, dass ich Mut brauchte, sondern eher viel Geduld und einen großen Magen, um all das runterzuschlucken, was mir da an Widerwärtigkeit entgegengeschallt ist.

Zum Thema Aggression: Ich habe schon das Gefühl, dass diese Demonstrationen so aggressiv sind, dass man da entweder gar nicht hingeht, dem ausweicht oder selbst wirklich persönlich angegriffen fühlt. Da beziehe ich mich konkret auf den Sven Liebich, der hier täglich ein Demonstrationsrecht auf dem Markt eingefordert hat.

DOMRADIO.DE: Wie hat sich das Klima in der Stadt verändert in den vergangenen Monaten?

Carstens-Kant: Ich habe gerade nochmal im Internet geguckt und es war interessant, dass ganz viele Leute sagen: Ach, lasst den doch da rumbrüllen. Geht nicht hin. Das macht mir schon Hoffnung, dass ein Großteil dieser Stadt sagt: Das ist nicht unser Thema, sondern wir halten uns an bestimmte Regeln und halten uns auch an das Miteinander in dieser Stadt.

Diese täglichen Demonstrationen von Sven Liebich heizen die Situation in einer Stadt schon auf. Es ist schon so, dass Menschen etwas ängstlich reagieren und sagen: Wenn der da ist, gehe ich nicht mehr über den Markt.

DOMRADIO.DE: Inwiefern arbeiten die Kirchen in Halle in Sachen "Zeichen setzen gegen Rechts" zusammen?

Carstens-Kant: Heute kann ich leider sagen: Gar nicht. Wir mussten schnell entscheiden. Wir wissen erst seit Freitag, dass diese Demonstration für heute geplant waren. Deswegen hatten wir keine Möglichkeiten mehr, uns untereinander abzustimmen. Aber im Prinzip sind wir als Kirchen, egal welcher Konfession, auf demselben Weg.

Das Interview führte Dagmar Peters. 

Hinweis: Das Interview wurde vor der Demonstration, am Montagmittag, geführt und geringfügig gekürzt (Zeitbezüge). 

(DR)

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