Eine Frau sitzt alleine auf einer Kirchenbank
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Bayern, München: Menschen stehen bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese
Bayern, München: Menschen stehen bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese
Jürgen Fliege steht auf der Theresienwiese bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen
Jürgen Fliege steht auf der Theresienwiese bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen

06.11.2020

Sollten Christen in der Corona-Krise Privilegien genießen dürfen? "Das schafft im Zweifel eher böses Blut"

Gastronomie, Schwimmbäder und Theater sind seit Montag wieder geschlossen. Kirchen bleiben für Gottesdienstbesucher geöffnet, für Konzerte aber nicht. Die Publizistin Liane Bednarz sieht in den Maßnahmen einen Wertungswiderspruch.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Gehen Sie im Moment zum Gottesdienst oder verzichten Sie lieber darauf?

Dr. Liane Bednarz (Juristin und Publizistin): Ich verzichte im Moment auf jeden Kontakt, soweit das möglich ist und insofern auch auf Gottesdienste, um mich nicht zu gefährden, aber auch, um andere nicht zu gefährden. Ich könnte ja theoretisch auch dieses Virus haben, ohne dass ich das weiß oder merke.

DOMRADIO.DE: Sie haben vor zwei Wochen auf Twitter relativ meinungsstark geäußert: "Christlich konservativ ist, im Lichte einer Pandemie Disziplin und Rücksicht zu üben, statt wie ein Kleinkind zu zetern 'Ich will aber Gottesdienst ohne Maske, mit Singen, mit Mundkommunion, und lasse mich da nicht unterdrücken.' Können Sie das einmal für uns erläutern?

Bednarz: Ich habe in dieser ganzen Diskussion den Eindruck, dass es unter Christen, aber auch in kirchlichen Kreisen, verbreitet ist, doch sehr auf dieses Recht zu pochen, dass man unbedingt Gottesdienste feiern möchte. Für mich kommt so die Eigenverantwortung oder auch die Bereitschaft Verzicht zu üben, an Nächstenliebe zu appellieren, auch durchaus opferbereit zu sein, relativ zu kurz.

Mein Eindruck ist, dass da eine gewisse Ritualfixiertheit herrscht. Ich kann das natürlich verstehen. Gerade auch für Katholiken sind ja die Sakramente sehr wichtig. Aber in einer Ausnahmesituation wie jetzt sollte der Schutz anderer und insbesondere auch des Lebens anderer doch klar im Fokus stehen.

DOMRADIO.DE: Ein Konzert in der Kirche ist nicht gestattet, eine Messe aber schon. Selbst wenn jetzt ein Konzert vielleicht weniger Menschen als Zuschauer oder Zuhörer hat. Ist der Weg, die Gottesdienste aufzulassen, der richtige?

Bednarz: Ich würde jetzt auch nicht unbedingt dafür plädieren, dass man sie per se schließt. Das Problem, das ich damit habe, ist diese Diskrepanz zu anderen kulturellen Veranstaltungen. Es werden also Gottesdienste und damit letztlich Christen privilegiert. Hingegen wird Menschen, die nicht christlich sind, nicht zugestanden, beispielsweise in Form von Theateraufführungen auch für sich Sinn im Leben oder Halt zu finden oder auch dafür zu sorgen, dass die Psyche einigermaßen gesund bleibt.

Auch in den Theatern gibt es Hygienekonzepte und das Infektionsgeschehen, welches dort vielleicht sogar noch viel geringer ist oder unter Kontrolle gebracht werden kann. Um es etwas plastisch auszudrücken: Wenn die Kommunion ausgeteilt wird, dann sind die Menschen eng beieinander. Aber Hamlet steht auf der Bühne und teilt keine Kommunion aus und bringt insofern Leute auch nicht in Gefahr. Und da sehe ich gewisse Wertungswidersprüche, die dazu führen, dass dann auch zunehmende Kritik von nicht kirchlich gebundenen Leuten lauter wird.

Aktuell gibt es eine Umfrage in der katholischen Zeitung "Die Tagespost". Danach sind nur ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung damit einverstanden, dass es diese Privilegierung gibt. Und selbst bei den Katholiken sind es nur 25 Prozent. Selbst innerhalb der Gläubigen stößt diese Privilegierung also auf gewisse Zweifel.

DOMRADIO.DE: Für Katholiken ist die Eucharistie Quelle und Höhepunkt des Glaubens und für viele Leute vielleicht gerade jetzt auch in der Pandemie eine Kraftquelle. Würde man die denen nicht wegnehmen, wenn man jetzt die Gottesdienste schließt?

Bednarz: Nein. Ich sage ja auch nicht, dass man die Gottesdienste per se schließen muss. Ich halte es nur für problematisch, wenn man Christen zugesteht, die Eucharistie weiterhin feiern zu können, während Menschen, die nicht christlich sind, keine Möglichkeit haben, in Form von kulturellen Veranstaltungen auch für sich einen gewissen Halt zu finden.

Und das wird sicherlich nicht dazu führen, dass das Ansehen von Christen insgesamt steigt. Das wird auch sicherlich keinen Effekt in Richtung Neuevangelisation haben. Das schafft im Zweifel eher böses Blut.

DOMRADIO.DE: Am Sonntag hat sich in München eine Querdenken-Demo mit 1.900 Teilnehmern gegen Coronamaßnahmen kurzfristig zum Gottesdienst erklärt, um die Beschränkungen für Großveranstaltungen zu umgehen. Aufgetreten ist dabei unter anderem Pfarrer Jürgen Fliege. Müssen wir so etwas aushalten, wenn uns die Religionsfreiheit wichtig ist?

Bednarz: Das ist genau das Problem, was dieser Wertungswiderspruch, den ich gerade beschrieben habe, mit sich bringt oder wozu er führen kann. Leute, die primär demonstrieren wollen, widmen die Demo um in einen Gottesdienst, um diese Privilegien in Anspruch zu nehmen und damit letztlich auch Gott in gewisser Weise missbrauchen.

Und das zeigt die ganze Problematik dieser Privilegierung. Daher sollte die Regelung so sein, dass so etwas gar nicht erst passieren kann.

DOMRADIO.DE: Wie sollte diese Regelung Ihrer Meinung nach aussehen?

Bednarz: Es sollte schon klar sein, dass Gottesdienste nicht per se derart privilegiert sein dürfen. In München hätten normalerweise nur bis zu 1.000 Leute demonstrieren dürfen. Bei Gottesdiensten gibt es diese Obergrenze im Moment nicht. Und da stelle ich mir ganz ehrlich die Frage: Wieso denn nicht? Es macht ja keinen Unterschied für das Virus, ob Menschen jetzt einen Gottesdienst feiern oder demonstrieren. Da muss man ganz klar von der Gefahrenlage her Regelungen schaffen, die dann aber auch gleichermaßen gelten.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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